GedankenraumHans Jessen — DenkerVita
Lange ARD-Korrespondent in Berlin, heute „Alterspräsident“ bei Jung & Naiv: Hans Jessen stellt die Fragen aus dem Live-Chat und erzählt die Wut von heute aus ihrer langen Vorgeschichte.
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Max Liebermann: ein weißhaariger Herr mit Brille sitzt unter Kastanien an der Spree auf einer Parkbank, die Zeitung auf dem Knie, und dreht sich im Gespräch einem jungen Mann im Kapuzenpullover zu, der ihm ein Mikrofon hinhält; in der Ferne die Kuppel des Reichstags. Liebermann, der Berliner Impressionist, der bis ins hohe Alter mit wachem Blick gemalt hat, für einen Journalisten, der nach vierzig Jahren ARD im Ruhestand bei Jung & Naiv weitermacht, zwischen den Generationen, mit Humor und Gedächtnis. Die Note malt Mattheuer, die Vita Liebermann.
Prompt: Wide 1200x500 panoramic painting in the manner of Max Liebermann's late Berlin impressionism: loose, sunny brushwork, a white-haired older gentleman with glasses in a light summer jacket sits on a park bench under chestnut trees on the bank of the Spree in Berlin, a folded newspaper on his knee, turning his head in lively conversation with a younger man in a hoodie sitting beside him who holds a small microphone; dappled afternoon light, green shade, the glass dome of the Reichstag faintly visible in the hazy distance across the water. Warm, attentive, a lifetime of listening. No signature, no artist monogram, no initials, no scribbles, no text anywhere, no letters, no sign boards, no flags, no party logos, no symbols. All four corners and the bottom edge are plain and empty. Painterly, not photorealistic.
Biographischer Snapshot
Hans Jessen (1949, Barsinghausen) — Fernsehjournalist, lange ARD-Hauptstadtkorrespondent für Tagesschau und Tagesthemen, zuletzt Chef vom Dienst des Berichts aus Berlin, davor Reporter und Moderator bei Radio Bremen (buten un binnen). Seit seinem Ruhestand 2014 der „Alterspräsident“ bei Jung & Naiv: mit Tilo Jung in der Bundespressekonferenz, zuständig für Publikumsfragen, Stammgast der Runde „Der entscheidende Punkt“.
Biografie
Hans Jessen (* 31. Juli 1949 in Barsinghausen bei Hannover) ist ein deutscher Fernsehjournalist. Bekannt wurde er als Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio. Heute ist er der Älteste im Team von Jung & Naiv; in der Sendung nennt er sich selbst den „Alterspräsidenten".
- Herkunft & Familie: Er ist Enkel des Berliner Architekten Hans Jessen (1874–1930). Der Historiker und Zeitungswissenschaftler Hans Jessen (1897–1979) war ein Cousin seines Vaters.
- Schule & Studium: Jessen besuchte die Tellkampfschule in Hannover und studierte an der Universität Hannover Politikwissenschaft, Soziologie und Germanistik, Abschluss mit dem Staatsexamen. In Hannover war er AStA-Vorsitzender. Nach eigener Angabe war er als Student bei den Jusos und damit in der SPD. Gerhard Schröder kennt er nach eigenen Worten „noch aus Studentenzeiten" in Hannover.
- NDR (1977/1980–1986): Ab 1977 war er freier Mitarbeiter für Zeitungen, den NDR und das ZDF. Ab 1980 arbeitete er beim NDR, zuerst frei, dann als festangestellter Redakteur im Zeitfunk.
- Radio Bremen (1986–1999, 2006–2010): Reporter, Moderator und Chef vom Dienst des Regionalmagazins buten un binnen. Ab 1994 gehörte er zum internationalen Trainerteam für Fernsehjournalisten bei Circom Regional.
- ARD-Hauptstadtstudio (1999–2006, 2010–2014): 1999 wurde er Korrespondent im neu eröffneten Berliner Studio. Nach einer zweiten Zeit bei Radio Bremen kehrte er 2010 zurück, berichtete für Tagesschau und Tagesthemen und war bis zum Ruhestand 2014 Chef vom Dienst des Berichts aus Berlin. Am 14. März 2003, als Schröder im Bundestag die Agenda 2010 verkündete, hatte er nach eigener Erinnerung Dienst für die Tagesschau.
- Arbeitsschwerpunkte nach eigenen Angaben: Außenpolitik, Bildungs- und Forschungspolitik, Umweltpolitik, Entwicklungszusammenarbeit sowie die Parteien Die Linke und Die Grünen.
- Seit 2015: freier Journalist und Publizist, Moderator politischer und kultureller Veranstaltungen. Seitdem ist er eine feste Stimme im Jung & Naiv-Kosmos (siehe unten).
Öffentliche Arbeit, Kanäle & Engagement
Ein Buchwerk ist nicht bekannt. Seine Arbeit ist das gesprochene Wort, früher in der ARD, heute auf YouTube und im Podcast.
- Jung & Naiv (YouTube/Podcast): Seit 2018 ist er einer der Gastgeber des Regierungstagebuchs, seit 2020 regelmäßiger Co-Moderator der Live-Formate. Mit Tilo Jung sitzt er in der Bundespressekonferenz. In den Interviewfolgen übernimmt er den zweiten Teil, die Publikumsfragen aus dem Live-Chat, und stellt dabei eigene Fragen, oft mit historischem Unterbau.
- „Der entscheidende Punkt": Er ist Stammgast im Politik-Talk von Jung & Naiv, meist mit Albrecht von Lucke und Ulrike Herrmann.
- Hans Jessen Show – Deine Politiksprechstunde (Dezember 2020 bis November 2022): ein eigenes Talkradio-Format auf dem Jung-&-Naiv-Kanal, in dem Zuschauer anrufen. → Folge #1, 8. Dezember 2020
- Aufwachen!-Podcast: Von 2017 bis 2024 war er regelmäßig zu Gast. Seit der Wiederaufnahme Ende 2022 bildet er mit Tilo Jung und Stefan Schulz das feste Moderatorenteam.
- Circom Regional: Ab 1994 langjähriger Trainer für Fernsehjournalisten in einem europäischen Netzwerk regionaler Sender.
- Moderation und Mitwirkung bei politischen und kulturellen Veranstaltungen, z.B. 2009 auf der 2. Bonner Konferenz für Entwicklungspolitik (dort mit Kurzbiografie geführt).
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Politikjournalist Hans Jessen — Jung & Naiv: Folge 695: Das Porträtgespräch mit ihm selbst. Es geht um Herkunft, Jusos, die ARD-Jahre und darum, wie sich der Hauptstadtjournalismus verändert hat.
- Der entscheidende Punkt: Nach den Landtagswahlen (21.09.2026): Wahlnachlese zu Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Er verbindet die Agenda 2010 mit dem heutigen AfD-Hoch.
- Der entscheidende Punkt: 1 Jahr Kanzler Merz & Groko: Jahresbilanz mit Albrecht von Lucke und Ulrike Herrmann. Hier entstand das Autoscooter-Bild für Merz' Politikstil.
- Hans Jessen Show mit Aimée van Baalen (Letzte Generation): eine Politiksprechstunde über Klimaprotest und zivilen Ungehorsam.
Kernthesen
- Die Wut von heute hat eine lange Vorgeschichte. Die Agenda 2010 sieht er rückblickend als Reaktion auf die „politischen Sünden" der zehn bis zwanzig Jahre davor: neoliberale Wirtschaftspolitik, Privatisierung und den Abbau staatlicher Vorsorge. Am Ende stand ein System, das eine Regierung nur noch mit harten Einschnitten zu Lasten der Ärmeren „händeln" konnte. Die Lage heute hält er für vergleichbar.
- „Denkzettelwahl" ist ein zu blasser Begriff. Er zitiert Nachwahlbefragungen aus Mecklenburg-Vorpommern 2026: 53 % der AfD-Wähler wählten sie nach eigener Angabe aus Überzeugung, 36 % aus Enttäuschung. Bei den Erstwählern der AfD sei es umgekehrt (63 % zu 31 %). 70 % glaubten nicht, dass die AfD ihre Versprechen in der Regierung umsetzen würde. (Die 70 % sind allerdings der Wert aller Befragten; unter AfD-Wählern sind es 26 %, und der Anteil der Überzeugten stieg seit 2016 von 24 auf 53 % — → Faktencheck.) Seine Deutung: eine tiefsitzende Frustration, die es „denen zeigen" will, egal wie destruktiv das ist. Bei Erstwählern wiegt die Enttäuschung schwerer als die Überzeugung.
- Analyse ist kein Schicksal. Dem Einwand, seine Diagnose klinge deterministisch, widerspricht er: „Determinismus ist nicht mein Ding." Wer beschreibt, wie etwas gekommen ist, sagt damit nicht, dass es so kommen musste.
- Macht braucht Demut. Wer in einer freien Gesellschaft führen will, braucht Demut vor dem Amt und das Bewusstsein, zu dienen. Er spricht dabei von der Herr-Knecht-Dialektik. Merz fehle das; er diene vor allem dem eigenen Ego. Seine letzten Auftritte deutet Jessen als Luther-Pose („Hier stehe ich, ich kann nicht anders"), eine Selbstinszenierung als Opfer.
- Die Union hat Autoritäres in sich selbst. Dass Merz nach den Wahlen vom „furchtbaren Gift des Autoritären" sprach, hat ihn verblüfft. Die Union habe seit Ende der 1960er die Gegenfront zur antiautoritären Bewegung gestellt und sei in Struktur und Entscheidungswegen bis heute „mehrheitlich eine absolut autoritäre Partei".
- Landespolitik ist Mittelgebirge, Bundespolitik hochalpin. Mit diesem Bild des frühen Joschka Fischer fragt er, wer von der Landes- auf die Bundesebene wechseln kann. Schröder habe beides gekonnt.
- Meinungen sind nicht statisch. Beim Berliner Volksentscheid zur Vergesellschaftung von Wohnungskonzernen hält er Tilo Jung entgegen, dass die Demokratie repräsentativ verfasst ist. Eine aktuelle Umfrage zeige inzwischen eine Mehrheit gegen Enteignung.
- Bilder für die Kanzlerschaft Merz (2026): Merz' Stil gleiche einem Kind im Autoscooter, das überall aneckt und einfach weiterfährt. In der Außenpolitik sehe er keinen „magnetischen Nordpol", keine durchgehende deutsche Linie. Unbeliebt sei die Regierung vor allem, weil viele das Gefühl haben: „Die können es einfach nicht."
Politische / ideologische Einordnung
Jessen hat einen sozialdemokratischen Hintergrund: Jusos und AStA-Vorsitz als Student, Schröder kennt er aus Hannover. Heute ist kein Parteiamt oder Engagement bekannt. Er kritisiert den neoliberalen Kurs seit den 1980ern und die Union, bleibt dabei aber institutionell loyal. Die repräsentative Demokratie und die Grenzen von Volksentscheiden verteidigt er auch gegen den eigenen Gastgeber. Bei Jung & Naiv ist er das Gedächtnis der Runde, geprägt vom Hauptstadtjournalismus der Bonner und frühen Berliner Republik. Er bringt die historische Linie ein, die Anekdote aus der eigenen Zeit und die nüchterne Einrede, wenn die Runde sich einig wird.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Tilo Jung — Gastgeber und Gegenüber. Jessen widerspricht nüchtern, wenn Jung Sachzwänge für erfunden erklärt oder den Volksentscheid über die repräsentative Mehrheit stellt. Beide erzählen dieselbe Geschichte aus zwei Generationen: Jessen hatte Tagesschau-Dienst bei der Agenda-2010-Rede, Jung sah an der Seenplatte die Älteren aufhören zu wählen.
- Albrecht von Lucke — Stammkollegen im „entscheidenden Punkt“ mit verschiedenen Merz-Diagnosen: von Lucke liest das Führungsvakuum als Symptom, Jessen spricht von Ego, fehlender Demut und fehlendem Bewusstsein des Dienens.
- Alexander Thiele — Jessens Summe nach den Landtagswahlen, Menschen, die sich nicht gehört fühlen, ist Thieles erstes Legitimitätsdefizit. Beide verteidigen die repräsentative Ordnung und fragen, was sie ihren Enttäuschten schuldet.
- Elif Eralp — Jessen führte vor der Wahl durch ihre Publikumsfragen und erklärt danach ihren Sieg damit, dass sie die „Unerträglichkeit der Mieten“ benannt habe. Zugleich hält er ihrem Programm die repräsentative Demokratie und eine Mehrheit gegen Enteignung entgegen.
Gedankenwelten-Notes
- Der Entscheidende Punkt — Nach den Landtagswahlen
- Der Entscheidende Punkt — 1 Jahr Kanzler Merz
- Jung & Naiv — 1 Jahr Kanzler Merz
- Ardalan Ibrahim — Die Partei für Losdemokratie (Publikumsfragen — Streit über Habermas, Kapitalismus und Adorno)
- Elif Eralp — Berlin-Wahl 2026 bei Jung & Naiv (Publikumsfragen)
- Rainer Mühlhoff — Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus (Publikumsfragen)
- Diba Mirzaei — Irankrieg & Geschichte (Jung & Naiv 815) (Publikumsfragen)
- Eva von Redecker — Über den neuen Faschismus (Jung & Naiv 811) (Publikumsfragen)
- Leonhard Horowski — Adel, Klassen und Gesellschaft (Publikumsfragen)
- Steffen Mau — Die (gefühlte) Spaltung der Gesellschaft (Publikumsfragen)
Quellen: Wikipedia — Hans Jessen (Journalist) · Jung & Naiv Folge 695 · Bonner Konferenz für Entwicklungspolitik 2009, Kurzbiografie · Transkript „Der entscheidende Punkt: Nach den Landtagswahlen" (21.09.2026)
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