GedankenraumDer Entscheidende Punkt — Nach den Landtagswahlen
Am Tag nach der Wahl findet eine Runde von Journalisten für AfD und Linke dasselbe Wort: Hoffnung. Was wird aus Menschen, die sich lange nicht gehört fühlten, wenn sie gehört werden wollen?
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Wolfgang Mattheuer: eine lange, gerade Landstraße durch flaches mecklenburgisches Feld. Weit oben am Horizont schwebt eine kleine helle Figur an einem Bündel bunter Luftballons. Auf der Straße stehen drei gewöhnliche Leute mit dem Rücken zum Betrachter und schauen hinauf: ein älterer Mann in Arbeitsjacke, eine Frau mit Einkaufstasche, ein Junge mit Fahrrad. Daneben ein leeres Wartehäuschen, ein Haus mit geschlossenen Läden, eine leere Bank. Mattheuer, der Leipziger Maler, hat mit Hinter den sieben Bergen (1973) genau dieses Bild gemalt: das ferne, leuchtende Versprechen über einer grauen Straße. Das passt zu einem Abend, an dem das Wort „Zukunft“ auf einem Schweriner Marktplatz Jubel auslöst und in Berlin verzagt klingt, und an dem niemand weiß, ob das Versprechen näher kommt oder davonfliegt.
Prompt: Wide 1200x500 panoramic painting in the manner of Wolfgang Mattheuer, the Leipzig school painter of 'Hinter den sieben Bergen': smooth, clear, slightly surreal East German landscape painting, muted greens, ochres and grey-blue with a few vivid accents, calm and uncanny. A long straight empty country road runs through flat Mecklenburg fields toward the far horizon under a wide pale sky. Far away above the horizon floats a small bright figure holding a bunch of colorful balloons, glowing like a promise. In the middle distance three ordinary people — an older man in a work jacket, a woman with a shopping bag, a boy with a bicycle — stand on the road with their backs to the viewer, looking up toward the glowing figure. At the right side of the road an empty bus shelter and a plain village house with closed shutters, blank white wall without any sign board, a single empty wooden bench. Stillness, longing, doubt; the promise is far and bright, the village near and grey. Painterly, not photorealistic. The bottom edge and all four corners are plain grass, asphalt and sky with nothing drawn on them. No signature, no artist monogram, no initials, no scribbles, no text anywhere, no letters, no sign boards, no house names, no flags, no party logos, no symbols.
Am Tag nach den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin findet eine Runde von Journalisten für AfD und Linke dasselbe Wort: Hoffnung. Jana Hensel (ZEIT) erzählt die lange Abschiedsbewegung des Ostens, die mit Hartz IV sichtbar wurde, und besteht darauf, dass der Rechtsruck einen materiellen Kern hat. Marina Kormbaki (SPIEGEL) kommt vom Schweriner Marktplatz, wo das Wort „Zukunft“ Jubel auslöst, und aus dem Adenauer-Haus, wo der Kanzler die Bürgerversicherung andeutet und sie zwei Stunden später dementieren lässt. Hans Jessen legt die Nachwahlzahlen hin, Tilo Jung die Sachzwänge, die er für keine hält. Am Ende zieht Jessen die Summe des Abends: Was macht eine Demokratie mit Menschen, die das Gefühl haben, nicht gehört zu werden?
Quelle: DER ENTSCHEIDENDE PUNKT: Nach den Landtagswahlen | Mit Jana Hensel (ZEIT), Marina Kormbaki (SPIEGEL) — Jung & Naiv, Livestream vom 21.09.2026, 2:09 Stunden. Fortsetzung von Der Entscheidende Punkt — 1 Jahr Kanzler Merz; Albrecht von Lucke und Ulrike Herrmann fehlten diesmal.
Jana Hensel (1976, Borna) — Schriftstellerin und Journalistin, seit 2018 bei der ZEIT für Bundespolitik und Ostdeutschland. Bekannt wurde sie 2002 mit Zonenkinder, dem Erinnerungsbuch über die letzte DDR-Kindheit. Im Februar 2026 erschien Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet, eine politische Geschichte der ostdeutschen Gesellschaft seit 1990, aus der sie an diesem Abend erzählt. → DenkerVita
Marina Kormbaki — stellvertretende Leiterin des Hauptstadtbüros beim SPIEGEL. Sie berichtet über den Kanzler und begleitet Friedrich Merz auf Reisen, ihre Schwerpunkte sind Außen- und Verteidigungspolitik. Die Hannoveranerin lernte bei der Hannoverschen Allgemeinen, war Korrespondentin des RND und kam über The Pioneer 2022 zum SPIEGEL. Vor der Wahl war sie auf AfD-Kundgebungen in Merseburg und Schwerin. → DenkerVita
Hans Jessen (1949, Barsinghausen) — Fernsehjournalist, lange ARD-Hauptstadtkorrespondent für Tagesschau und Tagesthemen, zuletzt Chef vom Dienst des Berichts aus Berlin, davor bei Radio Bremen. Seit seinem Ruhestand 2014 der „Alterspräsident“ bei Jung & Naiv, mit Tilo Jung in der Bundespressekonferenz. → DenkerVita
Tilo Jung (1985, Malchin) — Gründer von Jung & Naiv, moderiert die Runde, aufgewachsen an der Mecklenburgischen Seenplatte. Macht aus seiner linken Haltung kein Geheimnis, und in diesem Gespräch auch nicht. → DenkerVita
Die Hoffnungspartei
8:18 — Merseburg, ein Familienfest der AfD. Marina Kormbaki steht in der Menge und wartet auf eine Rede, die nicht kommt. Ulrich Siegmund, der Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, spricht kurz und kaum politisch. Seine paar Sätze wimmeln von Zukunft, davon, dass man Geschichte schreiben wolle, dass jetzt die „Wende 2.0“ bevorstehe. Eine Woche später, auf dem Marktplatz in Schwerin, dasselbe. Siegmund ist zur Abschlusskundgebung von Leif-Erik Holm angereist, die meisten sind seinetwegen da, und sobald er „Zukunft“ sagt, kommt aus dem Publikum eine Welle der Zustimmung. Kormbaki will das erst einmal nur festhalten und stellt daneben, was sie von Merz, Klingbeil und den Grünen hört: „einen ziemlich verzagten, vielleicht aber auch bloß realistischeren Blick nach vorn“ 9:53.
Der Satz hält beide Möglichkeiten offen, und das macht ihn ehrlich. Vielleicht verspricht die AfD das Unmögliche und die Regierenden sagen die Wahrheit. Dann bleibt trotzdem die Frage, warum die Wahrheit so klingt, als freue sich niemand auf das, was kommt. Thomas de Maizière hatte es nach der Wahl in Sachsen-Anhalt auf einen Satz gebracht, den Kormbaki zitiert: Die AfD sei „zu einer Hoffnungspartei geworden“ 6:03. Sie holt ihre Zuwächse vor allem bei früheren Nichtwählern, bei Menschen, die sich vernachlässigt und verraten fühlen, und dieses Gefühl, schiebt Kormbaki ein, könnten sie „häufig auch real unterfüttern“.
3:00 — Am Anfang des Abends steht ihr Satz über die Gewöhnung. Tilo Jung zählt die historischen Befunde auf: Die CDU fliegt in Mecklenburg-Vorpommern mit 4,9 Prozent aus dem Landtag, zum ersten Mal überhaupt aus einem deutschen Landesparlament; die Linke wird in Berlin stärkste Kraft; die Tierschutzpartei landet vor der FDP. Kormbaki antwortet: „Ich will und kann mich nicht an diesen blauen Balken gewöhnen.“ Man neige inzwischen dazu, die AfD an ihren eigenen Maximalzielen zu messen, und finde ein Ergebnis dann „nicht so krass“. Die Beobachter übernehmen den Maßstab der Partei, die sie beobachten. So unauffällig beginnt eine Normalisierung.
Als Jung später den Wunsch, „dieses System kaputt zu machen“, zum eigentlichen Motiv erklärt, widerspricht sie: „Nicht nur.“ In Schwerin nannten ihr die Leute auf die Frage nach ihrer Wahl erstaunlich oft die Hilfe für die Ukraine, Pistorius' „Kriegstüchtigkeit“ und das billige Gas aus Russland. „Das ist nicht nur Affekt. Die Leute machen sich schon auch Gedanken“ 17:29. Den Wählern Gründe zuzutrauen, auch solche, die man falsch findet, ist die Voraussetzung dafür, mit ihnen zu streiten.
Auf dem Marktplatz löst das Wort „Zukunft“ Jubel aus, im Kanzleramt klingt es verzagt. Ist das der Realismus der Regierenden — oder ein Verzicht, der das Feld dem überlässt, der am lautesten verspricht?
Die lange Abschiedsbewegung
9:53 — Jana Hensel holt das Bild in die Länge. Dass die AfD aus dem Milieu der Nichtwähler rekrutiert, sei nicht neu, das sehe man seit ihrem ersten Antritt in Sachsen-Anhalt 2016. In den zehn Jahren davor war die Wahlbeteiligung in Ostdeutschland so niedrig wie nie seit der Einheit. „Wir sehen eigentlich schon eine sehr lange Abschiedsbewegung von Teilen der ostdeutschen Gesellschaft, die erstmal … sich nur zurückziehen und nicht mehr teilnehmen“ 10:39, und die in der AfD dann einen neuen Ort gefunden haben.
Tilo Jung erinnert sich an die Mecklenburgische Seenplatte der späten Neunziger. In seiner Familie hörten gerade die Älteren auf, wählen zu gehen, und er war manchmal froh darum, denn die Losung hieß „lieber nicht wählen als NPD wählen“ 12:57, später „lieber nicht wählen als AfD“. Als Junge fand er das unverständlich, er war stolz auf seine erste Wahl. Irgendwann verstand er es: Das westdeutsche System, das die Leute zwanzig Jahre lang idealisiert hatten, kam als Überforderung und als Ausverkauf an den Westen, und die Westdeutschen weigerten sich, genauer hinzusehen.
Hensel, die über diese Jahrzehnte gerade ein Buch geschrieben hat, datiert den Bruch genauer. Die Neunziger waren brutal, Ende 1991 hatte schon eine Million Ostdeutsche ihre Arbeit verloren (es waren eher mehr, → Faktencheck), und trotzdem blieb der Glaube an die Demokratie erstaunlich lange stehen. „Mit der Einführung von Hartz IV sehen wir die erste sichtbare Abbruchkante“ 19:00. Die Pointe liegt im Datum. 2002 hatten ausgerechnet die Ostdeutschen Gerhard Schröder im Amt gehalten, mit seinem Nein zum Irakkrieg und den Gummistiefeln an der Elbe; drei Jahre später führte seine Regierung Hartz IV ein. Daraus zieht Hensel ihre These, „dass eigentlich die Sozialdemokraten am Aufstieg der AfD schuld sind und die Union es dann zehn Jahre später eher trifft“ 19:46.
Hans Jessen war damals dabei. Er hatte Tagesschau-Dienst, als Schröder die Agenda 2010 im Bundestag verkündete, einen Mann, den er noch aus Hannoveraner Studentenzeiten kannte, und der sich nun inszenierte wie Churchill: Blut, Schweiß und Tränen. „Man konnte physisch spüren im Bundestag, das ist ein massiver Einschnitt“ 21:17. Hensels These ist zugespitzt, und sie weiß das. Eine Lücke hat sie: Zwischen Hartz IV und der AfD liegen zehn Jahre, in denen der Protest erst nach links ging, zur PDS, zur WASG, zur Linken, die 2009 im Osten fast jede dritte Stimme holte. Die Kante, die Hensel beschreibt, hat die soziale Frage zuerst der Linken zugespielt. Wie sie von dort nach rechts wanderte, ist der eigentliche Rätselteil ihrer Geschichte.
Denkzettel ist ein zu blasses Wort
22:04 — Jessen hat die Nachwahlbefragung aus Mecklenburg-Vorpommern mitgebracht. 53 Prozent der AfD-Wähler haben sie aus Überzeugung gewählt, 36 aus Enttäuschung. Bei denen, die zum ersten Mal AfD wählten, sei es umgekehrt: 63 Prozent Enttäuschung, 31 Überzeugung. Und 70 Prozent glaubten nicht, dass die AfD ihre Versprechen an der Macht umsetzen würde; die Wähler, folgert Jessen, kalkulierten den Bruch schon ein. „Früher hieß das dann Denkzettelwahl. Das ist aber ein viel zu blasser und zu enger Begriff“ 23:38. Es sei eine tiefsitzende Frustration, der Wunsch, es denen zu zeigen, die das Land aus ihrer Sicht jahrzehntelang heruntergewirtschaftet haben — und wie destruktiv das ist, spiele dann fast keine Rolle mehr.
Die Zahl, die dieses Bild trägt, gehört nicht zu ihm (Faktencheck: falsch zugeordnet). Die 70 Prozent sind der Wert aller Befragten in Mecklenburg-Vorpommern. Von den AfD-Wählern glauben nur 26 Prozent, dass auch die AfD ihre Versprechen nicht halten wird. Und dieselbe Befragung zeigt eine Zeitreihe, die Jessen nicht erwähnt: Aus Überzeugung wählten 2016 noch 24 Prozent der AfD-Wähler, 2021 waren es 36, jetzt 53 (tagesschau/infratest dimap). Das Wort Denkzettel ist damit zu blass und zugleich zu groß: Es beschreibt eine schrumpfende Minderheit. Die Mehrheit erwartet etwas von dieser Partei.
Hensel widerspricht, und das ist einer der besten Momente des Abends: „Mir gefällt der Determinismus nicht, der da mitschwingt“ 24:26. Es habe immer wieder Momente gegeben, in denen die Entwicklung aufgehalten wurde. 2019 kamen die Grünen in drei ostdeutsche Landesregierungen, 2021 kam die Ampel, „eine Art progressives Interregnum“ 25:12, in dem die AfD zur ostdeutschen Regionalpartei zu schrumpfen schien. Und dann hört sie in Jessens Ton etwas, das ihr bei Merz begegnet: den Sachzwang als Erzählung, Merkels Alternativlosigkeit, einen Kanzler, der sich als Stabilisator in einer Welt inszeniert, deren Gesetze man angeblich nicht ändern kann. Jessen wehrt sich: Wer analytisch beschreibt, wie etwas passiert ist, behaupte nicht, dass es so kommen müsse.
27:28 — Kormbaki zieht die Linie weiter, und sie ist unbequem. Der Reiz der AfD, „und übrigens auch der Linkspartei hier in Berlin“, speise sich daraus, dass ihre Spitzenkandidaten den Anschein von Alternativlosigkeit durchbrechen. Sie stellen Alternativen in Aussicht, „die mir jedenfalls nicht gefallen, aber jedenfalls nicht in Gänze“. Die Parallele ist heikel, aber genau im Mechanismus: Beide Wahlsieger haben den Satz „es könnte auch anders laufen“ im Angebot, und die Parteien der Mitte haben ihn verlernt.
Dazu kommt, dass die Union gar nicht erst gekämpft hat. Im Adenauer-Haus wurde vor Monaten eine „Strategie der weißen Flecken“ geschrieben, mit Bussen und Städtepartnerschaften, aus der nichts wurde 29:47. Merz kam, so Hensel, durch den Hintereingang und ging durch den Hintereingang; die Partei habe Sachsen-Anhalt aufgegeben, bevor der Wahlkampf begann. Die Grünen, Schwesig und auch Siegmund hätten gezeigt, „dass die Leute in Wahlkämpfen sehen wollen, dass du kämpfst“ 30:33. Hensels Einwand bekommt durch die korrigierte Zahl mehr Gewicht, als sie selbst ahnt. Wer aus Enttäuschung wählt, wäre noch zu gewinnen; wer aus Überzeugung wählt, will überzeugt werden. Beides verlangt dasselbe: Parteien, die kämpfen und etwas anbieten.
In der Runde trägt eine Zahl die Deutung „Denkzettel ohne Erwartung“, die sich als Zahl aller Befragten herausstellt; unter AfD-Wählern wächst seit zehn Jahren die Überzeugung. Wie oft beruhigen wir uns mit dem Bild vom Protestwähler, weil es leichter zu ertragen ist als das vom überzeugten?
Der materielle Kern
39:41 — In Sachsen-Anhalt wählten nach Hensels Zahlen 61 Prozent der Arbeiter die AfD, und der Anteil steigt seit dem ersten Antritt von Wahl zu Wahl, während die SPD, die alte Arbeiterpartei, „letztlich eine Partei der Beamten, Akademiker und Rentner“ geworden sei. Daraus folgt ihr Kernsatz: Der Rechtsruck vor allem im Osten habe „einen materiellen Kern, den wir viel zu sehr vernachlässigt haben“ 40:26. Die Öffentlichkeit habe viel über Einstellungsmuster gesprochen, zu Recht über Rassismus und Nationalismus, und darüber den materiellen Unmut übersehen, der sich inzwischen auch im Westen zeige. „Die soziale Frage wird im Moment an rechts adressiert“ 41:57, und dort als Verteilungsfrage zwischen „denen von hier und denen von dort“ beantwortet. Jung fragt dazwischen, wer ein Interesse daran habe, das nicht zu thematisieren. Hensel will erst bei ihrer Beschreibung bleiben.
Merz, sagt sie, habe die große Reformdebatte mit dem Vorwurf eröffnet, die Deutschen arbeiteten zu wenig. „Das ist schon mal so ein Momentum, wie man so einen großen Reformprozess keinesfalls beginnen darf“ 42:43. Ihre Gegenrechnung ist klug: „Only Nixon can go to China“ 43:29 — gerade ein Konservativer wie Merz hätte zum Auftakt einen Verzicht der Reichen und Superreichen verlangen können, und dann hätte man die heutigen Debatten nicht.
Jung geht weiter. Die Sachzwänge seien keine. Rot-Grün habe die ausgesetzte Vermögensteuer nie wieder erhoben, die Schuldenbremse habe sich die Politik selbst ins Grundgesetz geschrieben, und das alte Modell aus Exporten nach China, billigem Gas aus Russland und amerikanischer Sicherheit sei am Ende. Kormbaki gibt ihm bei den Beharrungskräften recht, hält aber dagegen: Der Haushalt sei eng, und es gebe „durchaus einen Konnex zwischen wirtschaftlichem Wachstum und Demokratiefestigkeit“ 35:53. Wo Menschen um ihre Arbeit fürchten, schwinde die Nähe zu den Parteien der Mitte; darum sei die Priorität auf Wachstum richtig, nur die Mittel seien fraglich.
An der Rüstung prallt es am härtesten aufeinander. Jung: Von einem Moment auf den anderen seien 500 Milliarden da, und zugleich werde an anderer Stelle gespart; die Leute fragten, „warum ist da nicht Geld für meine soziale Absicherung“ 59:33. (Die Zahl vermischt zwei Töpfe, → Faktencheck.) Kormbaki ist die Einzige in der Runde, die die Aufrüstung verteidigt, wegen eines hochgerüsteten Russlands und seiner hybriden Kriegsführung, und sie leugnet den Preis nicht: „Natürlich tut das weh … natürlich wäre es sehr viel besser, wenn die ganze Kohle anderswohin, in Bildung, in Gesundheit fließen würde“ 1:07:17. Hensel nennt den wachsenden Wehretat neben dem Sparen an den Sozialsystemen „einen gigantischen gesellschaftspolitischen Konflikt“ 1:08:03, den man vom ersten Tag an hätte managen müssen. Und die unerwartet starken Ergebnisse des BSW liest Kormbaki als „Korrektiv“ 1:00:22: Krieg und Frieden ist das Thema, das die Leute in Schwerin bewegte. Wie weit Hensels materieller Kern trägt, prüft die Nachbesprechung.
Der Klartextsprecher
45:46 — Kormbaki erzählt ihren Tag. Nach stundenlangen Gremiensitzungen tritt Merz im Adenauer-Haus vor die Presse und spricht, auf eine Frage der ZEIT-Journalistin Mariam Lau, plötzlich von einem „gestörten Gerechtigkeitsempfinden“ in der Bevölkerung. Als Beispiel nennt er die Zwei-Klassen-Medizin, und für einen Moment schöpfen Sozialdemokraten die Hoffnung, ausgerechnet Merz führe die Bürgerversicherung ein. Keine zwei Stunden später dementiert das Bundespresseamt. Hensel sieht darin das älteste Vorurteil über ihn bestätigt, „der Meinung zu sein jeweils desjenigen, mit dem er zuletzt gesprochen hat“ 47:20. Am Nachmittag legen die Unions-Ministerpräsidenten nach, Mütterrente, Tankrabatt, CO2-Preis. Die Reformen fransen aus.
Jessen hört in Merz' Satz — wenn in der Bevölkerung das Gefühl verbreitet sei, Privatversicherte bekämen schneller Termine — Realitätsferne; jeder, der mit dem Gesundheitssystem zu tun habe, wisse das seit Jahren. Hensel liest feiner. Merz hatte Mecklenburg-Vorpommern mit kaum zu überbietenden Worten ein Desaster genannt und dabei gewirkt, als habe es mit ihm nichts zu tun. „Es fällt ihm gar nicht so schwer, so offene, klare Worte zu finden, weil er sich selbst nicht primär dafür verantwortlich fühlt“ 51:54. Kormbaki, die ihn im Kanzleramt begleitet: „Friedrich Merz gefällt sich in der Pose des Klartextsprechers“ 53:27. Damit hat er den Parteivorsitz gewonnen und die Kanzlerschaft, und jetzt wenden sich die Versprechen gegen ihn. In der Union herrscht an diesem Montag Stille: „Ich habe noch nie so schweigende Unionsmänner und -frauen erlebt wie heute“ 54:59.
Am Wahlabend hatte Merz vom „furchtbaren Gift des Autoritären“ gesprochen. Jessen ist verblüfft: Seit den antiautoritären Bewegungen der späten Sechziger habe die Union die Fronttruppen dagegen gestellt, und sie sei in ihren Strukturen bis heute eine autoritäre Partei; wenn ihr Chef nun davor warne, stehe er „mit dem Rücken an der Wand“ 1:05:00. Hensel erinnert daran, wer die Brandmauer eingerissen hat: „so stark wie keiner“, stärker als jeder ostdeutsche Ministerpräsident, im Januar 2025 im Bundestag 1:08:48. Unter Merz sei die Sprache der Union schon in der Oppositionszeit eskaliert.
Den ernstesten Gedanken des Abends hat Jessen. Wer aus langen Jahren Politik etwas lernen könne, dann „die absolute Unverzichtbarkeit eines Bewusstseins von Dienen“ 1:14:07. In einer freien Gesellschaft gehe Führung nur, wenn einem die Herzen zufliegen oder wenn man spürt, dass man gerade in der Macht dient. Merz diene vor allem seinem Ego, dem Glück, nach zwanzig Jahren Exil am Ziel zu sein. Er sieht ihn wie Luther vor dem Kaiser: hier stehe ich, ich kann nicht anders. Kormbaki gefällt das Bild, nur fehle für den Reformkanzler die Konsequenz und die handwerkliche Expertise. Als Jung lässig einwirft, irgendwann sei Merz eben weg, wird sie deutlich: „Bis dahin geht ganz schön viel kaputt“ 1:20:14. Einen Nachfolger sieht niemand. Söder spielt sein eigenes Spiel, die Ministerpräsidenten wollen ihn nicht, und Jungs Sorge vor einem starken Mann mit AfD-Öffnung weisen beide Journalistinnen zurück: Die CDU wisse, dass es sie zerlegen würde.
Klare Worte gelten als Tugend in einer Politik, die in Floskeln erstickt. Woran erkennt man, ob jemand klar spricht, weil er Verantwortung übernimmt — oder weil er sie gerade abgibt?
Schwesig, die Ausnahme von der Regel
1:26:20 — Jung spottet, die Seeheimer führten die SPD „stark und sicher“. Kormbaki nennt den Niedergang die Regel und Manuela Schwesig die Ausnahme; ihr Playbook sei so speziell und individuell, dass es keine Blaupause tauge. Stark sei sie trotzdem, die starke Frau der Partei, ohne nach Berlin kommen zu müssen. Hensel widerspricht: „Ich finde die gar nicht so speziell, sondern eigentlich prototypisch sozialdemokratisch“ 1:27:05. Schwesig spricht oft von ihrem Vater, einem Schlosser, der nach der Wende arbeitslos wurde und nie wieder richtig auf die Beine kam, „wie ganz viele Männer dieser Generation. Für meinen Vater trifft es auch zu“ 1:29:21. Die kostenlose Kita, das sozialpolitische Profil in einem Land mit den niedrigsten Löhnen: Schwesig könne die Verbindung zu den einfachen Leuten wiederbeleben, die der SPD andernorts verloren ging.
Dazu kommt, was im Bund als Makel gilt. Für Nord Stream 2 und die Klimastiftung wurde sie auf der Berliner Bühne scharf kritisiert, im eigenen Land stieß die Politik auf breite Zustimmung; schlecht angekommen sei eher ihre spätere Distanzierung und die übergroße Solidarität mit der Ukraine 1:30:53. Kormbaki nennt einen Faktor, der in keiner Analyse steht: Wer mit Leuten über Schwesig spricht, hört von der überstandenen Krebserkrankung, und daraus sei ein Höchstmaß an Respekt geworden 1:27:50.
Jung steuert die schönste Szene bei. Vor fünf Jahren gab Schwesig ihm kein Interview. Er drehte ein Video mit seiner Oma, einem Schwesig-Fan, die erklärte, sie schaue keine Interviews, solange Schwesig nicht dabei sei. Einen Tag später rief die Pressestelle an. Das Interview fand im Café seines Schwagers statt, die Oma saß dahinter, und in den Zeitungen stand danach vor allem das Bild von Schwesig mit der Oma 1:34:43. Jessen bleibt nüchtern. Nach den Zahlen hat Schwesig die Verluste gedämpft und an sozialdemokratischer Kompetenz gegenüber 2021 trotzdem verloren, eine erfolgreiche Schadensbegrenzung. Und er zitiert den frühen Joschka Fischer: „Landespolitik, das ist Mittelgebirgswandern, und Bundespolitik ist hochalpin“ 1:37:04. Hensel hält dagegen, Schwesig sei als frühere Bundesfamilienministerin mit ihrem Netzwerk in der Parteiführung genau die Ausnahme von dieser Regel.
Der Streit um „speziell oder prototypisch“ ist der interessantere. Hat Hensel recht, dann hat die SPD kein neues Rezept zu finden. Sie hat ein altes vergessen, das in Schwerin noch funktioniert. Die Oma-Geschichte erzählt die andere Hälfte: Nähe allein gewinnt keine Wahl, es braucht auch den Machtinstinkt, der einen Tag nach dem Video zum Telefon greift. Eine Richtungsänderung der SPD erwartet Kormbaki nicht, eher Korrekturen, etwa das Festhalten an der Rente mit 63, und in den nächsten Monaten Konflikte zwischen Schwesig und der Berliner Doppelspitze, auch um die Kanzlerkandidatur 2029.
Zwei Sieger ohne Mehrheit
1:47:46 — Was hat die Linke in Berlin richtig gemacht? Jessen antwortet ohne Zögern: Sie hat das Thema benannt, „die Unerträglichkeit der Mieten“, den „Wundepunkt in der sozialen Selbstempfindung der Berliner Gesellschaft“ 1:48:33. Dazu eine Spitzenkandidatin, die Juristin ist und formulieren kann, und viele taktische Wähler aus anderen Lagern, die wollten, dass sich etwas ändert. Jetzt sitze Elif Eralp in einer Zange: Hoffnungsträgerin mit einem Auftrag, und mindestens einer der drei möglichen Partner, Steffen Krach von der SPD, sagt zu ihrem zentralen Thema „mit mir nicht“ 1:50:05.
Jung sieht die Demokratie selbst im Spiel. Der Volksentscheid von 2021 habe gesprochen, die Expertenkommission habe die Vergesellschaftung als bestes Mittel bestätigt (→ Faktencheck), und würde sie wieder nicht umgesetzt, dürften sich die Leute „wirklich verarscht fühlen“ 1:53:08. Kormbaki glaubt, das Bündnis scheitere an etwas anderem, „an dem Thema Antisemitismus, antiisraelische Haltungen, Bezüge zur organisierten Kriminalität“ 1:53:53, an den Gästen der Neuköllner Wahlparty. Eralps Distanzierungen hält sie für glaubwürdig, die Bezüge ihrer Leute für keine Ausnahmefälle. Jung trennt Antizionismus und Antisemitismus und erinnert an Volker Beck, der den Spitzenkandidaten von SPD und Grünen einen „Schwur“ gegen das Linksbündnis abverlangen wollte; beide unterschrieben nicht. Hensel will, dass die vielen jungen Wähler der Linken die Erfahrung machen, „dass sie mit ihrer Stimme auch Einfluss haben“ 1:58:27. Jessen gießt Wasser in den Wein: Eine repräsentative Umfrage vom Vortag zeige eine deutliche Mehrheit gegen Enteignung. Meinungen seien nicht statisch, und der Gegendruck komme nicht allein von Lobby und interessierter Presse 1:59:13.
In Magdeburg steht der andere Sieger vor derselben Wand, von der anderen Seite. Hensels Abschlusstipp, „gut möglich, dass Sahra Wagenknecht die heimliche Ministerpräsidentin von Sachsen-Anhalt wird“ 2:03:02: Im Landtag herrscht ein Patt, Siegmund braucht die aktiven Stimmen des BSW, Überläufer aus der geschrumpften CDU-Fraktion erwartet sie nicht, und Wagenknecht werde sich die Hilfe teuer bezahlen lassen. Jessen setzt auf das Gegenteil: „Ich vertraue auf Sahra Wagenknecht“ — sie habe schon so viele Parteiorganisationen geschreddert, das schaffe sie auch diesmal 2:05:20.
Die Summe zieht Jessen kurz vor Schluss, und sie fasst beide Wahlsieger zusammen. Die grundsätzliche Frage sei, „wie umgehen in einer Gesellschaft, in der sehr viele Menschen die Erfahrung machen oder das Gefühl haben, nicht gehört zu werden, egal zu sein“ 2:00:44 — und die, wenn sie einmal gehört werden könnten, doch nicht gehört werden, weil in einer repräsentativen Demokratie der Volkswille nicht unmittelbar Gesetz wird. In Berlin verweigert ein Partner das Thema, in Magdeburg verlangt einer einen Preis. Beide Male hat die Hoffnung gewonnen und die Mehrheit fehlt. Was mit der Hoffnung geschieht, wenn die Mehrheit ausbleibt, lässt der Abend offen.
Nachbesprechung
Das Video endet mit Wagenknecht, zwei seiner Fragen noch nicht. Was man über das hinaus weiß, was an diesem Abend gesagt wurde, und wo es mit anderen Stimmen weitergeht.
Ein Auftrag mit Verfallsdatum?
Jung und Jessen streiten am Ende über dieselbe Abstimmung und haben beide ein Stück recht. Rechtlich hat Jessen die Oberhand. Der Entscheid vom September 2021 war ein Beschlussvolksentscheid nach Art. 62 der Berliner Verfassung, er steht einem schlichten Beschluss des Abgeordnetenhauses gleich und bindet den Senat nicht (Verfassung von Berlin, Art. 62/63). Ein Gutachten der Innenverwaltung nannte solche Beschlüsse 2019 „rechtlich unverbindlich, aber keinesfalls rechtlich irrelevant“: Sie binden politisch (Kloepfer-Gutachten, 2019). Und auch Jungs Ausweg, ein Gesetzesvolksentscheid, hält in Berlin nur so lange, wie das Parlament ihn lässt. Das Tempelhof-Gesetz, 2014 mit 64,3 Prozent per Volksentscheid beschlossen, änderte die Koalition aus SPD und CDU 2016 mit einfacher Mehrheit, um Flüchtlingsunterkünfte zu bauen (Morgenpost). Hamburg kennt dafür eine Sperre: Will die Bürgerschaft einen Volksentscheid aufheben, können 2,5 Prozent der Wahlberechtigten eine neue Abstimmung darüber erzwingen (Art. 50 HV).
Jessens Umfrage ist die Nachwahlbefragung von Infratest dimap: 51 Prozent gegen die Enteignung großer Wohnungsunternehmen, 37 dafür, unter Linken-Wählern 72 Prozent dafür, unter Grünen-Wählern die Hälfte dagegen (rbb24, 21.09.2026). Seine Beobachtung, dass Meinungen wandern, trägt also. Nur fragte 2021 der Stimmzettel nach einem konkreten Auftrag, 2026 der Interviewer nach „Enteignung“ im Allgemeinen, und zugleich trauen 37 Prozent der Linken beim Wohnen die besten Lösungen zu, mehr als jeder anderen Partei (tagesschau-Analyse).
Was mit dem Vertrauen geschieht, wenn ein Entscheid liegen bleibt, ist schlechter erforscht, als man denkt, und die Befunde geben beiden recht. Für Jung spricht, dass direkte Entscheidungen bei wichtigen Fragen gerade bei den Unterlegenen mehr Akzeptanz erzeugen als Parlaments- oder Expertenbeschlüsse (Experiment, deutsche Stichprobe: Towfigh et al. 2016, doi:10.1007/s11127-016-0330-y). Für ihn spricht auch der Mechanismus, den ein irisches Experiment misst: Mit jeder weiteren Niederlage sinkt die Akzeptanz, nach der dritten das Vertrauen ins System, vermittelt über das Gefühl, das Verfahren sei manipuliert (Kern, Marien & Muradova 2024, doi:10.1017/S175577392300036X). Das ist ziemlich genau Jungs „verarscht“. Für Jessen spricht, dass die Liebe zum Referendum instrumentell ist: Man will es, solange man sich in der Mehrheit glaubt (Werner 2020, doi:10.1111/1475-6765.12358), und über die Akzeptanz entscheidet meist das Ergebnis, kaum das Verfahren (Arnesen 2017, doi:10.1177/0032321716667956).
Die Berliner Bilanz verschont niemanden. Den Tegel-Entscheid von 2017 (56,1 Prozent) erklärte 2018 ein rot-rot-grüner Senat für nicht umsetzbar, mit der Linken. Die Vergesellschaftung hat fünf Jahre, eine Expertenkommission und ein Rahmengesetz hinter sich, das erst 2028 gilt. Und das Bundesgesetz, das Vergesellschaftungen auf Landesebene verbieten soll, hat nicht Merz am Tag nach der Wahl erfunden; der Koalitionsausschuss hatte es schon am 2. Juli beschlossen (rbb24, 02.07.2026), am 21. September hat er es bekräftigt. Hensels Hoffnung auf die jungen Wähler hat dabei einen Haken, den niemand am Tisch erwähnt: Die Linke holte 43 Prozent bei den 16- bis 24-Jährigen, und viele von ihnen durften 2021 noch nicht abstimmen. Sie erben ein Versprechen, das sie selbst nicht gegeben haben.
→ Weiter im Panorama: Was kann direkte Demokratie — und was nicht?, mit Wesche, der Volksentscheide verbindlich machen will, Münkler, der ihnen misstraut, Semsrotts versteckten Mehrheiten und Varoufakis' übergangenem Nein. Um die Sache selbst, jenseits des Verfahrens, geht es in Schöner Wohnen.
Materieller Kern oder Einstellung?
Hensels Satz, man habe zu viel über Einstellungen geredet und zu wenig über den materiellen Unmut, ist eine Forschungsfrage mit einer unbequemen Antwort: Es kommt darauf an, ob man auf den Menschen schaut oder auf den Ort.
Beim Ort hat sie die Forschung hinter sich, und zwar über erstaunlich lange Zeiträume. Wo Industriearbeit der Importkonkurrenz aus Niedriglohnländern ausgesetzt war, stieg die Wahl nationalistischer Parteien und nach 2013 die der AfD, am stärksten bei gering qualifizierten Industriearbeitern (Kausalstudie: Dippel, Gold, Heblich & Pinto 2022, doi:10.1093/ej/ueab041). Ostdeutsche, die durch die Treuhand ihre Arbeit verloren, haben dreißig Jahre später messbar weniger Vertrauen und binden sich seltener an etablierte Parteien (Paneldaten: Kellermann 2024, doi:10.1016/j.jce.2023.10.001). Und der lange relative Abstieg einer Region wirkt über die Lebenszeit ihrer Bewohner hinaus, als Gedächtnis früheren Wohlstands (Greve, Fritsch & Wyrwich 2022, doi:10.1111/jors.12627). Die Wunde wird vererbt.
Beim einzelnen Menschen trägt die These schlechter. Das eigene Einkommen sagt die AfD-Wahl kaum vorher; wer objektiv zurückfiel, steht der Partei nicht näher, am nächsten stehen ihr Geringverdiener mit stabilem Einkommen und Menschen, die Unsicherheit nur wahrnehmen (SOEP-Verläufe: Hartmann, Kurz & Lengfeld 2022, doi:10.1093/esr/jcab024; der Befund ist datenabhängig, vgl. Lux 2018, doi:10.1007/s11577-018-0521-2). Die Lücke zwischen Ost und West erklären Entfremdung, Misstrauen und Nativismus deutlich besser als Einkommen oder Alter (Kailitz & Rippl 2026, doi:10.1080/09644008.2026.2682305). Auch Hensels Relativierung der Einstellungen hält nicht ganz: Dass Deutschland „durch Ausländer überfremdet“ sei, bejahen im Osten 44 Prozent, im Westen 31 (Leipziger Autoritarismus-Studie 2024).
Die Nachwahlzahlen aus Sachsen-Anhalt zeigen beides zugleich, fast an der Decke. 61 Prozent der AfD-Wähler nennen ihre eigene wirtschaftliche Lage gut. Zugleich fürchten 89 Prozent, ihre Rechnungen bald nicht mehr bezahlen zu können, 91 Prozent sorgen sich, dass zu viele fremde Menschen kommen, und 66 Prozent meinen, sie bekämen weniger als ihren gerechten Anteil (KAS-Wahlanalyse Sachsen-Anhalt). Hensels zweiter Satz, die soziale Frage werde nach rechts adressiert, ist dort beinahe eine Messung: Bei der Sozialpolitik trauen die Wähler der AfD mehr zu (29 Prozent) als Linken (18) und SPD (14); dass die SPD sich am meisten um sozialen Ausgleich bemühe, sagten 2006 noch 39 Prozent, heute 21. Gewerkschaftsmitglieder wählen die AfD so oft wie alle anderen, zu 44 Prozent.
Am tragfähigsten ist, was die Forschung einen Statusverlust nennt: Das Materielle ist oft die Ursache zweiter Ordnung, die Einstellung der unmittelbare Antrieb (Gidron & Hall 2017, doi:10.1111/1468-4446.12319; Kurer 2020, doi:10.1177/0010414020912283). Das gibt Hensel in der Diagnose recht und macht ihr Rezept unsicherer. Kurer folgert, dass klassische Sozialpolitik gegen gefühlten Abstieg wenig ausrichten könnte. Und für ihre Hartz-IV-Kante gibt es bisher keine Studie, die sie kausal prüft; die ersten, die davon profitierten, waren PDS und Linke.
→ Weiter im Panorama: Materieller Kern oder Einstellung?, mit Flassbeck, Quent, Münkler, Aly, Hochschild und Querfurt, und gleich daneben Protest oder Überzeugung?, wo die Zeitreihe aus Mecklenburg-Vorpommern steht. Das Panorama ist aus dieser Note entstanden.
Drei von fünf AfD-Wählern in Sachsen-Anhalt geht es nach eigener Auskunft gut, neun von zehn fürchten die nächste Rechnung. Ist das Materielle die Ursache — oder die Sprache für einen Verlust, der keinen Preis hat?
Faktencheck
Jessen legt die Zahl in die Analyse der AfD-Wählerschaft und folgert: „Die wissen und kalkulieren ein … wir erwarten gar nicht, dass sie das einhalten kann.“ Die 70 Prozent sind aber der Wert aller Befragten in Mecklenburg-Vorpommern; von den AfD-Wählern sagen das nur 26 Prozent. Die übrigen Zahlen stimmen: 53 Prozent Überzeugung, 36 Prozent Enttäuschung; AfD an der Landesregierung 48 Nein zu 47 Ja; 64 Prozent der BSW-Wähler wollen die AfD in der Regierung. Auch die 63/31 stimmen; sie gelten für die seit 2021 neu hinzugekommenen AfD-Wähler. Gewichtiger ist, was dieselben Daten über die These sagen: Die Wahl aus Überzeugung stieg bei AfD-Wählern in MV von 24 Prozent (2016) über 36 (2021) auf 53 (2026). Das spricht gegen das Bild vom Denkzettel ohne Erwartung und für Kormbakis und Hensels „Hoffnungspartei“. Ein Kalkül muss die Verwechslung nicht sein; sie stützt aber genau die Deutung, die Jessen vorträgt. 22:04 · 23:38 · 1:02:40 Quelle: tagesschau — Wer die AfD wählte und warum (infratest dimap, MV) · tagesschau-Analyse MV
Die CDU scheitert in MV mit 4,9 Prozent und fliegt damit zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik aus einem Landtag. Die Linke wird nach Thüringen 2019 zum zweiten Mal stärkste Kraft in einem Land (Berlin, 25,7 Prozent). Die Tierschutzpartei landet in MV mit 1,1 Prozent vor der FDP (1,0). 2:15 Quelle: Deutschlandfunk — CDU scheitert an Fünf-Prozent-Hürde · DLF-Newsblog — Tierschutzpartei vor FDP · tagesschau — vorläufiges Ergebnis Berlin
Jung: Eralp wäre die erste Frau mit Migrationshintergrund an der Spitze eines Landes, als Mann habe das bisher nur Özdemir geschafft (Ministerpräsident in Baden-Württemberg seit Mai 2026). Das stimmt nur für die Einwanderungsgeschichte der Gastarbeiter-Generation. Nach der Definition des Statistischen Bundesamts hatte schon David McAllister (Niedersachsen 2010–2013, schottischer Vater) einen Migrationshintergrund. Für die Frauen stimmt es. Ein strategisches Motiv ist nicht zu erkennen. 2:15 Quelle: correctiv — Erster Ministerpräsident im Migrationsländle
Die AfD steigt in MV von 16,7 auf 38,2 Prozent (Hensels „37“ ist leicht gerundet; Sachsen-Anhalt 43,8), in Berlin kommt sie auf 16,3. Hensels „Raubzug im demokratischen Spektrum“ deckt die Wählerwanderung: Die SPD gewinnt 25.000 Stimmen von der CDU, 15.000 von der Linken, 10.000 von der FDP, 6.000 von den Grünen und nur 16.000 von Nichtwählern; an die AfD verliert sie netto 48.000. 3:00 · 5:17 · 11:26 Quelle: tagesschau-Analyse MV (infratest dimap)
De Maizière sagte es bei Caren Miosga nach der Wahl in Sachsen-Anhalt. Laut infratest ist das Nichtwählerlager die größte Quelle der AfD-Gewinne: +170.000 in Sachsen-Anhalt, +66.000 in MV. Auch Kormbakis Feinheit für Berlin hält: Die Linke holt dort mehr frühere Nichtwähler (+75.000) als die AfD (+61.000). 6:03 · 6:48 Quelle: Cicero — de Maizière und die „Partei der Hoffnung“ · tagesschau — Wählerwanderung Berlin
Die Wahlbeteiligung im Osten lag vor dem Aufstieg der AfD tatsächlich auf Rekordtief: Sachsen-Anhalt 2006 hatte mit 44,4 Prozent die niedrigste Beteiligung aller deutschen Landtagswahlen. Bei der Bundestagswahl 2002 lag die Union im Westen vorn (40,8 Prozent), im Osten die SPD mit 11,5 Punkten Vorsprung; Rot-Grün blieb wegen des Ostens im Amt. Zwei Zahlen sind zu niedrig: 2016 sprang die AfD nicht auf „über 15 Prozent“, sondern in Sachsen-Anhalt auf 24,3 (MV 20,8). Und Ende 1991 hatten weit mehr als eine Million Ostdeutsche ihre Arbeit verloren: Von 9,75 Millionen Erwerbstätigen Ende 1989 war zwei Jahre später nicht einmal die Hälfte voll beschäftigt, 1,1 Millionen waren arbeitslos, 1,3 Millionen in Kurzarbeit. Hensel stellt es eher zu schwach dar als zu stark. 9:53 · 18:14 · 19:46 Quelle: Wahlrecht.de — LTW Sachsen-Anhalt 2006 · bpb — Analyse der Bundestagswahl 2002 · bpb — Arbeitsmarkt seit der Vereinigung
Die 61 Prozent meldete der Tagesspiegel nach der ersten infratest-Auswertung; die Endauswertung nennt 59, die Forschungsgruppe Wahlen 52. Hensel nimmt die höchste Lesart, die Richtung stimmt in jeder: Vor fünf Jahren war es ein Drittel. Zum Vergleich: In MV sind es 53 Prozent; in Berlin kommt die Linke unter Arbeitern auf 30, die SPD nur auf 6. 39:41 Quelle: Tagesspiegel — Fast zwei Drittel der Arbeiter wählen AfD
Nach dem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 22.06.1995 ließ die Regierung Kohl die Steuer Ende 1996 auslaufen, statt sie neu zu regeln; Rot-Grün (1998–2005) führte sie nicht wieder ein. Das Aufkommen steht nach Art. 106 Abs. 2 GG den Ländern zu, ebenso das der Erbschaftsteuer. Das Gericht hat nur die damalige Ausgestaltung verworfen, nicht die Steuer selbst. 31:19 Quelle: Vermögensteuer (Deutschland) — Wikipedia · BVerfG, Beschluss vom 22.06.1995
Der Kern stimmt: Das Solar Valley (Q-Cells in Bitterfeld-Wolfen, Solarworld in Freiberg) lag im Osten, 2011 arbeiteten über 150.000 Menschen in der Branche, und die EEG-Kürzungen von 2012 trafen sie hart; der jährliche Zubau fiel von 8 auf 2 Gigawatt. Jung lässt die zweite Hauptursache weg, den Preisverfall durch staatlich hoch subventionierte chinesische Überkapazitäten. Die Einkausal-Version passt zu seiner Erzählung, die Politik hätte es anders entscheiden können. 34:22 Quelle: Handelsblatt — Sonnenland ist abgebrannt · pv magazine — Wie Solar-Zölle Arbeitsplätze vernichteten
Für Steuersenkungen bei Spitzeneinkommen stützt die Forschung die Richtung. Hope & Limberg untersuchen 50 Jahre in 18 OECD-Ländern: Die Einkommenskonzentration steigt, ein messbarer Effekt auf Wachstum oder Arbeitslosigkeit bleibt aus (Primärstudie, doi:10.1093/ser/mwab061); ähnlich Piketty, Saez & Stantcheva 2014 (doi:10.1257/pol.6.1.230). „Widerlegt“ ist trotzdem zu absolut: Nach der US-Unternehmenssteuerreform von 2017 stiegen die Investitionen, die Löhne deutlich weniger als versprochen (Chodorow-Reich, Zidar & Zwick 2024, doi:10.1257/jep.38.3.61). Belastbar ist: Steuersenkungen für Reiche tröpfeln nicht messbar nach unten. Dass Steuerpolitik gar keine Wachstumswirkung hat, ist nicht belegt. 45:01
Nach den CDU-Gremien am 21.09. nannte Merz auf Frage einer ZEIT-Redakteurin das Nebeneinander von privater und gesetzlicher Krankenversicherung ein „Gerechtigkeitsproblem“: „dann müssen wir daran etwas ändern“. Wenige Stunden später stellte ein Regierungssprecher klar, Merz stelle das System nicht infrage. Am Wahlabend trat er schon um 18:14 Uhr vor die Presse, vor den ersten Hochrechnungen, und sprach vom „Gift des Autoritären“. Das „Ausfransen“ der Reformen bestätigt sich: Der Tankrabatt wurde am 25.09. beschlossen, Söder will über die CO2-Bepreisung reden. 45:46 · 48:05 · 56:31 · 1:04:13 Quelle: tagesschau — Merz tritt Debatte über Krankenkassen los · tagesschau — Merz spielt auf Zeit · Mainz& — „Gift des Autoritären“ · DLF — Tankrabatt ab 1. Oktober
Die Grundgesetzänderung vom 18.03.2025 hat zwei Teile. Die 500 Milliarden sind ein Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität; die Verteidigung ist oberhalb von 1 Prozent des BIP von der Schuldenbremse ausgenommen, ohne Obergrenze. Das Versprechen, dass nicht anderswo gespart wird, galt ausdrücklich dem Infrastrukturgeld („zusätzliche Investitionen“), nicht der Rüstung — und genau dort ist es nach Rechnung der Institute weitgehend gebrochen: Das IW hält 86 Prozent für 2025 für zweckentfremdet, das ifo 95 Prozent für nicht zusätzlich. Jungs Gegenüberstellung braucht die falsche Zuordnung also gar nicht; sein stärkeres Argument läge beim Infrastrukturgeld. 58:48 Quelle: bpb — Grundgesetzänderung für Verteidigung und Sondervermögen · IW — 86 Prozent des Sondervermögens zweckentfremdet · Gegendarstellung: BMF-Monatsbericht 04/2026
Der Kern hält: Der Krieg begann Ende Februar 2026, die Straße von Hormus ist seither weitgehend blockiert, das treibt die Energiepreise. In seinem Statement vom 01.03.2026 nannte Merz den Angriff nicht völkerrechtswidrig („Völkerrechtliche Einordnungen werden relativ wenig bewirken“), es sei „nicht der Moment, unsere Partner und Verbündeten zu belehren“, und er teilte „die Erleichterung vieler Iraner“. „Applaudiert“ ist trotzdem zugespitzt: Merz sprach auch von „Risiko“ und „ungewisser Zukunft“. Er hat den Angriff hingenommen und gerechtfertigt, gefeiert hat er ihn nicht. 1:01:07 Quelle: CDU — Pressestatement Friedrich Merz zum Iran · ZEIT — Hormus faktisch blockiert
Das Merz-Zitat stammt aus der Regierungserklärung vom 14.05.2025. Die Reform der Nachrichtendienste (BND und Verfassungsschutz mit erstmals aktiven Eingriffsbefugnissen) wurde am 24.09.2026 in erster Lesung beraten. Jungs Parallele zu den Nazis ist Wertung, kein Faktenclaim. 1:05:46 Quelle: Bundestag — Regierungserklärung Merz · tagesschau — Reform der Nachrichtendienste
Am 29.01.2025 ging der Migrationsantrag der Union mit den Stimmen der AfD durch (348 zu 344). Dass kein ostdeutscher Ministerpräsident die Brandmauer so stark eingerissen habe, ist Hensels vertretbare Deutung, kein prüfbarer Fakt. 1:08:48 Quelle: Bundestag — Mehrheit stimmt für Migrationsantrag der Union
Laut Wall Street Journal führte Trump Merz beim Besuch am 03.03.2026 in einen Nebenraum voller MAGA-Merchandise: „Just grab whatever you want.“ Ob Merz Mützen mitgenommen hat, ist nicht belegt; angeboten wurden sie. Die SZ-Zeile „Merz hat einen weiteren Tag überlebt“ ließ sich nicht verifizieren. 1:12:36 · 1:17:12 Quelle: Atlanta Black Star (nach WSJ)
Schulze übernahm im Januar 2026 von Haseloff, blieb also sieben bis acht Monate bis zur Wahl. Schwesig ist seit Juli 2017 Ministerpräsidentin, war 2013–2017 Familienministerin unter Merkel und hat 2019 eine Brustkrebserkrankung überstanden. Die Klimastiftung MV diente der Fertigstellung von Nord Stream 2. Der Amtsbonus zeigt sich: 61 Prozent sind mit Schwesig zufrieden, 49 Prozent der SPD-Wähler sagen, ohne sie hätten sie nicht SPD gewählt. 1:28:36 · 1:30:53 Quelle: ZEIT/dpa — Sven Schulze · tagesschau-Analyse MV
Was hält: SPD, Grüne und Linke in Berlin haben Parteitagsbeschlüsse für die Umsetzung des Volksentscheids. Die Kommission hielt die Vergesellschaftung mehrheitlich für verfassungsgemäß und eine Entschädigung unter dem Verkehrswert für zulässig. Jung macht daraus mehr, als drinsteht. Die Kommission hat verfassungsrechtlich geprüft und keine wohnungspolitische Rangliste aufgestellt; bei der Verhältnismäßigkeit fragte sie bewusst nur nach „offensichtlich milderen, gleich geeigneten“ Mitteln, drei Mitglieder hielten die Frage per Sondervotum für nicht abschließend beantwortbar. Aus einer Verhältnismäßigkeitsprüfung wird bei Jung „das beste Mittel“ und am Ende „nachweislich gute Politik“; empirisch belegt ist das nicht, Art. 15 GG wurde noch nie angewandt. Eingesetzt hat die Kommission 2022 der rot-grün-rote Senat, also mit der Linken. Der Volksentscheid 2021 (59,1 Prozent Ja) war ein Beschlussvolksentscheid und rechtlich nicht bindend, was Jung später selbst einräumt. Jung argumentiert hier als Fürsprecher. 1:50:52 · 1:51:37 · 1:52:23 Quelle: Abschlussbericht der Expertenkommission (Juni 2023) · tagesschau — Können Wohnungen vergesellschaftet werden? · taz — Das doppelte Spiel der SPD
Infratest dimap am Wahltag: 37 Prozent dafür, 51 dagegen; unter Linken-Wählern 72 Prozent dafür. 1:59:13 Quelle: rbb24 — Mehrheit gegen Vergesellschaftung · ZEIT — Mehrheit in Berlin gegen Enteignung
Kormbaki: Auf der Wahlparty der Neuköllner Linken waren der Clanchef Issa Remmo und Ibrahim Ibrahim. Ibrahim ist allerdings kein Hamas-naher Aktivist, sondern führender Unterstützer der PFLP, die der Verfassungsschutz als extremistisch einstuft und die EU und USA als Terrororganisation führen; er soll Sinwar als „Märtyrerhelden“ verherrlicht haben. Die Fotos mit dem MdB Ferat Koçak und der Kandidatin Vanessa Emde gibt es; Remmo wurde laut Eralp hinausgeschickt. Jung spielt dagegen den Auftritt des Rappers Dahabflex herunter: Der sei „nicht Teil der Partei“ gewesen. Tatsächlich trat er mit „Death to the IDF“ auf einer Wahlkampfveranstaltung des Kreisverbands Neukölln auf; der Songinhalt war laut örtlicher Parteiführung nicht abgesprochen, die Veranstaltung war trotzdem eine der Partei. Becks „Schwur“ stimmt: Er forderte Krach und Graf schriftlich auf, Rot-Grün-Rot auszuschließen, beide lehnten ab. 1:53:53 · 1:55:24 Quelle: ZEIT — Ibrahim Ibrahim (PFLP) auf der Wahlparty · FAZ — Auftritt von Rapper bei der Neuköllner Linken · Tagesspiegel — Beck fordert Schwur gegen Linksbündnis
Der Landtag hat 83 Sitze: AfD 39, CDU 15 (2021: 40), SPD, Grüne und Linke je 8, BSW 5. Im dritten Wahlgang reicht die Mehrheit der abgegebenen Stimmen, Enthaltungen zählen nicht. Enthält sich das BSW, steht es 39 zu 39, und Siegmund ist nicht gewählt. Er braucht also mindestens eine aktive BSW-Stimme oder einen Übertritt. 2:03:47 · 2:04:33 Quelle: ZEIT — CDU Sachsen-Anhalt, Sitzverteilung · DLF — Wahlgänge und Enthaltungen
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung: keine Quellen, nur Spendenhinweise.
Im Gespräch erwähnt:
- Jana Hensel: Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet (Aufbau, 2026) — Hensels politische Geschichte der ostdeutschen Gesellschaft seit 1990, aus der sie im Gespräch erzählt.
Weiterführend (Sherlock):
- tagesschau — Wer die AfD wählte und warum (MV, infratest dimap) — mit der Zeitreihe Überzeugung/Enttäuschung 2016–2026, dem stärksten Gegenargument zur Denkzettel-These
- tagesschau — Analyse Sachsen-Anhalt „Ein Land – zwei Lager“ — 67 % halten die Brandmauer für „nicht richtig“, 59 % sagen „Denkzettel für die Bundesregierung verdient“
- KAS — Wahlanalyse Sachsen-Anhalt 06.09.2026 — ausführliche Nachwahlanalyse
- Cicero — Die alte Parteienordnung zerbricht — konservative Gegenlesart zu MV und Berlin
- ZEIT — Wie Merz mal eben die PKV infrage stellte — der Ablauf der Krankenkassen-Äußerung
- taz — Was dran ist an den Vorwürfen gegen die Linke Berlin — linke Zeitung ordnet die Antisemitismus-Vorwürfe einzeln ein
- tagesschau — Warnungen vor Koalition mit der Linken (Schuster) — die Gegenstimme des Zentralrats
- ZEIT — Was senkt die Mieten wirklich? Enteignung ist es nicht — ökonomische Gegenposition zu Jung
- Hope & Limberg 2022, doi:10.1093/ser/mwab061 — 50 Jahre Steuersenkungen für Reiche in 18 OECD-Ländern
Verbindungen
→ Der Entscheidende Punkt — 1 Jahr Kanzler Merz
Das ist die Fortsetzung, diesmal ohne von Lucke und Herrmann, und das Urteil über Merz rutscht eine Ebene tiefer. Im Mai ging es ums Handwerk: Herrmanns Kanzler, der keine Mehrheiten organisiert, und von Luckes Eingeständnis, er habe auf Lernfähigkeit gesetzt. Jetzt reden Hensel und Jessen über Haltung, über einen Kanzler, der klar spricht, weil er sich nicht verantwortlich fühlt, und dem das Bewusstsein des Dienens fehlt. Im Mai hatte von Lucke das Szenario einer von der AfD tolerierten Unionsregierung berichtet; Hensel und Kormbaki weisen es nun zurück, weil es die CDU zerlegen würde.
→ Philip Manow — Autoritäre Zeiten: Die Macht der Wähler
Manow schließt die Lücke, die Hensels Hartz-IV-These offenlässt. Seine Wanderungstabelle führt die ostdeutschen Wähler von der CDU über Schröders SPD 2004/05 zur PDS und erst nach 2015 zur AfD, mit der Migration als zweitem Bruchpunkt. Das ist eine Kette von Enttäuschungen statt einer einzigen Abbruchkante, und seine „neuen Arbeiterparteien“ finden in Hensels 61 Prozent ihre ostdeutsche Zahl. Hat Manow recht, erklärt der materielle Kern, warum die Wähler gingen, aber nicht, wohin.
→ Aladin El-Mafaalani — Misstrauensgemeinschaften und was die AfD wirklich stoppt
Der schärfste Einspruch gegen das Wort, um das der Abend kreist. Eine Misstrauensgemeinschaft hat kein positives Projekt; die mobilisierten Nichtwähler sind bei El-Mafaalani aktivierte Misstrauende, keine Zurückgekehrten, und steigende Wahlbeteiligung ist für ihn kein Zeichen demokratischer Erholung. Die Zahlen der Wahl sprechen hier allerdings eher gegen ihn: Unter AfD-Wählern in Mecklenburg-Vorpommern ist der Anteil derer, die aus Überzeugung wählen, seit 2016 von 24 auf 53 Prozent gestiegen, und nur 26 Prozent glauben, auch die AfD werde ihre Versprechen brechen. Das passt besser zu de Maizières „Hoffnungspartei“ als zur reinen Misstrauensgemeinschaft. Und der Parteiname entstand aus Merkels „alternativlos“, das gibt Kormbakis Beobachtung zur Alternativlosigkeit ihre Vorgeschichte.
→ Rechtspopulismus und der demokratische Verfassungsstaat
Jessens Summe des Abends, Menschen, die sich nicht gehört fühlen, ist der erste von Thieles drei Sätzen: „Die hören mir nicht zu.“ Kormbakis verzagtes Kanzleramt neben dem Zukunftsjubel in Schwerin ist sein „Land ohne 2050“ im Wahlkampf. Wo die Runde beschreibt, benennt Thiele, was fehlt: eine Zukunftserzählung, die Zumutungen wie die Aufrüstung begründen könnte.
→ Chantal Mouffe — Das Politische und die Politik
Kormbakis heikelster Satz, AfD und Berliner Linke gewännen, weil sie den Anschein der Alternativlosigkeit durchbrechen, ist Mouffes These aus den Neunzigern, am Wahlabend bestätigt: Wo die Mitte nur Varianten desselben Zentrums anbietet, entlädt sich der Konflikt an den Rändern. Mit Mouffe lässt sich die Parallele genauer ziehen als in der Runde. Die Linke bietet einen agonistischen Gegner (Mieter gegen Konzerne), die AfD einen antagonistischen Feind („die von hier“ gegen „die von dort“) — genau den Unterschied markiert Hensel, wenn sie sagt, rechts werde die soziale Frage als Verteilung zwischen Gruppen beantwortet.
→ DW Reporter — AfD und rechte Influencer in Sachsen-Anhalt
Querfurt ist der Prüfstein für Hensels materiellen Kern, und die Reportage bestätigt ihn nur zur Hälfte. Die Arbeitslosigkeit hat sich mehr als halbiert, die Clique im Stadtbad hat Arbeit und fühlt sich trotzdem als Bürger zweiter Klasse. Was fehlt, sind Jugendclub, Kindergarten und Arzt, eher Infrastruktur und Anerkennung als Lohn. Siegmund, dessen Zukunftsreden Kormbaki in Merseburg und Schwerin hörte, ist dort der Kümmerer, der genau diese Lücken beim Namen nennt.
→ Elif Eralp — Berlin-Wahl 2026 bei Jung & Naiv
Siebzehn Tage vor der Wahl versprach Eralp bei Tilo Jung die Vergesellschaftung im ersten Regierungsjahr. Hier sitzt sie als Siegerin in der Zange, die Jessen beschreibt: Ein möglicher Partner sagt zu ihrem zentralen Thema „mit mir nicht“, und eine Umfrage zeigt eine Mehrheit gegen Enteignung. Kormbaki erwartet, dass ein Linksbündnis eher am Antisemitismus-Streit um die Neuköllner Linke scheitert. Diese Frage hält die Spur Duldet die Linke Antisemitismus? offen, mit derselben Unterscheidung zwischen glaubwürdiger Spitze und geduldeter Basis.
→ Panorama: Warum wählen Menschen Autoritäre? · Wie kann Demokratie funktionieren?
Die beiden wachsenden Panoramen, in die die Nachbesprechung dieser Note führt: das eine fragt nach den Wählenden, von Weimar bis Schwerin, das andere nach der Bauweise der Demokratie und danach, was ein Volksentscheid bindet.
→ Spur: AfD an der Macht — die Probe auf das Gutachten
Hensels Abschlusstipp macht die Spur konkret. Im Magdeburger Patt braucht Siegmund die aktiven Stimmen des BSW, und Wagenknecht könnte die „heimliche Ministerpräsidentin“ werden; Jessen setzt dagegen, dass sie auch diese Parteiorganisation schreddert. Ob die AfD in Sachsen-Anhalt zum ersten Mal an eine Landesregierung kommt, entscheidet, ob die Spur ihre oberste Macht-Ebene erreicht. Die Wahlnachlese hält den Zustand davor fest.
→ Marcant und Eichi — Ausstieg aus der Neonazi-Szene
Drei Tage vor dieser Wahl fürchtet in Torgelow ein früherer Neonazi ein hohes AfD-Ergebnis, weil seine Stelle im Jugendclub an den Geflüchteten hängt, die dort ein- und ausgehen. In den Neunzigern war er in Neubrandenburg in der Szene, in derselben Gegend, an die sich Tilo Jung hier erinnert.
→ Presseclub — Wer regiert die Hauptstadt? Kommt die Brandmauer nach links?
Kormbakis Prognose vom Tag nach der Wahl wird zwei Wochen später im Presseclub fast wörtlich bestätigt. Anke Myrrhe hält Eralp für glaubwürdig und ihre Leute nicht für Ausnahmen, und sie fürchtet die Enttäuschung, wenn die Mieten nicht sinken.
→ Carsten Brosda — Nächste Demokratie?
Brosda warnte Ende August vor einer Landesregierung, die keine Staatsverträge mehr schließt, und vermisste bei den Demokraten genau das Zukunftsbild, mit dem die Gegenseite Jubel erntet.
→ Oschmann und Kowalczuk — Kränkung oder Freiheitsschock
Hensels lange Abschiedsbewegung lässt sich zweimal erzählen: als Antwort auf eine Politik, die nicht zuhörte (Oschmann), oder als Fortsetzung des Abduckens, das schon die Diktatur verlangte (Kowalczuk).
Weiterdenken
- Hensel gibt der SPD die Schuld, weil Hartz IV den Osten zuerst aus der Wahl trieb. Wäre ein Osten ohne Hartz IV heute weniger blau — oder hätte 2015 dieselbe Kante nur später geschnitten?
- Kormbaki sagt, AfD und Linke gewännen, weil sie den Anschein der Alternativlosigkeit durchbrechen. Wer entscheidet, was ein Sachzwang ist — und wie klänge ein Kanzler, der sagt: Das ist kein Zwang, das ist meine Entscheidung, und ich stehe dafür?
- In Mecklenburg-Vorpommern hat sich der Anteil der AfD-Wähler, die aus Überzeugung wählen, in zehn Jahren mehr als verdoppelt. Reicht es noch, dem Überzeugten zuzuhören, wie man es dem Enttäuschten schuldet — oder beginnt hier die Pflicht zum Widerspruch? (→ StreitClub #19 — Extremismus und der Schutz der Demokratie)
- Jessens Summe: Menschen, die sich nicht gehört fühlen, und die, wenn sie einmal gehört werden könnten, doch nicht gehört werden. Was schuldet eine repräsentative Demokratie einem Volksentscheid, dessen Mehrheit sich gedreht hat — und was denen, die ihn gewonnen haben?
- Die einzige Verteidigerin der Aufrüstung am Tisch nennt ihren Preis offen. Kann eine Regierung Zumutungen verlangen, ohne eine Zukunft zu versprechen, während auf dem Marktplatz jemand die Zukunft verkauft?
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