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Gedankenraum
Geistesblitz·7. Oktober 2026·1:20 h·46 Belegstellen

Christian Walburg — Migration, Flucht und Kriminalität

Wer mit dreißig einwandert, wird selten noch straffällig; wer jahrelang geduldet wartet, eher. Ein Kriminologe über Migration und Kriminalität, jenseits von Ressentiment und Beschwichtigung.

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George Tooker — Eitempera auf Gesso, matte glatte Fläche, kaltes gleichmäßiges Neonlicht. Ein Warteraum in tiefer Flucht: Reihen gleicher Bänke, darauf junge Männer mit Nummernzetteln und gefalteten Papieren, still. An der Stirnwand eine Uhr, eine geschlossene Tür, ein Stempel am Haken. Durchs Fenster rechts die Stadt, die arbeitet: ein Kran, eine Bäckerei, Menschen auf dem Weg. Tookers Hand, weil sein Waiting Room (1959) das Warten in Kabinen als Zustand der Moderne malte — genau die Lage, die Walburg für die Geduldeten beschreibt: drinnen die Zeit, draußen das Leben, das nicht hereinkommt.

Prompt: A wide horizontal banner painting in the style of George Tooker, egg tempera on gessoed panel, smooth matte surface, cool even fluorescent light, muted greys, pale greens and ochres. A long bureaucratic waiting room seen in deep perspective: rows of identical narrow wooden cubicles and benches, in them young men of different backgrounds sit very still, stylized simplified figures with calm anonymous faces, holding numbered paper slips and folded documents. On the far wall a large round clock and a closed door with a rubber stamp hanging beside it. Through one tall window on the right, a bright small view of the outside city at work: a bakery with warm light, a construction crane, people walking. Quiet, patient, melancholic atmosphere. No letters, no numbers, no words, no logos, no photorealism, no signature.

Worum es geht

Wer mit dreißig einwandert, wird selten noch straffällig; wer jahrelang geduldet wartet, eher. Der Kriminologe Christian Walburg ordnet im Freiburger Hörsaal (November 2021) eine Frage, die jede Einwanderungsgesellschaft seit hundert Jahren stellt. Er räumt ein, was die Statistik zeigt: Ausländer werden etwa doppelt so oft als Tatverdächtige erfasst, die zweite Generation ist auffälliger als die erste, junge Geflüchtete häufiger als der Durchschnitt. Dann zerlegt er den Abstand nach Alter, Geschlecht, Anzeige, Aufenthaltsstatus und Lebenslage, bis von „den Ausländern" nur noch sehr verschiedene Menschen in sehr verschiedenen Lagen übrig bleiben. Am Ende steht eine unbequeme Rechnung für beide Lager: Wer Menschen, die ohnehin bleiben werden, vom Arbeitsmarkt fernhält, produziert genau die Kriminalität, vor der er warnt.

Quelle: Migration, Flucht und Kriminalität: Zwischen Ressentiments und realen Problemlagen · Vortragsreihe TACHELES, Universität Freiburg, 18.11.2021 · Humanistische Union Baden-Württemberg, Institut für Kriminologie und Wirtschaftsstrafrecht, Arbeitskreis kritischer Juristinnen und Juristen · 80 Min. (die anschließende Diskussion ist nicht aufgezeichnet)

Wer spricht?

Christian Walburg — Jurist und Kriminologe. Studium der Rechtswissenschaft in Münster, dort wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kriminalwissenschaften und Mitarbeiter der Längsschnittstudie Kriminalität in der modernen Stadt, die von 2002 bis 2015 in Duisburg immer dieselben jungen Menschen befragte. Promotion 2013 über Migration und Jugenddelinquenz (Buch 2014, Nachwuchspreis der Kriminologischen Gesellschaft 2015), im selben Jahr das vielzitierte Gutachten „Migration und Jugenddelinquenz – Mythen und Zusammenhänge“ für den Mediendienst Integration. Danach Lehrstuhlvertretungen in Göttingen, Leipzig und im Wintersemester 2021/22 in Freiburg, zuletzt (2025) an der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster. Autor des Überblicks „Migration und Kriminalität“ der Bundeszentrale für politische Bildung.

→ DenkerVita


Ein Thema, das nie tabu war

4:37 — Walburg beginnt mit einer Richtigstellung, bevor er eine einzige Zahl zeigt. Anders als oft behauptet, sei Migration und Kriminalität in der Forschung kein verbotenes Feld; Kriminologen in Deutschland, den USA und anderswo untersuchen es seit vier, fünf Jahrzehnten. Dünn sei das Wissen nur über Fluchtzuwanderung: In seiner eigenen Duisburger Panelstudie saßen die Enkel der Gastarbeiter und junge Aussiedler, aber kaum Geflüchtete.

8:26 — Dann weitet er das Feld, bevor er es wieder verengt. Kriminalität kann Ursache von Migration sein (wer vor Bandengewalt in Mittelamerika flieht), Migration kann kriminalisiert werden (Grenzübertritt, Fluchthilfe, Solidarität), und Migranten werden selbst Opfer von Gewalt, Ausbeutung und Betrug, ein Aspekt, den die Forschung lange vernachlässigt habe. Der Abend handelt trotzdem von der vierten Facette, der Kriminalität durch Migranten, weil sie es ist, die eine Aufnahmegesellschaft umtreibt.

12:12 — Den Rahmen setzt ein Befund, der im öffentlichen Gespräch fast nie vorkommt: Klassische Straßen- und Gewaltkriminalität ist in Deutschland seit fünfzehn, zwanzig Jahren rückläufig, Raub auf öffentlichen Straßen ebenso wie Tötungsdelikte, und dieser Trend kehrte sich nach 2015, gemessen bis 2020, nicht um. Auch Opferbefragungen zeigen keine Explosion. (Stand heute: Seit 2022 ist das vorbei; die registrierte Gewaltkriminalität stieg bis 2024 auf das Niveau von 2007, Raub und Tötungsdelikte liegen aber weiter weit unter den 1990ern — siehe Faktencheck.) Walburg trennt dabei zwei Ängste, die in Talkshows verschwimmen: die persönliche Furcht, auf dem Heimweg überfallen zu werden, lag in den 1990ern höher als heute; verbreitet ist dagegen die Sorge um Kriminalität als gesellschaftliches Problem; nach 2014 stieg sie wieder an, und am größten ist sie unter Anhängern der AfD, wie Daten des Sozio-oekonomischen Panels zeigen. Wer „die Leute haben Angst" sagt, meint oft die Angst um das Land, nicht um sich selbst — und die eine lässt sich mit Statistik beruhigen, die andere kaum.

Warum das Thema so gut mobilisiert

17:31 — Walburg erklärt das Muster nüchtern, ohne sich darüber zu empören. Die Verbindung von Fremdheit und Verbrechen tauchte in Deutschland schon in den 1990ern auf und in den USA in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, nach der großen europäischen Einwanderung. Sie ist eine politische Ressource, weil sie so leicht funktioniert:

„Kriminelle mag niemand. Wenn man zuschreiben kann einer bestimmten sozialen Gruppe, dass sie besonders kriminell sind, dann kann man damit eben leicht Emotionen wecken und mobilisieren."

Hören — 17:31

18:17 — Warum das verfängt, beschreibt er sozialpsychologisch. Junge, fremde Männer tauchen in einer Kleinstadt auf, wo sie vorher nicht zum Ortsbild gehörten; das irritiert. Allgemeinere Sorgen über Globalisierung und sozialen Wandel suchen sich einen fassbaren Bezugspunkt, und eine Straftat liefert ihn. Dazu kommt der Wunsch, Kriminalität möge eine Ausnahme sein, die mit „uns Normalbürgern" nichts zu tun hat — dann liegt es nahe, sie nach außen zu verlegen. Die Gefahr, die Walburg benennt, ist die Ethnisierung des Sozialen: Kriminalität, die es in allen Gesellschaften und Milieus gibt, wird einer Herkunft zugeschrieben, als entstünde sie aus ihr.

22:49 — Bemerkenswert ist, dass er das Dilemma seines eigenen Fachs nicht verschweigt. Wer über kriminelle Ausländer forscht und spricht, bestärkt das Narrativ ein Stück weit, schon durch die Themenwahl. Er hält trotzdem daran fest:

„Im Zweifel werden durch Forschung, durch den genauen Blick natürlich einfache Wahrheiten erschüttert und differenzierte Bilder entstehen."

Im Gespräch — 22:49

Ob die Forschung am Ende instrumentalisiert wird, habe sie nicht in der Hand. Das ist ehrlich, und es ist zugleich die Bedingung, unter der dieser ganze Vortrag steht.

Wer ist „der kriminelle Ausländer"?

23:34 — Walburg beginnt die Begriffsarbeit mit einem Scherz, der sitzt. Die deutschen Ingenieure, die der kalifornischen Umweltbehörde manipulierte Abgaswerte vorlegten, waren in den USA kriminelle Ausländer; Jan Marsalek ist österreichischer Staatsbürger und läuft in der deutschen Polizeistatistik als ausländischer Tatverdächtiger. An sie denkt niemand bei dem Wort.

24:21 — Der Punkt dahinter ist methodisch. Weder „die Kriminalität" noch „die Migration" gibt es im Singular: Gastarbeiter und ihre Enkel, Aussiedler, Asylsuchende, EU-Binnenmigranten, Menschen, die allein kommen oder mit Familie, als Kind oder mit vierzig, mit schnellem Pass oder jahrzehntelang ohne. Walburg hält „überhaupt nichts" von der Sammelkategorie „Migrationshintergrund", weil sie Menschen zusammenwirft, die kaum etwas gemeinsam haben.

30:27 — Die Polizeiliche Kriminalstatistik kennt ohnehin nur den Pass. Sie zählt Touristen, Durchreisende und Grenzgänger mit, die gar nicht hier leben: Beim Autodiebstahl der 1990er wohnten 40 bis 50 Prozent der ausländischen Tatverdächtigen im Ausland. Dazu kommt die Demografie: Die ausländische Bevölkerung ist jünger, männlicher und städtischer, und Alter und Geschlecht sind die stärksten Prädiktoren für Kriminalität, überall und zu allen Zeiten. Nimmt man die heraus, die gar nicht hier leben, bleibt ein Abstand — noch ohne Alter und Geschlecht zu bereinigen:

34:13 — Von den Deutschen werden im Jahr etwa zwei Prozent als Tatverdächtige erfasst, von den Ausländern etwa vier Prozent, also doppelt so viele. Walburg sagt das ohne Ausweichen, und er setzt sofort den zweiten Satz daneben:

„Von denen sind 96 Prozent nicht auffällig."

Im Gespräch — 34:13

Beide Sätze stimmen gleichzeitig, und erst zusammen ergeben sie ein Bild. Die eine politische Seite zitiert den ersten, die andere den zweiten.

Weitergedacht

Wenn doppelt so viele und 96 Prozent unauffällig zugleich wahr sind — welche der beiden Zahlen sollte eine Politik leiten, die über eine ganze Gruppe entscheidet, etwa beim Familiennachzug oder bei der Einbürgerung?

Anzeige, Kontrolle, Untersuchungshaft — der Anteil des Blicks

35:44 — Die Polizei erfährt rund 90 Prozent der Straftaten aus Anzeigen. Wer anzeigt, entscheidet also mit, wer in der Statistik landet, und dafür gibt es in Deutschland wie international einen robusten Befund: Je fremder Täter und Opfer einander sind, desto eher geht man zur Polizei. Familiäre Gewalt bleibt im Haus, die Rangelei mit dem Unbekannten wird angezeigt — und wer als nicht zugehörig gilt, ist besonders unbekannt.

37:17 — Die zweite Tür ist die Kontrolle. Walburg widerspricht Polizeigewerkschaftern, die Racial Profiling in Deutschland für unmöglich halten, weil es verboten sei: Gerichte haben solche Kontrollen festgestellt, in europaweiten Befragungen hält rund ein Drittel der kontrollierten Minderheitenangehörigen die letzte Kontrolle für ethnisch motiviert (Faktencheck: vereinfacht — Walburg nennt 20 bis 30 Prozent), und eine Beobachtungsstudie an Pariser Bahnhöfen fand, dass junge, migrantisch gelesene Männer häufiger kontrolliert wurden. Besonders anfällig seien Befugnisse zu verdachtsunabhängigen Kontrollen, etwa die Suche nach unerlaubter Einreise in Zügen und Bahnhöfen nach § 22 Bundespolizeigesetz.

39:34 — Die dritte Tür ist die Justiz. Eine Studie, die teils am Freiburger Max-Planck-Institut entstand, fand bei gleicher Tatschwere und gleichen Vorstrafen vor allem bei Drittstaatsangehörigen tendenziell etwas höhere Strafen. Klar belegt sei dagegen die Untersuchungshaft: Bei sonst gleicher Lage werden Ausländer deutlich häufiger in U-Haft genommen, weil man Fluchtgefahr annimmt.

41:05 — Und dann der Satz, der beide Lager enttäuscht:

„Man kann das nicht alleine durch eine höhere Anzeigerate oder durch eine stärkere [Kontrolle durch] Polizei und Justiz erklären. Das ist ein Teil der Wahrheit […], aber es erklärt nicht alles."

Hören — 41:05

Damit ist die Statistik weder entlarvt noch bestätigt. Sie misst echtes Verhalten und den Blick der Gesellschaft darauf, in einem Verhältnis, das niemand genau beziffern kann.

Die erste Generation: ein Paradox

41:50 — Aus der amerikanischen Forschung kommt eine Beobachtung, die der öffentlichen Wahrnehmung fast vollständig widerspricht: Erwachsene Einwanderer der ersten Generation fallen seltener durch Kriminalität auf als der amerikanische Durchschnitt; erst ihre Kinder fallen häufiger auf als die Eltern. In Deutschland lässt sich das, soweit die dünnen Daten reichen, nachvollziehen. Die Gastarbeiter der 1970er und 80er waren kein Kriminalitätsthema, die erwachsenen Aussiedler der 1990er ebenso wenig.

43:22 — Walburg prüft drei Erklärungen. Die erste ist Motivation: Wer als Erwachsener ein Migrationsprojekt beginnt, will es nicht durch Straftaten gefährden, und er bringt eine höhere Frustrationstoleranz mit als seine Kinder, die sich mit Gleichaltrigen im Aufnahmeland vergleichen. Die zweite ist Auswahl: Wo Einwanderung gesteuert wird, kommen Menschen mit geringer Neigung zu Straftaten. Die dritte ist Abschreckung durch drohende Ausweisung — und die hält er für schwach. Für Gewaltdelikte, die oft aus der Situation, unter Alkohol und in der Gruppe entstehen, sei Abschreckung „kaum zu erwarten", bei jungen Menschen schon gar nicht.

47:09 — Seine eigene Erklärung ist die einfachste: das Alter. Wer mit 35 einwandert, hat seine Persönlichkeitsentwicklung hinter sich, und der Einstieg in Kriminalität in der dritten oder vierten Lebensdekade ist selten. Die Biografie, in der Delinquenz entsteht, liegt dann schon in einem anderen Land.

47:56 — Zwei Ausnahmen setzt er sofort daneben. Partnergewalt scheint in der ersten Generation mancher Gruppen häufiger zu sein, auch wenn die Datenlage schwierig ist. Und wo Menschen keinen Zugang zum Arbeitsmarkt haben, entsteht Subsistenzkriminalität: Diebstahl, Drogenhandel, um sich über Wasser zu halten. Walburg beruft sich auf Cloward und Ohlins Theorie der differenziellen Gelegenheiten — wem die legalen Wege verschlossen sind und sich zugleich illegale öffnen, der geht sie eher. Seine Beispiele sind Familien aus libanesischen Flüchtlingslagern, die seit den 1980ern kamen, oft staatenlos waren und jahrzehntelang nur geduldet blieben, und junge Männer aus dem Maghreb, die nach 2010 ohne jede Bleibeperspektive durch Europa zogen und nach der Kölner Silvesternacht ins Licht der Öffentlichkeit gerieten.

Weitergedacht

Wenn ausgerechnet die erwachsenen Neuankömmlinge am seltensten auffallen und ihre hier aufgewachsenen Kinder häufiger — was sagt das über die Aufnahmegesellschaft, in der diese Kinder groß werden?

Die zweite Generation: Lage, Herkunft und der Respekt auf der Straße

53:15 — Bei den Kindern der Einwanderer ist der Abstand am besten belegt, weil man sich hier nicht auf Polizeizahlen verlassen muss. Schülerbefragungen im Dunkelfeld zeigen in ganz Westeuropa: Jugendliche der zweiten Generation sind etwas häufiger an Delikten beteiligt, auch unter den wenigen Intensivtätern ist ihr Anteil höher.

54:45 — Woran das liegt, ist in seinem Fach umstritten, und Walburg legt den Streit offen. Die einen sagen, die soziale Lage — Armut, Bildungsnachteile, benachteiligte Viertel — erkläre den Unterschied vollständig; die anderen, sie erkläre nur einen kleinen Teil. Er selbst sieht die Wahrheit in der Mitte: ein substanzieller Teil, nicht alles. Den Rest sucht er im Prozess des Aufwachsens. Die Identitätsfindung der Jugend ist für Kinder aus Einwandererfamilien schwerer, wenn sie Ausgrenzung erfahren, wenn Eltern weniger fördern und beaufsichtigen können, wenn — wie niederländische Kollegen bei marokkanischen Familien in Rotterdam beobachteten — arbeitslos gewordene Väter ihre Rolle verlieren. Gewaltsame Erziehung kommt in manchen Migrantenfamilien häufiger vor; Walburg nennt vorsichtig eine Größenordnung von „acht zu fünfzehn Prozent“; auch das bleibt die Ausnahme.

58:30 — Den „heikelsten Punkt" nennt er selbst so: Gewalt junger Männer geht oft mit Vorstellungen von Ehre und Stärke einher, mit dem Zwang zuzuschlagen, wenn einer schief guckt. Ist das mitgebracht oder hier entstanden? Walburg antwortet in zwei Sätzen, und die Reihenfolge zählt59:15:

„Es gibt natürlich Herkunftsgesellschaften, die patriarchal geprägt sind, mit stärkeren Vorstellungen von männlicher Dominanz. Das sollte man nicht leugnen. […] Man sollte es aber auch nicht einseitig mit der Herkunft dieser Jugendlichen erklären."

Im Gespräch — 59:15

60:00 — Haltungen werden in der Auseinandersetzung mit der eigenen Lage entwickelt, und sie lassen sich wieder ablegen; Jugendsozialarbeit trainiert genau das. Wer als junger Mann sonst nichts ist, hat in der Härte eine Ressource:

„Das Einzige, was man dann zu verlieren hat, ist eben Respekt auf der Straße."

Im Gespräch — 60:00

Walburg verweist auf Elijah Andersons Code of the Street aus den armen Innenstadtvierteln der USA: dieselben Mechanismen, länder- und kulturübergreifend, bei Einheimischen wie bei Migranten. Hier verläuft die Kernthese des Abends am deutlichsten. Was wie Kultur aussieht, ist oft eine Antwort auf einen Platz in der Gesellschaft — doch er lässt die Möglichkeit, dass auch Mitgebrachtes wirkt, ausdrücklich stehen.

60:46 — Und es wird besser. Die Wiederholungsbefragungen des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen zeigen seit den 1990ern einen Rückgang der Jugendgewalt auch unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund; türkeistämmige Jugendliche haben heute deutlich geringere Raten als damals, und die Aussiedlerjugend, die Ende der 1990er zehn bis fünfzehn Prozent mancher Jugendgefängnisse stellte, ist in der Normalität angekommen. Integration über die Generationen ist kein Versprechen, sie ist ein beobachteter Verlauf.

Die Geflüchteten seit 2015

62:17 — Für die jüngste Gruppe, knapp zwei Millionen Schutzsuchende im Ausländerzentralregister, hat die Forschung die wenigsten gesicherten Zahlen. Walburg beginnt mit einer Korrektur in beide Richtungen. 2015 hieß es, es kämen zu 80, 90 Prozent junge Männer — gesagt, wie Walburg sich spitz erinnert64:34, vom Oberbürgermeister „einer baden-württembergischen Universitätsstadt, die nicht Freiburg ist". Das stimmte so nicht (Faktencheck: vereinfacht — belegt ist Palmers „über 70 Prozent“). Wahr ist aber: Männer zwischen 16 und 29 machten unter den Schutzsuchenden 34 Prozent aus, in der deutschen Bevölkerung 8 Prozent. Viele kamen unbegleitet, mitten in der Adoleszenz, ohne Familie, die auffängt; die Freiburger Soziologen Albert Scherr und Helen Breit haben das untersucht.

66:04 — Dass diese Gruppe häufiger mit Straftaten auffällt als die Gesamtbevölkerung, bestreitet Walburg nicht, im Gegenteil:

„Alles andere wäre auch nach allen kriminologischen Theorien im Grunde erwartungswidrig."

Im Gespräch — 66:04

Der Satz stellt die Debatte vom Kopf auf die Füße. Junge Männer in instabiler Lage werden überall häufiger straffällig; offen ist nur, wie viel häufiger und warum.

66:49 — Die Polizeistatistik führt eine Kategorie „Zuwanderer"; sie stellte damals rund sieben bis acht Prozent aller Tatverdächtigen bei vielleicht zwei Prozent der Bevölkerung, mit vielen Unschärfen. Die meisten Delikte sind leicht: Schwarzfahren, Betäubungsmittel, Diebstahl, einfache Körperverletzung. Bei den vollendeten Tötungsdelikten lag der Anteil bei etwa zehn Prozent, 50 bis 60 von 500 bis 600 Fällen im Jahr — höher als der Bevölkerungsanteil, und doch ein winziger Bruchteil der Gruppe. Die Diebstähle stiegen 2015/16 steil an und fielen fast auf das Ausgangsniveau zurück, wie schon 1993/94.

67:34 — Zwei Unterscheidungen tragen mehr als jede Gesamtzahl. Nach Herkunft: Die größte Gruppe, sechs- bis siebenhunderttausend Syrer, fiel damals relativ selten auf, Menschen aus Nordafrika und Subsahara-Afrika häufiger. Walburg vermutet als Grund die Zusammensetzung — aus Syrien floh ein Querschnitt der Gesellschaft, Ärztinnen eingeschlossen. Nach Status, gestützt auf Auswertungen von Christoffer Glaubitz und Thomas Bliesener (KFN) für Schleswig-Holstein und ältere niederländische Studien: Anerkannte Flüchtlinge fallen, „vorsichtig gesagt“, am seltensten auf, Menschen im laufenden Verfahren häufiger, Abgelehnte und Geduldete am häufigsten. Wer anerkannt ist, dessen Leben geht weiter; wer jahrelang wartet, lebt in einer Unsicherheit, die zermürbt.

73:39 — 2015/16 spielten 40 bis 60 Prozent der erfassten Gewalt unter Geflüchteten in den Unterkünften selbst: Enge ohne Rückzugsraum, Langeweile ohne Tagesstruktur, Gruppen junger Männer, getrennt von der Familie, ohne jemanden, der sagt „lass mal lieber". Walburg lässt aber auch die Gegenthese gelten. Die Gießener Kriminologin Britta Bannenberg fand bei jungen Geflüchteten, die schnell im hessischen Jugendvollzug landeten, häufig schon Erfahrungen mit Gewalt und Kriminalität aus der Heimat oder aus Italien — eine Disposition, die sie nicht erst hier entwickelt hatten. Am Ende, sagt Walburg, sei es immer ein Zusammenspiel von Lebensgeschichte und gegenwärtiger Lage.

Weitergedacht

Bannenberg findet Mitgebrachtes, Walburg betont die Lage, und beide haben vermutlich recht für verschiedene Menschen. Wie baut man eine Politik, die zwischen diesen Gruppen unterscheidet, ohne wieder bei der Herkunft als Kriterium zu landen?

Was daraus folgt: Wer bleibt, gehört behandelt wie einer, der bleibt

75:56 — Walburgs Schluss ist kurz und praktisch. Für die erste Generation: schneller Zugang zum Arbeitsmarkt, keine langen Phasen von Unsicherheit, Absonderung und Passivität, Unterbringung, die nicht Stress und Gewalt erzeugt, Traumata erkennen und behandeln. Mittelfristig sinkt die Kriminalität dieser Gruppe ohnehin, weil Menschen älter werden. Für die zweite Generation: Teilhabe, Perspektive, Zugehörigkeit, früh in Kita und Schule, auch wenn Lehrer zu Recht klagen, man könne nicht alles bei ihnen abladen.

77:27 — Dann der Kern. Wer Menschen mit „geringer Bleibeperspektive" sortiert, ihnen Sprachkurse und Arbeit verweigert und sie jahrelang in Sammelunterkünften warten lässt, rechnet damit, dass sie gehen. Walburg hält die Rechnung für falsch:

„Die gehen ja doch irgendwann wieder, dann ist es nicht unser Problem. Aber ein Teil von ihnen wird bleiben. Das ist auch die historische Erfahrung."

Im Gespräch — 77:27

78:58 — Wer bleibt und immer weiter ausgeschlossen wird, für den schließt sich der legale Weg, und die Jugendsozialarbeit stößt an ihre Grenze, wenn sie einen anderen Weg aufzeigen soll, den es nicht gibt. Die Gesellschaft müsse sich „irgendwann ehrlich machen", wer auf Dauer bleibt, und dann Möglichkeiten eröffnen; das Stichwort heißt Spurwechsel.

Hier liegt die Pointe des Abends, und sie trifft eine Politik, die Härte für Sicherheit hält: Die Kettenduldung, gedacht als Druck zur Ausreise, erzeugt bei denen, die nicht ausreisen, genau die Lage, die die Kriminologie seit Cloward und Ohlin mit Kriminalität verbindet. Walburg sagt das ohne Pathos, als Rechnung. Sie ist darum schwer zu widerlegen und leicht zu überhören.

Fünf Jahre später in Leipzig: was hinzukam

Im April 2026 hielt Walburg den Vortrag noch einmal, diesmal auf Einladung von Elisa Hoven in Leipzig, als „12 Thesen“ zu Migration und Kriminalität. Vieles ist gleich geblieben, die Alterskurve, die Anzeige, die Kettenduldung. Fünf Dinge sind neu, und sie zeigen einen Forscher, der sich bewegt hat.

Er beginnt anders. Statt eines Befunds steht am Anfang eine Folie mit zwei Spalten, die Standpunkte beider Lager nebeneinander, ohne Kommentar (S. 4): hier „Migranten werden deutlich häufiger straffällig, und darüber wird nicht klar genug gesprochen“, dort „Migranten werden häufiger angezeigt und kontrolliert“. Seine erste These heißt „Kein Tabu, aber unterschiedliche Perspektiven“.

Das Alter rechnet er jetzt vor, an einem Delikt, bei dem es wehtut. Bei schwerer Vergewaltigung lag die Belastungszahl 2024 für Deutsche bei 10, für Ausländer bei 36 je 100.000, das Dreieinhalbfache; vergleicht man nur Männer von 18 bis 20 Jahren, sind es 76 gegen 166, gut das Doppelte (S. 32). Sein Satz dazu ist auf beide Lager gemünzt:

„Es ist nicht allein ‚Alter und Geschlecht‘ (keine Strohmänner!), es ist aber AUCH Alter und Geschlecht.“

Im Gespräch — 78:58

Die Kultur bekommt eine eigene These, und sie ist deutlicher als 2021: „Manchmal auch eine Frage der Kultur, aber Vorsicht vor Kulturalisierung“. Auf einer Folie steht unter der Überschrift „Nicht wegsehen…“ der Untersuchungsbericht zu Rotherham, wo in einer englischen Stadt über Jahre Banden überwiegend pakistanischstämmiger Männer Mädchen missbrauchten und Behörden wegschauten; direkt daneben Aschaffenburg als Beispiel eines kulturalistischen Fehlschlusses (S. 52–53). Bei Femiziden hält er beides fest: Die Rate der getöteten Frauen in Partnerschaft und Familie sank von 0,72 je 100.000 (1986) auf 0,47 (2024), das Problem ist weder neu noch importiert; 2017 war aber knapp die Hälfte der Täter und Opfer im Ausland geboren, bei 16 Prozent Bevölkerungsanteil (S. 51). „Kultur prägt“, schreibt er, „ist aber auch nichts Statisches.“

Eine eigene Aussage von 2021 korrigiert er stillschweigend. Damals fielen die Syrer selten auf; jetzt zeigt er Berichte aus Österreich über junge Syrer und spricht von „mglw. sich verändernden Vorbelastungen“ derselben Herkunftsgruppe (S. 48). Das passt zu den Zahlen von 2024, nach denen Syrer etwa ihrem Anteil entsprechend auffallen (→ Faktencheck).

Neu ist auch eine Messung, die in die andere Richtung weist. Unter den Tatverdächtigen eines vollendeten Mords oder Totschlags waren 2024 35,4 Prozent Nichtdeutsche, beim versuchten 45,1 Prozent (S. 37). Walburg fragt, ob bei Nichtdeutschen häufiger ein Tötungsvorsatz angenommen wird, wo bei Deutschen von Körperverletzung die Rede wäre. Es ist ein Hinweis, kein Beweis. Und über die Jahre gesehen ist die Belastung pro Kopf eher gesunken: Die Zahl der hier lebenden Ausländer hat sich in zwanzig Jahren verdoppelt, die der Verurteilten und Gefangenen ist langsamer gestiegen (S. 22).

Die Thesen elf und zwölf schärfen den Freiburger Schluss. Eine Politik der „Pull-Faktor-Bekämpfung“, zuletzt unter dem Stichwort „Brot, Bett, Seife“, verschlechtere die Lage von Menschen absichtlich und schaffe so Subsistenz- und Schleuserkriminalität (S. 67); und wer nach einer Straftat ausgewiesen, aber nicht abgeschoben werden kann, landet häufig in der „Abschiebung in die Duldung“ — genau dem Status, in dem das Risiko am höchsten ist (S. 69).

Am Ende überlässt er das Wort Norbert Elias und John Scotson und ihrer Studie über eine englische Vorstadt: Eine Gruppe von Etablierten neige dazu, den Außenseitern insgesamt die „schlechtesten“ Eigenschaften ihrer schlechtesten Teilgruppe zuzuschreiben, und sich selbst die ihrer besten (S. 70; Etablierte und Außenseiter, 1965). Es ist eine Mahnung an alle im Saal, die Gastgeberin eingeschlossen, und an jeden, der Zahlen über die anderen zitiert.

Weitergedacht

Walburg setzt 2026 Rotherham und Aschaffenburg auf benachbarte Folien, das eine als Warnung vor dem Wegsehen, das andere vor dem Kulturalisieren. Gibt es eine Regel, nach der man im Einzelfall entscheiden kann, welche der beiden Warnungen gerade gilt — oder bleibt das immer ein Urteil?


Nachbesprechung

Zwei Fragen, die der Abend aufwirft, und was man fünf Jahre später darüber weiß.

Wirkt die Drohung — oder wirkt der Status?

Walburg hält die Abschreckung durch drohende Ausweisung für schwach: kaum belegt, theoretisch kaum zu erwarten, schon gar nicht bei Gewalt aus der Situation heraus und bei jungen Menschen. Die Forschung gibt ihm im Wesentlichen recht. Die allgemeine Abschreckungsforschung kennt seit Langem die Regel, dass die Gewissheit, gefasst zu werden, wirkt und die Härte der Folge kaum (Nagin 2013, Review, doi:10.1086/670398); als in Florida mit dem 18. Geburtstag die Strafen schlagartig härter wurden, sank die Straffälligkeit um rund zwei Prozent (Lee & McCrary 2017, doi:10.1108/S0731-905320170000038005). Eine Ausweisung ist genau so eine zusätzliche Härte. Die USA lieferten dazu ein natürliches Experiment: Das Programm Secure Communities wurde Bezirk für Bezirk eingeführt und führte zu rund 250.000 Festnahmen zur Abschiebung, die Kriminalitätsrate bewegte sich nicht (Miles & Cox 2014, doi:10.1086/680935; ebenso Treyger, Chalfin & Loeffler 2014, doi:10.1111/1745-9133.12085). Ganz null ist der Effekt nicht: Wo auch die Nachbarbezirke mitmachten, sank die Kriminalität etwas, wo einer allein abschob, wanderte sie eher über die Grenze (Kang & Song 2021, doi:10.1093/jleo/ewab013). Für Europa gibt es keine Studie, die die Abschreckung durch Ausweisungsdrohung kausal misst — auch nicht zur Schweizer Ausschaffungsinitiative.

Den schärfsten Test liefert ein Paper, das im Panorama schon steht. Mit dem EU-Beitritt 2007 konnten Rumänen und Bulgaren in Italien praktisch nicht mehr abgeschoben werden; nach Walburgs Gegnern hätte ihre Kriminalität steigen müssen. Ihre Rückfallquote bei Eigentumsdelikten fiel von 5,8 auf 2,3 Prozent, weil der legale Arbeitsmarkt sich öffnete (Mastrobuoni & Pinotti 2015, doi:10.1257/app.20140039). Bei Gewalttätern stieg der Rückfall leicht, nicht signifikant — die Autoren erklären das damit, dass niemand mehr außer Landes gebracht wurde. Abschiebung wirkt dort also durch Entfernung, kaum durch Drohung.

Den Status-Gradienten, den Walburg aus Schleswig-Holstein kannte, zeigt inzwischen das Bundeslagebild. 2024 wurden 172.203 „Zuwanderer“ als Tatverdächtige registriert, 8,8 Prozent aller Tatverdächtigen: 39,8 Prozent davon Asylbewerber im Verfahren, 27,7 Prozent Schutzberechtigte, 16,7 Prozent Geduldete, 15,7 Prozent Menschen ohne Aufenthaltsrecht (BKA, Kriminalität im Kontext von Zuwanderung 2024). Legt man das grob neben die Zahl der Schutzsuchenden je Status (Destatis), ergibt sich eine Größenordnung: um zwei Prozent bei den Anerkannten, um sechzehn bis siebzehn Prozent im laufenden Verfahren und in der Duldung. Die Zahl überzeichnet, weil Jahresverdächtige gegen einen Stichtagsbestand gerechnet werden und unter den Anerkannten über eine Million Ukrainer stehen, meist Frauen und Kinder. Die Reihenfolge zeigt sich auch in den Kieler Längsschnittdaten für 2013 bis 2019, mit zwei Vorbehalten ihrer Autoren: Eine echte Belastungszahl je Aufenthaltsstatus lässt sich nicht berechnen, weil Polizei und Ausländerregister verschieden zählen, und ein Teil des Gefälles ist Auswahl, weil wer weniger zu Straftaten neigt, auch eher einen Titel bekommt (Glaubitz & Bliesener 2018, KFN FB 137; Neumann et al. 2022, KFN FB 161; zusammengefasst in der SVR-Expertise Bliesener 2024). Eine Studie auf Kreisebene findet für 2010 bis 2015 sogar das Gegenteil: Asylbewerber änderten die Kriminalität eines Kreises nicht, ein höherer Anteil Anerkannter ging mit mehr Eigentums- und Betrugsdelikten einher (Dehos 2021, doi:10.1016/j.regsciurbeco.2020.103640). Der Gradient ist plausibel und international gestützt, für Deutschland aber dünner belegt, als Walburgs Grafik vermuten lässt.

Den Mechanismus dahinter, den Walburg mit Cloward und Ohlin beschreibt, hat die Forschung inzwischen direkt gemessen. Als ein US-Gesetz 1986 neu Eingewanderten den legalen Job versperrte, stiegen ihre Anklagen wegen Verbrechen (Freedman, Owens & Bohn 2018, doi:10.1257/pol.20150165); in den Niederlanden erklärt der Ausschluss von Arbeit und Leistungen mindestens 28 Prozent des Kriminalitätsanstiegs unter Irregulären (Leerkes, Engbersen & van der Leun 2012, doi:10.1007/s10611-012-9367-0). In Deutschland bedeuteten sieben Monate längeres Arbeitsverbot fünf Jahre später rund 20 Prozentpunkte weniger Erwerbstätigkeit (Marbach, Hainmueller & Hangartner 2018, doi:10.1126/sciadv.aap9519). Ein Gegenbefund gehört dazu: Als Dänemark die Leistungen für Geflüchtete halbierte, fanden mehr von ihnen Arbeit — und zugleich stiegen die Eigentumsdelikte, auch unter Jugendlichen (Andersen, Dustmann & Landersø 2019, Working Paper). Druck aktiviert manche und treibt andere ins Delikt.

Und Walburgs „Spurwechsel“? Das Chancen-Aufenthaltsrecht lief Ende 2025 aus; rund 90.800 Menschen bekamen den Titel, etwa 34.500 schafften den Übergang in ein Bleiberecht, rund 10.000 fielen in die Duldung zurück (Mediendienst Integration, Juli 2026). Ausbildungs- und Beschäftigungsduldung erreichten im März 2025 rund 3.500 von 191.000 Geduldeten. Die Koalition hat ein befristetes Bleiberecht für beschäftigte Geduldete versprochen; im März 2026 drängte der Bundesrat noch auf die Umsetzung. Ob eines dieser Instrumente Kriminalität senkt, hat in Deutschland niemand untersucht.

Was bleibt, ist eine Synthese, die beide Lager trifft. Eine Drohung wirkt nur, wo jemand etwas zu verlieren hat. Wer auf einen Status hofft, hütet ihn; wer in der Kettenduldung ohne Aussicht sitzt, verliert durch eine Ausweisung nichts, was er hätte. Erst eine erreichbare Perspektive gibt der Drohung, sie zu verlieren, ihr Gewicht.

→ Weiter im Panorama: Was macht den Abstand kleiner?, wo Pinottis Legalisierung, die Abschiebeindustrie und die Ausbildungsduldung gegeneinander stehen.

Wird verschwiegen?

2021 sagte Walburg, das Thema sei in der Forschung nie tabu gewesen, und er nannte das Dilemma seines Fachs: Wer darüber spricht, stärkt das Bild, und wer schweigt, überlässt es anderen. Vier Jahre später stand er mitten in genau diesem Streit. Am 26. November 2025 schrieben die Leipziger Strafrechtlerin Elisa Hoven (Richterin am Sächsischen Verfassungsgerichtshof) und die Kölner Rechtsphilosophin Frauke Rostalski (Deutscher Ethikrat) in der FAZ, „wir“ müssten ehrlicher über Straftaten von Migranten sprechen. Im April 2026 legten sie in der FAZ nach: Schon der Hinweis auf die höhere Belastung gelte „vielen als ‚gefährlich‘“, an die Stelle einer Erklärung trete „ihre falsche Relativierung“; wer Armut oder Alter anführe, um Migration als Faktor aus dem Spiel zu nehmen, betreibe ein „ideologisches Hütchenspiel“ (zit. nach Focus, 26.04.2026). Als Ursachen nennen sie Flucht, Trauma, Sammelunterkünfte und Arbeitsverbote, aber auch „archaische Männlichkeitsbilder“, die sich mit dem Grenzübertritt nicht in Luft auflösten.

In der Sache steht Walburg ihnen näher, als der Ton vermuten lässt; das zeigt schon sein Freiburger Satz über patriarchale Herkunftsgesellschaften. In seiner Antwort im Verfassungsblog (Walburg 2025, doi:10.59704/21504e48ce1752a4) gibt er ihnen recht, dass Alter und Geschlecht nicht alles erklären — sie verringern den Abstand um „vorsichtig geschätzt 25 bis 30 Prozent – nicht (viel) mehr, aber auch nicht weniger“. Er bestreitet die Zeitdiagnose. Innenminister sprächen im „Klartextmodus“, das BKA veröffentlichte 2025 erstmals bundesweite Belastungszahlen für Nichtdeutsche, Lagebilder zur „Zuwanderung“ erscheinen jährlich, Länder nennen per Erlass die Nationalität jedes Verdächtigen (NRW seit 2024, Bayern seit 2025, Baden-Württemberg hat es 2026 angekündigt). Sein Schluss:

„Wir […] sollten nicht leichtfertig die Erzählung von Rechtsaußen nähren, ‚die da oben‘ würden die Dinge verschweigen, indem wir ein Zerrbild der Debatte des Jahres 2025 zeichnen.“

Im Gespräch — 78:58

Der Frankfurter Kriminologe Tobias Singelnstein antwortete schärfer: Das Tabu sei ein „rhetorischer Kniff“, und die Belastungszahlen für Syrer und Afghanen, mit denen der FAZ-Text arbeitete, enthielten Verstöße gegen das Ausländerrecht, die Deutsche gar nicht begehen können (Singelnstein, FAZ, 19.12.2025).

Was die Daten zum Streit sagen, verteilt sich auf beide Seiten. Der Abstand ist real und stabil: 2025 kamen auf 100.000 Deutsche 1.813 Tatverdächtige, auf 100.000 Nichtdeutsche 4.788, bei Gewalt etwa das Vierfache (→ Panorama). Verschwiegen wird er nicht, eher im Gegenteil. Zeitungen nannten die Herkunft von Tatverdächtigen 2014 in 11 Prozent der Berichte, 2018 in 33 Prozent (Dittrich & Klimmt 2021, doi:10.5771/0934-9200-2021-1-28); wenn das Fernsehen sie 2025 nannte, ging es zu 94,6 Prozent um Ausländer (Hestermann 2025). Was diese Auswahl bewirkt, ist gut untersucht: 60 von 71 Studien finden, dass Herkunftsverweise Vorurteile verstärken (Klimmt et al. 2022, systematische Übersicht, doi:10.1007/s11616-022-00765-5), und nach Straftaten, die Migranten zugeschrieben werden, steigt lokal die Hasskriminalität gegen Geflüchtete (Riaz, Bischof & Wagner 2023, doi:10.1086/726948). Einen dritten Weg zeigt ein natürliches Experiment: Seit die Sächsische Zeitung 2016 die Herkunft aller Verdächtigen nennt, auch der deutschen, sorgen sich ihre Leser weniger um Migration (Keita, Renault & Valette 2024, doi:10.1093/ej/uead059). Das erfüllt das Transparenzanliegen von Hoven und Rostalski und Walburgs Sorge zugleich. Ob es Vertrauen in die Medien zurückbringt, hat niemand gemessen.

Was die Daten nicht entscheiden, ist der eigentliche Streit: ob das Relativieren den Diskurs prägt oder nur in Nischen vorkommt. Das ist eine Frage der Wahrnehmung, und jede Seite sieht die Beispiele, die sie fürchtet. Dass die beiden Lager miteinander reden, zeigt ein Detail. Hoven, die 2019 selbst nachwies, dass AfD-Pressemitteilungen die Nationalität zu 95 Prozent bei Nichtdeutschen nennen (Hestermann & Hoven 2019), lud Walburg im April 2026 nach Leipzig ein, unter dem Titel „Differenzierung statt Alarmismus oder Verharmlosung“ (seine Folien).

→ Weiter im Panorama: Wird verschwiegen?, die neue vierte Frage, mit Merz, Staiy, BissenBlaBla und einem Fall, in dem erfunden statt verschwiegen wurde.


Faktencheck

Geprüft am Transkript. Die Zahlen gelten für den Stand 2021 (PKS 2020 und früher). Wo sich bis 2025 etwas verschoben hat, steht es am Ende des jeweiligen Callouts. Was im Panorama Macht Migration kriminell? und im Faktencheck von BissenBlaBla schon steht, wird hier nur verwiesen.

Vereinfacht — Rückgang der Gewalt, „nach 2015 keine Umkehr“

12:58 Der lange Trend stimmt. Raubdelikte gingen von 69.569 Fällen (1997) auf 33.872 (2020) zurück, also um 51 %. Raub auf Straßen, Wegen und Plätzen fiel von 32.822 auf 13.660 (−58 %). Vollendeter Mord und Totschlag sank von 1.493 Fällen (1993) auf 508 (2019). Auch die Gewaltkriminalität lag 2020 mit 176.672 Fällen unter dem Wert von 2015 (181.386). In dieser Rechnung fehlt allerdings der Anstieg dazwischen. 2016 stieg die Gewaltkriminalität bundesweit um 6,7 % auf 193.542 Fälle, die vollendeten Tötungsdelikte von 565 auf 661. In Niedersachsen nahm die Gewalt von 2014 bis 2016 um 10,4 % zu; nach einer Auswertung des LKA gehen 92,1 % dieses Anstiegs auf Flüchtlinge zurück (Pfeiffer/Baier/Kliem 2018, ein Gutachten ohne Begutachtung). Walburg erwähnt später selbst, dass die Gewaltdelikte in dieser Gruppe „ab 2016“ stiegen70:36. In der Rahmung am Anfang fehlt das. Die Verkürzung passt zu seiner These, über die Gesamtentwicklung bis 2020 sagt sie aber nichts Falsches. Stand 2025: Der Abwärtstrend ist vorbei. Von 2021 bis 2024 stieg die Gewaltkriminalität um 32 %. 2024 lag sie mit 217.277 Fällen etwa auf dem Höchststand von 2007 (217.923), 2025 sank sie um 2,3 %. Raub und Tötungsdelikte bleiben trotzdem weit unter dem Niveau der 1990er: Raub 2025 40.119 Fälle (gut 40 % unter 1997), vollendete Tötungsdelikte 612. Quelle: BKA, PKS-Zeitreihe T01 (xlsx) · Pfeiffer/Baier/Kliem 2018, S. 70 ff. · BKA-Pressemitteilung PKS 2025

Bestätigt — Persönliche Furcht früher höher, gesellschaftliche Sorge vor allem bei AfD-Anhängern (

15:59, 16:45) Die persönliche Kriminalitätsfurcht ist seit Mitte der 1990er zurückgegangen, und die Unterscheidung zwischen persönlicher und gesellschaftlicher Furcht ist in der Forschung üblich. DIW-Auswertungen des SOEP zeigen, dass sich AfD-Anhänger überdurchschnittlich oft „große Sorgen“ um die Kriminalität machen. Eine Einschränkung: Auch die gesellschaftliche Sorge war um 2000 höher als nach 2015. 2000 machten sich 54 % große Sorgen, 2013 31 %, 2016 47 % und 2023 38 %. Sie stieg nach 2014 also wieder, aber von einem Tiefpunkt aus. Stand 2024: In der Dunkelfeldstudie SKiD 2024 fühlen sich 74,0 % nachts in ihrer Wohngegend sicher, 2 Prozentpunkte mehr als 2020; im Nahverkehr fühlen sich nachts allerdings 45 % unsicher. Wie oft Menschen tatsächlich Opfer werden, steht im Panorama. Quelle: bpb/APuZ 2017: Objektive und subjektive Sicherheit · DIW Wochenbericht 30/2025 · DIW-Pressemitteilung 24.08.2016 (SOEP, AfD-Anhänger) · BKA, SKiD 2024

Bestätigt — Anzeigen als Hauptweg ins Hellfeld, Fremdheit erhöht die Anzeigebereitschaft

35:44 Belegt sind beide Teile: Die Polizei erfährt den Großteil der Taten aus Anzeigen, und als fremd wahrgenommene Täter werden häufiger angezeigt (Mansel & Albrecht 2003; KFN-Niedersachsensurvey 2024). Die Zahlen und die Grenze des Arguments stehen im Panorama, Abschnitt „Wie viel ist Anzeige, wie viel Tat?“. Kurz: Wie stark der Effekt ist, weiß niemand genau, und bei Tötungsdelikten trägt das Argument nicht. Quelle: KFN, Forschungsbericht 171 · Walburg 2014, Gutachten für den Mediendienst Integration, S. 10

Vereinfacht — Racial Profiling: die Belege stimmen, die „20 bis 30 Prozent“ sind zu hoch (

37:17, 38:03) Bestätigt ist die Pariser Beobachtungsstudie (Goris/Jobard/Lévy 2009, Open Society Justice Initiative und CNRS): über 500 Kontrollen an Gare du Nord und Châtelet; Schwarze wurden 3,3- bis 11,5-mal so oft kontrolliert wie Weiße, Araber 1,8- bis 14,8-mal so oft, und jugendtypische Kleidung war ein starker Prädiktor. Auch die Gerichtsfälle gibt es, etwa OVG Koblenz 2012 (7 A 10532/12.OVG). Die europaweite Zahl stimmt so nicht. In EU-MIDIS II (FRA 2017) wurden 26 % der befragten Minderheitenangehörigen in fünf Jahren kontrolliert, und von diesen hielten 33 % die letzte Kontrolle für ethnisch motiviert, rund 9 % aller Befragten; bei Nordafrikanern, Subsahara-Afrikanern, Asiaten und Roma 38–47 % der Kontrollierten. Walburgs Spanne passt zum Anteil der Kontrollierten, nicht zu den Minderheitenangehörigen insgesamt. Die Überzeichnung stützt seine These. Nach dem Vortrag: Der EGMR verurteilte Deutschland im Fall Basu (18.10.2022) — nicht für die Kontrolle selbst, sondern weil der Profiling-Vorwurf nicht unabhängig untersucht wurde. Quelle: Equinet-Factsheet zu EU-MIDIS II · OSJI: Profiling Minorities (Paris) · Verfassungsblog zu Basu v. Germany

Bestätigt — Strafzumessung und Untersuchungshaft (

39:34, 40:20) Die Einzelstudie, die sich zuordnen lässt, ist Light 2015/16 (Social Forces, Daten deutscher Strafgerichte 1998–2010): Ausländer erhielten bei vergleichbaren Fällen härtere Strafen, EU- wie Nicht-EU-Bürger; der Abstand wurde im Lauf des Jahrzehnts kleiner. Walburg sagt „gerade bei Drittstaatsangehörigen“, die Studie findet den Effekt breiter. Ob er diese oder eine andere Studie des Freiburger MPI meint, ließ sich nicht klären. Dass bei Ausländern häufiger U-Haft angeordnet wird, weil Fluchtgefahr angenommen wird, ist ein alter und durchgehender Befund (Überblick: Oberwittler & Lukas 2010); eine aktuelle Studie, die alle anderen Faktoren gleich hält, fand sich nicht. Quelle: Light, doi:10.1093/sf/sov084 · Walburg 2014, S. 10, Fn. 43 (Oberwittler & Lukas)

Bestätigt — Zwei Prozent gegen vier Prozent (

31:57, 34:13) Die PKS 2020 zählt ohne ausländerrechtliche Verstöße 1.863.118 Tatverdächtige, davon 557.688 nichtdeutsch (29,9 %); Walburgs „30, 32 Prozent“ stimmt. Deutsche: rund 1,3 Mio. Tatverdächtige bei gut 72 Mio. Menschen, also 1,8 %. Nichtdeutsche: 557.688 bei 11,4 Mio. laut Ausländerzentralregister, also 4,9 %; ohne die Tatverdächtigen, die im Ausland oder ohne festen Wohnsitz leben, rund 4 %. Beide Werte sind Raten pro Kopf, nicht nach Alter und Geschlecht bereinigt. Den Ausländeranteil an der Bevölkerung nennt Walburg mit „9, 11 Prozent“ zu niedrig (Ende 2020 knapp 14 %); das lässt den Abstand größer erscheinen und arbeitet gegen seine eigene These. Zum Pkw-Diebstahl der 1990er (40–50 % mit Wohnsitz im Ausland) fand sich keine Primärzahl; plausibel ist die Größenordnung: Beim Kfz-Diebstahl lebten 2024 noch 26,9 % der ausländischen Tatverdächtigen im Ausland. Stand 2025: Die amtliche Belastungszahl liegt bei 1.813 (Deutsche) gegen 4.788 (Ausländer), also 2,6-fach; bei Gewalt etwa vierfach. Pro Kopf liegt die Quote der Nichtdeutschen nach dem Höchststand 2015/16 (6,1 %) wieder etwa auf dem Niveau von 2009. Mehr im Panorama. Quelle: BMI, PKS 2020, S. 12 f. · BKA, Lagebild Zuwanderung 2020, S. 9 f. · Destatis: AZR Ende 2020 · Walburg, bpb-Dossier (aktualisiert 03.07.2025)

Bestätigt — Das „immigrant paradox“ in den USA

41:50 Einwanderer in den USA sind seit 150 Jahren seltener inhaftiert als in den USA Geborene (Abramitzky et al. 2024, AER: Insights, Zensusdaten 1870–2020). Bersani 2014 findet, dass die erste Generation seltener straffällig wird und sich die zweite den Einheimischen angleicht, also eher auf deren Niveau als darüber. Für Europa gilt das Paradox nur eingeschränkt: In Schweden werden im Ausland Geborene 2,5-mal so oft registriert wie Schweden mit schwedischen Eltern, die zweite Generation 3,2-mal, bereinigt 1,8 und 1,7 (Brå 2021, Registerstudie). Die Reihenfolge der Generationen findet sich dort wieder, ein Vorsprung der ersten Generation vor den Einheimischen nicht. Quelle: doi:10.1257/aeri.20230459 · doi:10.1080/07418825.2012.659200 · Brå 2021:9

Bestätigt — Abschreckung durch Ausweisung kaum belegt

46:24 Abschiebungen erklären die niedrigen Inhaftierungsraten von Einwanderern in den USA nicht; entscheidend ist die Auswahl durch die Migration selbst (Butcher & Piehl 2007). Secure Communities senkte die Kriminalität nicht messbar (Miles & Cox 2014), und die allgemeine Abschreckungsforschung zeigt, dass die Gewissheit einer Strafe stärker wirkt als ihre Härte (Nagin 2013, Review). Studien für Deutschland gibt es nicht, wie Walburg selbst sagt. Mehr in der Nachbesprechung. Quelle: doi:10.3386/w13229 · doi:10.1086/680935 · doi:10.1086/670398

Vereinfacht — „80, 90 Prozent junge Männer“ und der Oberbürgermeister

64:34 Der Kern stimmt: Junge Männer waren unter den Schutzsuchenden stark überrepräsentiert, und Walburgs „34 zu 8 Prozent“ passt zu seiner späteren Fortschreibung (Asyl-Erstantragsteller 2024: 32,8 % Männer von 16 bis 29, Bevölkerung ohne Migrationshintergrund 7,2 %). 2015 waren 69,2 % der Erstantragsteller männlich und 71,1 % unter 30. Belegt ist aber nicht „80, 90 Prozent“: Boris Palmer sagte der taz am 21.09.2015, „über 70 Prozent der Flüchtlinge“ seien junge Männer — auch das falsch, denn 70 % war der Männeranteil über alle Altersgruppen. Walburg schränkt mit „ich glaube“ ein; trotzdem wirkt der Gegner dadurch falscher, als er war. Möglicher Ursprung der 80: Unter den 18- bis 25-Jährigen waren 2015 80,3 % Männer. Quelle: taz, 21.09.2015 · BAMF, Aktuelle Zahlen zu Asyl, Dez. 2015 · Walburg, bpb-Dossier 2025

Bestätigt — „Zuwanderer“: 7–8 % der Tatverdächtigen, rund 10 % der Tötungsdelikte (

66:49, 69:51) 2020 erfasste die Polizei 136.588 tatverdächtige Zuwanderer, 7,3 % aller Tatverdächtigen ohne ausländerrechtliche Verstöße (2019: 8,0 %). Bei Straftaten gegen das Leben lag ihr Anteil mit 12,4 % am höchsten. Vollendete Tötungsdelikte mit Zuwanderer-Beteiligung: 2019 50 bei 508 Fällen, rund 10 %; 2020 84 bei 629. Stand 2024: 172.203 tatverdächtige Zuwanderer, 8,8 % aller Tatverdächtigen, bei grob geschätzt knapp 4 % Bevölkerungsanteil (über 3 Mio. Geflüchtete, ein Drittel aus der Ukraine). Das Verhältnis von Tatverdächtigen- zu Bevölkerungsanteil ist damit von gut drei auf gut zwei gesunken. Vollendete Tötungsdelikte: 51 von 564 aufgeklärten Fällen. Quelle: BKA, Lagebild Zuwanderung 2020, S. 9–21 · BKA, Lagebild Zuwanderung 2024

Bestätigt — Syrer selten, Maghreb häufig

67:34 2020 stellten Syrer, Afghanen und Iraker 38,2 % der tatverdächtigen Zuwanderer, aber 57,6 % der Asylsuchenden seit 2015; Algerier und Marokkaner 5,1 % bei 2,1 %. Stand 2024: Das Bild hat sich verschoben. Syrer stellen 21,2 % der tatverdächtigen Zuwanderer bei 20,5 % der Geflüchteten, etwa ihrem Anteil entsprechend; Ukrainer 12,8 % bei 35,7 %, Maghreb-Staaten 9,1 % bei 0,5 %, Georgier 2,9 % bei 0,5 %. Ein Teil der Verschiebung kommt von der Vergleichsbasis, weil die stark unterrepräsentierten Ukrainer den Durchschnitt senken. „Relativ selten“ gilt für Syrer heute nur noch im Vergleich mit den Maghreb-Staaten. Quelle: BKA, Lagebild Zuwanderung 2020, S. 10 · BKA, Lagebild Zuwanderung 2024, S. 12 f.

Vereinfacht — Anerkannte < laufendes Verfahren < Geduldete (

72:09, 72:54) Walburg formuliert selbst vorsichtig („soweit wir es bisher kennen können, vorsichtig gesagt“). Die Richtung ist international gestützt (Pinotti 2017, im Panorama). Für Deutschland ist die Grundlage dünner, als die Grafik vermuten lässt: Im KFN-Bericht zu Schleswig-Holstein heißt es ausdrücklich, dass sich eine Belastungszahl je Aufenthaltsanlass nicht bestimmen lässt, weil Ausländerzentralregister und Polizei verschieden zählen. Gegen den Gradienten spricht Dehos 2021 (Kreisebene, 2010–2015): Asylbewerber ohne Effekt, ein höherer Anteil anerkannter Flüchtlinge mit mehr Eigentums- und Betrugsdelikten. Walburg schreibt 2025 selbst, genauere Analysen „stehen noch aus“. Woher seine Grafik stammt, ließ sich nicht klären. Quelle: KFN, Forschungsbericht 137, S. 88 f. · Dehos, doi:10.1016/j.regsciurbeco.2020.103640 · Walburg, bpb-Dossier 2025

Bestätigt — Gewalt in den Unterkünften 2015/16

73:39 Für 2016 gibt es Landesbefunde in dieser Größenordnung: In Bayern geschah „der größte Teil“ der Rohheitsdelikte durch tatverdächtige Zuwanderer in Asylunterkünften, bei Straftaten gegen das Leben „mehr als zwei Drittel“; bei Taten gegen Zuwanderer waren in rund 76 % der Fälle andere Zuwanderer tatverdächtig. Eine bundesweite Zahl für „40 bis 60 Prozent“ fand sich nicht. Stand 2024: Seit es weniger Massenunterkünfte gibt, ist der Anteil gesunken, wie Walburg erwartet hatte: 17,3 % der Rohheitsdelikte mit tatverdächtigen Zuwanderern in Unterkünften, häufigster Tatort ist die Wohnung (22,2 %). Quelle: Hanns-Seidel-Stiftung, Politische Studien 473/2017 · BKA, Lagebild Zuwanderung 2024, S. 18–25

Bestätigt — Jugendgewalt rückläufig, Aussiedler im Jugendvollzug

61:32 Junge Aussiedler waren im Jugendstrafvollzug deutlich überrepräsentiert; in Baden-Württemberg lag ihr Anteil 2011 nach einem Rückgang noch bei 12 %, bei 5,4 % Bevölkerungsanteil (Stelly & Walter 2011). In den Wiederholungsbefragungen des KFN ging die Jugendgewalt seit den 1990ern auch unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund zurück. Stand 2024 (Niedersachsensurvey): Die selbstberichtete Gewalttäterschaft unter Neuntklässlern (6,7 %) liegt signifikant unter 2013, 2017 und 2019; Unterschiede nach Migrationsgeschichte sind laut KFN „höchstens als kleine Tendenzen“ zu werten. Gestiegen ist die Zahl der Opfer, auf 20,1 %. Beide Migrationsgenerationen berichten häufiger von Gewalt durch die Eltern, was zu Walburgs vorsichtigem „acht zu fünfzehn Prozent“ passt. Quelle: KFN, Forschungsbericht 171 · Walburg 2014, Fn. 36 (Stelly & Walter 2011)

Bestätigt — Bannenbergs Studie zum hessischen Jugendvollzug

75:10 Bannenberg, Eifert und Herden, „Kriminalität von Zuwanderern. Strafgefangene und Untersuchungsgefangene nach Jugendstrafrecht in Hessen“, Kriminalistik 1/2019: alle Zuwanderer im hessischen Jugendvollzug und in U-Haft 2016/17. Den Einzelbefund (Gewalterfahrung schon im Herkunftsland oder in Italien) ließ sich nur bis zur Zusammenfassung prüfen. Methodisch wichtig: Die Studie erfasst nur die schwerste Spitze, wer schnell im Gefängnis landete; für Geflüchtete insgesamt sagt sie wenig. Walburg stellt sie zu Recht als Gegenthese für eine Teilgruppe neben seine These von der Lage. Quelle: Kriminalistik 1/2019, Inhalt und Abstract


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

Im Vortrag genannt:

  • Richard A. Cloward, Lloyd E. Ohlin: Delinquency and Opportunity (1960) — Theorie der differenziellen Gelegenheiten
  • Elijah Anderson: Code of the Street (1999) — Gewalt und Respekt in armen Innenstadtvierteln der USA
  • Norbert Elias, John L. Scotson: Etablierte und Außenseiter (1965, dt. 1990) — Walburgs Schlusszitat in Leipzig 2026
  • Albert Scherr, Helen Breit — Freiburger Forschung zu unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten
  • Thomas Bliesener u. a. (KFN) — Auswertung der Tatverdächtigen nach Aufenthaltsstatus, Schleswig-Holstein
  • Britta Bannenberg — Studie zu jungen Geflüchteten im hessischen Jugendstrafvollzug
  • KFN-Schülerbefragungen (Niedersachsensurvey) — Entwicklung der Jugendgewalt seit den 1990ern

Von Sherlock ergänzt:


Verbindungen

→ Macht Migration kriminell?

Die Note liefert dem Panorama die Kriminologen-Stimme für alle vier Fragen; die vierte, „Wird verschwiegen?“, ist erst mit ihr entstanden. Das Panorama rechnet mit den Belastungszahlen von 2025 weiter, wo Walburgs Vortrag 2020 endet. So wird sichtbar, dass sein Abwärtstrend seit 2022 nicht mehr gilt, während seine Erklärung über Alter, Status und Lage trägt.

→ BissenBlaBla — AfD-Behauptungen zur Ausländerkriminalität

BissenBlaBla stützt sich auf Walburgs Gutachten von 2014 und seinen bpb-Überblick, geht aber weiter: Von der „Kulturnummer“ bleibe nichts, den Abstand erkläre die Postleitzahl. Walburg lässt ausdrücklich einen Rest stehen — patriarchale Prägung „sollte man nicht leugnen“, Alter und Geschlecht erklären nur 25 bis 30 Prozent. Nebeneinander gelesen zeigt sich, wo die Popularisierung über ihre Quelle hinausgeht.

→ MONITOR — Abschiebungen vs. Fachkräfte

MONITOR zeigt an zwei Menschen, was Walburg als Rechnung aufstellt: Francis Emeka bäckt zehn Jahre lang und wird doch abgeschoben, Abduhli Saidi wartet ein halbes Jahr in Gambia auf ein Visum. Abgeschoben wird, wer erreichbar ist und gerade Fuß gefasst hat — also genau der, den Walburgs Spurwechsel halten will.

→ Gerald Knaus — Ceuta und die Erpressbarkeit Europas

Knaus' „Bilder schlagen Zahlen“ beschreibt denselben Riss wie Walburgs zwei Ängste: Die persönliche Furcht ist gesunken, die Sorge um das Land nicht. In der Folgerung reiben sie sich. Für Knaus muss zurückkehren, wer keinen Schutzanspruch hat, sonst verliere das Asylrecht seinen Rückhalt; Walburg hält die historische Erfahrung dagegen, dass ein Teil immer bleibt und darum wie Bleibende behandelt werden muss.

→ Staiy — News Leipzig, Medienschweigen und rechte Mediabubble

Staiy misst, wie lange eine Tat auf den Startseiten bleibt: Aschaffenburg viereinhalb Tage, Leipzig keine zwei. Das ist der Mechanismus hinter dem Befund der Nachbesprechung, dass die Herkunft eher öfter als seltener genannt wird. Staiy erklärt die Gewalt fast ganz aus dem Versagen der Psychiatrie; Walburg erinnert daran, dass der Abstand in der Statistik auch nach jeder Bereinigung real bleibt.

→ Stephan Marks und Aladin El-Mafaalani — Unter der Wut die Scham?

Walburgs „Das Einzige, was man dann zu verlieren hat, ist eben Respekt auf der Straße“ ist in Marks' Begriffen verletzte Anerkennungsscham, die als Härte nach außen geht. Marks' „Raum der Würde“ ist das genaue Gegenbild der Sammelunterkunft ohne Rückzugsort und Tagesstruktur, und seine Formel „Scham zumuten, ohne zu beschämen“ beschreibt die Gratwanderung, an der nach Walburg die Jugendsozialarbeit scheitert, sobald es keinen legalen Weg mehr zu zeigen gibt.

→ Wilhelm Heitmeyer — Die Durchrohung der Gesellschaft

Heitmeyer nennt die Sensibilisierungsthese eine „Beruhigungsformel“ und steht damit im Ton näher bei Hoven und Rostalski als bei Walburg. In der Sache treffen sich beide: Die Anzeige erklärt einen Teil, nicht das Ganze, und Gewalt kommt aus Strukturen, nicht aus Zuschreibungen an Personen. Heitmeyers Befund steigender Gewalt ist zugleich der Rahmen, in dem Walburgs Abwärtstrend nach 2021 kippte.

→ Heinz Bude — Gesellschaft der Angst

Bude beschreibt kollektives Misstrauen als „unbestimmte Negation“, deren Gegenstände austauschbar sind. Das erklärt Walburgs Eröffnungsbefund: Die Sorge um Kriminalität als Problem des Landes ist bei AfD-Anhängern am größten, während die eigene Furcht auf dem Heimweg seit den 1990ern sank. Walburgs „Ethnisierung des Sozialen“ ist der Moment, in dem diese diffuse Angst ein fassbares Objekt findet.

→ Robin Celikates — Faschisierung, Hoffnung und die Krise des Systems

Walburgs „Ethnisierung des Sozialen“, als Faschisierungsmechanismus gelesen: Für Celikates wird die ökonomische Krise auf schon markierte Gruppen projiziert. Anders als Walburg nimmt er die Migration dabei fast ganz aus der Rechnung, und genau dort setzt die Kritik der Note an.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
  • Walburg erklärt den Abstand weitgehend aus Alter, Status und Lage und lässt einen Rest stehen. Was wäre der stärkste Einwand gegen ihn — und welche Daten bräuchte man, um ihn zu entscheiden?
  • Die persönliche Kriminalitätsfurcht war in den 1990ern höher als heute, die Sorge um das Land ist gestiegen. Wovor genau fürchtet sich jemand, der sich auf seinem eigenen Heimweg sicher fühlt?
  • Wenn die Kettenduldung die Kriminalität erzeugt, die man mit ihr bekämpfen will — warum hält sie sich politisch so hartnäckig? Wem nützt sie?
  • Walburg selbst sagt, dass jede Forschung über kriminelle Ausländer das Bild vom kriminellen Ausländer stärkt. Gilt das auch für diese Note — und wie müsste man über das Thema schreiben, damit es nicht so ist?
  • In der Duisburger Studie saßen die Enkel der Gastarbeiter, deren Gewaltraten seither deutlich gesunken sind. Was würde es brauchen, damit man in zwanzig Jahren dasselbe über die Kinder der Geflüchteten von 2015 sagen kann?

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Im Bestand

Christian WalburgDenkerVitaBissenBlaBlaAfD-Behauptungen zur…Macht Migration kriminell?MONITORAbschiebungen vs. FachkräfteCeuta und die Erpressbarkeit…StaiyNews Leipzig Medienschweigen und…Stephan Marks und Aladin…Unter der Wut die Scham?Wilhelm HeitmeyerDie Durchrohung der GesellschaftHeinz BudeGesellschaft der AngstRobin CelikatesFaschisierung, Hoffnung und die…Philipp BlomDie strauchelnde WeltBenneckenstein und WichmannZwischen Hass und AusstiegWie kommt man aus der…

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