GedankenraumWie umgehen mit Russland?
Ein Nachbar, der in fünfzig Jahren noch da ist, und ein Krieg, der jetzt geführt wird. Fünf offene Fragen zum Umgang mit Russland — und die Stimmen, die sich an ihnen reiben.
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Vilhelm Hammershøi — eine Flucht stiller, grauer Zimmer, eine Tür hinter der anderen geöffnet; die letzte ist geschlossen, und an ihren Rändern liegt warmes Licht. Im vorderen Raum ein Tisch, darauf ein gefaltetes Papier und eine Kerze, die nicht brennt. Ein Stuhl steht am Tisch, der andere ist zurückgeschoben und leicht abgewandt, als sei jemand aufgestanden. Kein Mensch. Hammershøi, weil er die Spannung leerer Räume gemalt hat, in denen etwas gerade geschehen ist oder gleich geschehen wird — und das ist der Stand zwischen Europa und Russland: ein Gespräch, das abgebrochen ist, eine Tür, hinter der jemand ist, und die Frage, wer sie zuerst öffnet.
Prompt: Wide 1200x500 panoramic banner painted in the manner of Vilhelm Hammershøi — quiet Danish interior, muted palette of pearl grey, cold white and pale ochre, soft diffused northern light, empty rooms, stillness. A sequence of three tall white-panelled rooms seen through open doorways one behind the other; the last door at the far end is closed, with a thin line of warm light showing beneath it. In the nearest room stands a simple wooden table with two chairs facing each other across it: one chair is neatly placed at the table, the other has been pushed back and turned slightly away, as if someone stood up and left. On the table lie a folded paper and an unlit candle. No people. Mood: guarded neighbourhood, a conversation interrupted, uncertainty about the next room. No text, no letters, no flags, no symbols, no logos, painterly, not photorealistic.
Ein Nachbar, der in fünfzig Jahren noch da ist, und ein Krieg, der jetzt geführt wird. Dieses Panorama fragt nicht, wer an diesem Krieg schuld ist, sondern wie man mit dem Land umgeht, das ihn führt: Was will der Mann im Kreml, und wie lange kann er? Isolieren oder reden? Schreckt Stärke ab, oder provoziert sie? Warum hört ein großer Teil der Welt Moskau zu? Und wie schützt sich eine offene Gesellschaft gegen einen Krieg, der nicht so heißen will? Zu jeder Frage steht, was man weiß, und dann die Stimmen aus dem Bestand — Falken und Verständiger, Analytikerinnen und Polemiker —, die am stärksten gegeneinander stehen.
Die meisten Panoramen sind Momentaufnahmen. Dieses wächst: Wenn eine Note in ihrer Nachbesprechung eine dieser Fragen vertieft, kommt ihre Stimme hierher, und was sie an Forschung mitbringt, auch. Die erste war Hanna Notte und Sergey Lagodinsky im Oktober 2026. Unten steht, welche Notes seither dazukamen.
Was will Putin — und wie lange kann er noch?
In Putins Kopf kann niemand schauen, aber die Forschung über Herrschaften wie seine ist alt und solide. Personalistische Regime führen eher Krieg als andere, weil ihnen ein inneres Publikum fehlt, das einen kriegerischen Führer bremsen oder absetzen könnte (Weeks 2012, viel zitiertes Standardwerk, korrelativ). Und sie können schlechter aufhören: Zwischen 1946 und 2004 wurde fast die Hälfte der gestürzten Diktatoren inhaftiert, getötet oder ins Exil getrieben, Personalisten besonders oft (Escribà-Folch 2013); je strafender der Machtverlust droht und je mehr die Amtszeit am Kriegsausgang hängt, desto weniger Zugeständnisse macht ein Führer (Debs & Goemans 2010). Das ist der Forschungskern hinter dem Satz „er kann nicht aufhören“ — mit einem anderen Mechanismus, als ihn die Stimmen unten meist nennen: die eigene Haut, nicht die Inflation.
Die Bevölkerung scheint dabei weniger das Hindernis zu sein. In einem Listenexperiment schrumpfte die Zustimmung zum Krieg von 71 Prozent bei direkter Frage auf 61 — rund zehn Punkte Präferenzfälschung —, und die Autoren folgern, ein Frieden stieße auf wenig Gegenwind (Chapkovski & Schaub 2022); Putins Zustimmung selbst ist nach einer anderen Messung „etwa so hoch, wie Umfragen zeigen“ (Frye u. a. 2023). Online-Stichproben unter Repression bleiben unsicher. Wirtschaftlich zeichnet die finnische Zentralbank Stagnation, keinen Kollaps: ein Prozent Wachstum 2025, Kriegsbranchen plus zwanzig Prozent, der Rest der Industrie bei 0,4, die liquiden Reserven des Wohlfahrtsfonds von 6,5 auf 1,8 Prozent des BIP geschrumpft; ein Waffenstillstand würde Ressourcen für die zivile Produktion freisetzen (BOFIT 1/2026). Die Herbstprognose bleibt bei einem halben Prozent für 2027 und 2028 und benennt die Klemme, in der der Kreml steckt: Steigen die Kriegsausgaben weiter — sie machen inzwischen etwa ein Fünftel des Staatshaushalts aus —, wachsen Defizit, Inflation und am Ende das Krisenrisiko; spart er dagegen, trifft es die zivilen Ausgaben, und die Kosten des Krieges werden für gewöhnliche Bürger spürbar. Vorerst, so die Bank, nehme die Regierung den Schmerz in Kauf (BOFIT 2/2026). Zu den heimkehrenden Veteranen, die Notte als größte Nachkriegslast nennt, fehlt dem Bestand noch die Forschung.
Die Stimmen
- Hanna Notte: Putin braucht keinen heißen Krieg — bei „Mission erfüllt“ rollte kein Kopf —, wohl aber das Feindbild Westen, weil er keine Zukunft anzubieten hat; das Kriegsende bleibt trotzdem schwer, wegen der militarisierten Wirtschaft und der Veteranen.
- Sergey Lagodinsky: Putin denke nicht langfristig, wolle „ewig leben“, seine Pläne würden „immer weniger rational“ — der irrationale Tyrann gegen Nottes rationalen Akteur mit falschen Prämissen.
- Ulrike Herrmann: Frieden ist für Putin teurer als Krieg — Inflation, eine geschrumpfte Zivilwirtschaft und Millionen Heimkehrer ohne Arbeit würde er nicht überleben.
- Katrin Eigendorf: Russland sei ein „Auslaufmodell“, sein Schlagen das verzweifelte Flügelschlagen eines angeschlagenen Systems — die Note selbst hält mit der Forschung dagegen: Stagnation, kein Kollaps.
- Herfried Münkler: Putin liest sich durch Peter I. und Katharina II. — wer das ernst nimmt, muss damit rechnen, dass das „Drehbuch vom Schwarzen Meer“ einmal an der Ostsee gespielt wird.
- Richard David Precht: Die Panik sei „völlig übertrieben“: Hier gebe es „nichts zu holen“, und ein Russland, das in der Ukraine kaum vorankommt, riskiere keinen Krieg mit der NATO.
- Torsten Heinrich: Die NATO hat sich nicht nach Osten erweitert, der Osten ist beigetreten — hinter dem Vorwurf steht ein Weltbild, in dem die Bündniswahl kleiner Staaten als Angriff gilt.
- Jan van Aken: Das Sicherheitsdilemma ernst nehmen — „Was glauben Sie, wie Russland das sieht, wenn wir hier Mittelstreckenraketen stationieren?“ —, dagegen Bahrs „strukturelle Nichtangriffsfähigkeit“.
Weitere Stimmen (9)
- Hanna Notte (Kriegsziele): Die Konfrontation mit dem Westen ist Ordnungsprinzip geworden — es geht um Großmachtstatus und die Abwicklung einer Sicherheitsarchitektur, in der Russland kein Veto hatte.
- Sergey Lagodinsky (Gesellschaft): Sehr viele haben sich arrangiert, „alles hat seine Konsequenzen“; die Neunziger schweißten Freiheit und Armut im Gedächtnis zusammen.
- Jörg Baberowski: „Wir wissen nicht, wer entschieden hat, die Ukraine anzugreifen“ — der isolierte Despot hört nur noch, was er hören will.
- Ivan Krastev: Putin denkt in Jahrhunderten, Trump in Wochen — daraus folgt systematische Fehlkalkulation.
- Konstantin Flemig: Es geht um Immaterielles, „Russland wieder groß werden zu lassen“; Putin sei ein „Geschichtsfanatiker“.
- Konstantin Flemig (Iranisierung): isoliert, technologisch abgehängt, von China abhängig — und der Krieg vielleicht auch eine Flucht vor dieser Lage.
- Michail Chodorkowski: Je eine Million Tote und Versehrte auf beiden Seiten sind „der Preis eines Systems ohne Bremsen“.
- Torsten Heinrich (Bukarest 2008): Der Fehler des Westens war nicht die Erweiterung, sondern Hoffnung ohne Beitritt.
- Wolfgang M. Schmitt und Stefan Schulz: Die Ablenkungsthese sei „sehr schlicht“ — ein Diktator müsse nicht ablenken, Putin habe handfeste geopolitische Interessen.
Herrmann sagt, der Frieden würde Putin stürzen. Notte sagt, er brauche nur den Feind, nicht den Krieg. Die Umfragen sagen, die Bevölkerung trüge ein Kriegsende mit. Wen fürchtet der Kreml beim Kriegsende eigentlich — das Volk, die Elite oder die Veteranen? Und nach welcher Annahme über Putin baut man eine Abschreckung, wenn sich keine prüfen lässt?
Isolieren oder reden?
Russland ist das meistsanktionierte Land der Welt, mit rund 26.600 Einträgen mehr als Iran, Venezuela, Myanmar und Kuba zusammen. Was das bewirkt, ist seit vierzig Jahren umstritten: Hufbauer, Schott und Elliott zählten rund ein Drittel Teilerfolge, Robert Pape fand bei genauem Hinsehen nur etwa fünf von vierzig (Pape 1997). Eine Meta-Analyse über 37 Studien nennt die Bedingungen, unter denen Sanktionen eher wirken — enge Handelsverflechtung vorher, schneller Vollzug, gute Beziehungen vor dem Konflikt (Demena & van Bergeijk 2025, mittlere Solidität). Gegen Russland traf die erste zu, die dritte nie. Und Sanktionen treffen fast nur die Harten: Wer nachgeben will, gibt schon bei der Drohung nach (Drezner 2003).
Gegen Russland verteuern sie den Krieg, beenden ihn aber nicht. Die EU-Exporte sanktionierter Güter brachen um rund 80 Prozent stärker ein als andere, dieselben Güter gingen dafür um 30 Prozent mehr nach Armenien, Kasachstan und Kirgistan (Chupilkin, Javorcik & Plekhanov 2026, peer-reviewed); besser abgestimmte Exportverbote hätten Russland rund 80 Prozent mehr gekostet (Hausmann u. a. 2024). Die Handelseffekte insgesamt sind signifikant, aber „relativ klein“, weil die Handelskosten mit Indien, China und der Türkei zugleich sinken (Felbermayr u. a. 2025). Den humanitären Preis kennt man aus ärmeren Ländern: 30 von 31 Studien finden negative Folgen für Einkommen, Armut und Sterblichkeit der Bevölkerung (Rodríguez 2023). Mehr in der Nachbesprechung Wirken die Sanktionen?.
Für die andere Seite der Frage — wann Verhandlungen tragen, wie haltbar Waffenstillstände sind — fehlt dem Bestand die Forschung noch. Sie gehört als Nächstes hierher.
Die Stimmen
- Sergey Lagodinsky: Isolation als moralisches Zeichen und Technologie-Embargos trägt er voll mit — eine Strategie für danach sieht er nicht: „Das ist zu einfach.“ Das Gespräch Wadephuls mit Lawrow nennt er „nicht verkehrt“.
- Hanna Notte: Die Isolation war „immer eine sehr westliche Sicht“; über Indien, China, Nordkorea, Iran und die BRICS hat Moskau Ersatz gefunden und kann „noch gut eine Weile weiterkämpfen“.
- Angela Merkel: Waffen für die Ukraine „absolut richtig“ — aber Europa setze „sein diplomatisches Potenzial nicht ausreichend“ ein; Diplomatie war „immer die zweite Seite der Medaille, auch im Kalten Krieg“.
- Jan van Aken: Landesverteidigung ja, aber „in 50 Jahren ist Russland immer noch unser Nachbar“ — die Weichen für etwas anderes als Konfrontation werden heute gestellt.
- Margarita Šešelgytė: „Der Casus Belli für Russland ist Schwäche“ — Rüstung ist für die Litauerin Deeskalation.
- Mithu Sanyal: Solidarisch sein mit den Menschen statt mit den Regierungen — russische Deserteure aufnehmen, „dann können die weniger kämpfen“, über Schulabschlüsse und Krankenhäuser quer zur Front verhandeln, denn Kriege müssen für beide Seiten gut enden, sonst schwelen sie weiter.
- Maja Göpel: Mit Claudia Major fragt sie nach dem Punkt, an dem der Gegner aussteigen würde, und findet ihn bei Putin nicht: Nach jedem Anruf aus Berlin, jeder Sitzung des Sicherheitsrats habe er am nächsten Tag härter angegriffen.
- Torsten Heinrich: Putin zeige „die klassische Krankheit eines Spielers“ — Georgien, Krim, 2022; wer ihn nicht stoppt, bestärkt ihn.
Weitere Stimmen (11)
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Ulrike Herrmann: Für Putin ist Frieden teurer als Krieg — Inflation und heimkehrende Soldaten könnten ihn stürzen; ein Verhandlungsangebot trifft auf einen, der „im Kreml als Präsident sterben“ will.
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Martin Sonneborn: „Das Ziel ist ein endloser Krieg, nicht ein erfolgreicher Krieg“ — die Milliarden nähren den Rüstungskomplex; einen Friedensplan legt er nicht vor.
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Jana Puglierin: Zurück zu einem kooperativen Verhältnis gern — „aber nicht um den Preis, dass die Staaten um Russland herum keine Souveränität genießen dürfen“.
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Jörg Baberowski: Eskalationsspiralen sind unkontrollierbar, beenden könnte sie nur ein mächtiger Spieler von außen — und der fehlt.
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Herfried Münkler: Weg von der „Müllermilchwerbung — alles Freunde oder was“, hin zu einer „Produktivität von Feindschaft“; Verhandlungen entstehen aus militärischen Rückschlägen, nicht aus Appellen.
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Katrin Eigendorf: Ein bescheidenes Ziel — dass Moskau den Krieg nicht mehr führen kann; selbst dann eher ein eingefrorener Konflikt als Frieden.
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Andrey Gurkov: Moskau hält sich mit dem offenen Konsulat bewusst eine Tür offen; die Ostpolitik solle sich von Moskau nach Kiew drehen.
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Konstantin Flemig: Putin lehnte direkte Verhandlungen ab, weil ein abruptes Kriegsende ihn destabilisieren würde — dasselbe Risiko gilt für Kiew.
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Richard David Precht: Die Angst vor Russland sei „unbegründet und völlig übertrieben“, „es gibt hier nichts zu holen“ — Flemig kontert mit dem Narva-Szenario.
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Christoph Hein: Einbinden über Handel scheiterte an seiner Asymmetrie: „Wir wollten nicht uns wandeln — wir wollten andere wandeln.“
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Torsten Heinrich (zweite Note): „Eskalationsmanagement ist nicht eine Strategie“ — zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig.
Šešelgytė sagt, Russlands Anlass zum Krieg sei immer die Schwäche des anderen gewesen. Van Aken sagt, Russland bleibe in fünfzig Jahren unser Nachbar. Wenn beides stimmt — kann ein Gesprächsangebot an Moskau anders gelesen werden denn als Schwäche? Und wer entscheidet, wann der Moment dafür da ist: der Kreml, Kiew oder wir?
Schreckt Stärke ab — oder provoziert sie?
Beide Antworten haben ihre Forschung, und beide halten zur Hälfte. Für die Abschreckung spricht, was am Ort steht. In 54 Fällen zwischen 1900 und 1980, in denen ein Staat einen anderen vor einem Angriff schützen wollte, hing der Erfolg am militärischen Kräfteverhältnis vor Ort und an engen Bindungen zwischen Schutzmacht und Schützling, mit dem Besitz von Atomwaffen hing er nicht systematisch zusammen (Huth & Russett 1984, statistische Fallanalyse, die Codierung ist bis heute umstritten). Defensive Bündnisse senken die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Mitglieder angegriffen werden (Leeds 2003, viel zitierte Standardstudie). Symbolische Präsenz reicht dafür nicht: Kleine Stolperdraht-Truppen schrecken kaum ab, weil ein Angreifer auf die vollendete Tatsache setzt, bevor Verstärkung eintrifft; abschreckend wirkt erst, was das Kräfteverhältnis vor Ort ändert (Reiter & Poast 2021, Texas National Security Review, drei historische Fälle).
Für die Provokation spricht das Sicherheitsdilemma, das John Herz 1950 benannte: Was den einen sicherer macht, macht den anderen unsicherer (Herz 1950). Unter strategischen Rivalen machten Rüstungswettläufe zwischen 1816 und 1993 Streitfälle und Kriege wahrscheinlicher, nicht seltener (Gibler, Rider & Hutchison 2005, Einzelstudie, die einen alten Auswahlfehler der Forschung behebt). Milder wird das Dilemma, wo sich Verteidigungs- von Angriffswaffen unterscheiden lassen (Jervis 1978). Und Bündnisse provozieren eher, wo zwei Seiten keine Konfliktgeschichte haben, und schrecken eher ab, wo es eine gibt (Morrow 2017, formales Modell mit Nachanalyse); zwischen der NATO und Russland gibt es sie. Das Glück ist ebenfalls belegt. Chatham House zählte zwischen 1962 und 2002 dreizehn Fälle, in denen Atomwaffen beinahe eingesetzt worden wären, oft verhindert von Einzelnen, die gegen Protokoll und Anweisung handelten (Lewis u. a. 2014, Too Close for Comfort). Ob der Frieden am Glück hing oder an der Abschreckung, lässt sich kaum trennen, denn beobachtet werden nur die Krisen, in die sich ein Gegner schon hineingewagt hat; wer sich gar nicht erst traute, taucht in keinem Datensatz auf (Fearon 2002).
Überprüfbar gemacht haben Stärke lange die Verträge, und die sind fast alle fort. Der INF-Vertrag ließ bis 1991 nachprüfbar 2.692 Raketen verschrotten, eine ganze Waffenklasse. Washington kündigte ihn 2019 mit Verweis auf den russischen Marschflugkörper 9M729; Moskau gab im August 2025 sein Stationierungsmoratorium auf und stellte im Dezember die Oreschnik in Belarus auf (Nowaja Gaseta Europa, 30.12.2025). Seit New START am 5. Februar 2026 auslief, begrenzt kein Vertrag mehr die strategischen Arsenale der beiden größten Atommächte, es bleibt Moskaus Ankündigung, sich an die alten Obergrenzen zu halten, solange Washington es auch tut (Al Jazeera, 11.02.2026). Die Mittelstreckenwaffen, über die in Deutschland gestritten wird, sind konventionell: Die Verlegung des US-Bataillons strich Trump im Mai 2026, im Juli vereinbarte Berlin den Kauf eigener Tomahawks (Faktencheck). Mehr in der Nachbesprechung Schreckt Stärke ab — oder hatten wir Glück?.
Die Stimmen
- Mithu Sanyal: Der Kalte Krieg ging mit Glück aus, nicht durch Abschreckung, und Mittelstreckenwaffen, die bis Moskau reichen, machen Deutschland zum Ziel — gegen reine Verteidigungswaffen würde sie dagegen nicht kämpfen: „Da hängt mein Herz nicht dran.“
- Margarita Šešelgytė: „Der Casus Belli für Russland ist Schwäche“ — ohne die Fähigkeit zur Verteidigung, sagt die Litauerin, werde es im Baltikum „so viele Butschas“ geben.
- Jan van Aken: Patriot-Systeme so viele man will, aber keine Mittelstreckenraketen, denn Russland sieht sie, wie wir die in Kaliningrad sehen — dagegen Egon Bahrs „strukturelle Nichtangriffsfähigkeit“.
- Herfried Münkler: Die Panzerbrigade in Litauen ist „so etwas wie die Geiseln Litauens“, ein Pfand in Menschen, damit Deutschland sich nicht heraushalten kann — nach Reiter und Poast schreckt allerdings nicht die Geisel ab, sondern nur, was das Kräfteverhältnis vor Ort ändert.
- Aladin El-Mafaalani: Abrüsten ermöglicht das Beste und riskiert das Schlimmste, darum rüstet jede Regierung auf: „eine Scheißlösung“, aber man verhindert damit, wehrlos zu sein.
- Maja Göpel: Abschreckung heißt, dass man das Zeug nicht explodieren lassen muss; gesucht ist der „Sweet Spot“, genug Stärke, um Grenzen zu ziehen, ohne in die Eskalationsspirale abzuheben.
- Ruben Mawick: Rote Linien kann der Westen nicht ziehen, Putin allein entscheidet über einen Krieg mit der NATO, die Atomdrohungen seien „Märchen“ — dass Russland die NATO angreift, kann er sich trotzdem nicht vorstellen, so wenig wie 2022 den Angriff auf die Ukraine.
- Susanne Weigelin-Schwiedrzik: Für die Großmächte sind Atomwaffen militärische Waffen, nicht bloß politische; was sie vom direkten Krieg abhält, ist seit der Kubakrise ein „heimliches Einverständnis“ — ein Frieden, der an der Angst vor der eigenen Vernichtung hängt.
Weitere Stimmen (3)
- Herfried Münkler (Atomwaffen): Seit Russland das Budapester Memorandum brach, ist die Nonproliferation unterlaufen; Deutschland braucht keine eigene Bombe, Europa aber eine gemeinsame, weil der amerikanische Schirm unter Trump zu löchrig ist.
- Konstantin Kuhle: Technik, die die eigenen Verluste senkt, ist für den kein Rückschritt, der sich gegen ein Russland verteidigen muss, das seine Soldaten verheizt — Abschreckung durch Überlegenheit, nach der Logik des Atomzeitalters.
- Angela Merkel: „Militärische Abschreckung plus diplomatische Aktivitäten“ — Diplomatie war „immer die zweite Seite der Medaille, auch im Kalten Krieg“.
Šešelgytė sagt, Russlands Anlass zum Krieg sei immer die Schwäche des anderen gewesen. Sanyal sagt, gerade die weitreichenden Waffen machten Deutschland zum Ziel, und der Kalte Krieg sei mit Glück ausgegangen. Die Forschung gibt beiden ein Stück: Stärke vor Ort schreckt ab, Wettrüsten unter Rivalen endet öfter im Krieg, und den Unterschied macht, ob der Gegner eine Waffe als Verteidigung lesen kann. Woran soll Moskau erkennen, ob eine Rakete der Verteidigung dient oder dem Angriff — und wer prüft das noch, seit kein Vertrag mehr nachzählt?
Warum hört der Globale Süden zu?
Aus Europa gesehen war Russland nach 2022 isoliert. Gezählt sieht es anders aus. Im März 2022 stimmten 28 afrikanische Staaten für die Verurteilung des Angriffs, 17 enthielten sich; drei Jahre später, als auch die USA mit Nein stimmten, waren es 12 Ja-Stimmen, 24 Enthaltungen und 8 Gegenstimmen, fast alle aus den Sahel-Juntas mit russischem Afrikakorps im Land. Die meiste Zustimmung bekam die Resolution gegen die Annexionen — 30 Ja, keine Gegenstimme —, denn die Unverletzlichkeit von Grenzen ist für Staaten mit kolonial gezogenen Grenzen ein eigenes Interesse (Nachbesprechung).
Die Bevölkerungen sind kühler als ihre Regierungen. In 38 afrikanischen Ländern halten 36 Prozent Russlands Einfluss für positiv, 23 für negativ, 42 haben keine Meinung — China kommt auf 62, die USA auf 52, die EU auf 50 Prozent; die Spanne reicht von Mali (88) bis Botswana (13), und die negativen Urteile wachsen schneller als die positiven (Afrobarometer, Runde 10, März 2026). Wirtschaftlich ist Russland in Afrika klein — rund 18 Milliarden Dollar Handel gegen 254 mit China —, bei Großwaffen aber mit 21 Prozent der Importe 2020–24 der größte Lieferant (SIPRI, März 2025). Russland nutzt den Antikolonialismus als Rechtfertigung, die Praxis dahinter beschreibt die Forschung als Patronage und Opportunismus (Duursma & Masuhr 2022, peer-reviewed). Und die Dankbarkeit, auf die sich Moskau beruft, galt der ganzen Sowjetunion: Die Befreiungskämpfer wurden zum großen Teil in Odessa und auf der Krim ausgebildet; eingesammelt wurde der Dank erst unter Putin wieder, gezielt nach Südafrikas BRICS-Beitritt 2010 (Lynd, Amsterdam UP, Buchkapitel; Shubin 1997). Das Danish Institute for International Studies warnt dennoch, die Enthaltungen auf Propaganda zu reduzieren: Regimesicherheit, Weizen und Dünger, historische Bindung — und echte Enttäuschung über den Westen.
Die Stimmen
- Sham Jaff: Die Ordnung nach 1945 lief neben weiterbestehenden Kolonialkriegen her; für die 85 Prozent außerhalb des Westens ist die „neue Weltunordnung“ die alte.
- Elmar Theveßen: Der direkte Gegenpol — die regelbasierte Nachkriegsordnung sei „das erfolgreichste Experiment der Menschheitsgeschichte“, zu renovieren statt zu zerstören, mit den Mittelmächten von Südafrika bis Indien als Verbündeten.
- Hanna Notte: Russland verfängt mit Doppelmoral-Vorwürfen, konservativen Werten und geerbter Dankbarkeit, inszeniert als David gegen den westlichen Goliath; die Ukrainer sollen selbst erzählen, westliche Diplomaten nicht belehren.
- Sergey Lagodinsky: Der Irakkrieg war der „Sündenfall“ — und trotzdem heißt Multipolarität nur „mehr Herrscher“: Wer die Herrschaft eines Pols kritisiert, fordert damit noch keine Regeln.
- Vijay Prashad: Den Süden eint die Einsicht, dass das vom Norden gebaute Weltsystem für ihn nicht funktioniert; Russland hält er für zu schwach, um ein Pol zu sein — und argumentiert an dessen Krieg elegant vorbei.
- Torsten Heinrich: Das Doppelmoral-Argument ist eine alte sowjetische Technik, dem Gegenüber das Recht zur Kritik zu nehmen: „Bei uns läuft einiges falsch. Es ändert aber nichts dran, was auf der anderen Seite ist.“
- Felwine Sarr: Afrika als Subjekt, weder antiwestlich noch prochinesisch: Verhandlungsmacht aufbauen und faire Verträge schließen — „China wie Westeuropa“ gegenüber, Russland eingeschlossen.
- Diba Mirzaei: „Bei Russland sagen wir klar ‚Völkerrechtsbruch‘. Beim Iran heißt es plötzlich ‚kompliziert‘. Das spüren die Menschen.“
Weitere Stimmen (8)
- Wolfgang Kaleck: Seit Guantánamo fühlt sich der Westen dem Völkerrecht selbst nicht mehr verpflichtet — und andere sind zu mächtig geworden, um sich etwas diktieren zu lassen.
- Susanne Weigelin-Schwiedrzik: BRICS ist der weite Kreis um China, zusammengehalten von der Angst vor Regimewechsel und vor dem Dollar; der eigentliche Rivale ist „die chinesisch-russische Alternative zur Multilateralität“.
- Ronen Steinke: Doppelmoral gibt es auf beiden Seiten — Deutschland schaut bei Putin genau hin und bei Israel weg, Südafrika klagt gegen Israel und beherbergte al-Bashir.
- Pankaj Mishra: Die Freiheitsideale der Moderne waren die einer Minderheit; die Wut von heute ist die der ungebetenen Gäste am Fest — Russland eingereiht unter die Nachzügler.
- Todor Tagarev: Der europäische Spiegel: Bulgarien soll Russland „ewig dankbar sein, weil es uns zweimal befreit hat“ — und die Geschichtsbücher erzählen es so.
- Konstantin Flemig: Der Befreier-Mythos lebt vom Verschweigen des Hitler-Stalin-Pakts; ohne Aufarbeitung lässt sich ein Angriffskrieg im Vokabular von 1945 rechtfertigen.
- Konstantin Flemig (Sudan): Die Emirate, Deutschlands „strategischer Partner“, bewaffnen die RSF — und niemand im Westen nennt sie beim Namen.
- Kai Ambos: Der Sicherheitsrat ist ein postkoloniales Produkt; Europa sollte Sitze abgeben, damit Indien, Brasilien und Südafrika Platz finden.
Lagodinsky sagt: Das Argument der westlichen Doppelmoral wird nicht dadurch falsch, dass Russland es benutzt — es wird dadurch gefährlich, dass es stimmt. Heinrich sagt: Es ändert nichts an dem, was auf der anderen Seite geschieht. Muss der Westen zuerst seine eigene Schuld eingestehen, bevor ihm jemand zuhört — oder bestätigt gerade dieses Eingeständnis die Erzählung, gegen die er antritt?
Wie schützt man sich vor dem hybriden Krieg?
Was russische Desinformation tatsächlich bewirkt, ist schwächer belegt, als die Sorge vermuten lässt. Die bislang gründlichste Messung, die Kampagne der Internet Research Agency im US-Wahlkampf 2016, fand die Kontakte stark gebündelt — rund ein Prozent der Nutzer vereinte 70 Prozent davon, meist ohnehin stark republikanisch Eingestellte — und keinen messbaren Effekt auf Einstellungen, Polarisierung oder Wahlverhalten (Eady u. a., Nature Communications 2023, robuste Einzelstudie). Das spricht für „verstärken statt umstimmen“: Am anfälligsten macht die Passung zur eigenen politischen Identität, analytisches Denken schützt (Sultan u. a., PNAS 2024, Meta-Analyse aus 31 Studien). Über Sabotage, Drohnen oder langfristigen Vertrauensverlust sagt diese Forschung nichts.
Groß macht den Fake oft erst die seriöse Presse. Fake-News-Seiten erreichen wenige, ihre Geschichten kennen viele, und zwar meist aus der Berichterstattung etablierter Medien (Tsfati u. a. 2020, Literaturübersicht); US-Redaktionen zitierten Tweets der Moskauer Trollfabrik arglos als Volksstimme (Lukito u. a. 2020). Die geleakten Unterlagen der Social Design Agency zeigen, dass die Agentur genau das abrechnet: „Western media attention is a metric of success“; die über 350 internationalen Berichte über Doppelgänger nennt eine Lunder Auswertung „eine der wahren Erfolgsgeschichten für den Kreml“ (Pamment & Tsurtsumia 2025, Bericht auf Leak-Basis). Auch der Alarm hat Kosten: Pauschale Warnungen vor Desinformation steigern in einem präregistrierten Experiment den Ruf nach harter Regulierung der Rede, ausgewogene Berichte nicht (Jungherr & Rauchfleisch 2024).
Was hilft, wirkt kleiner als sein Ruf. Prebunking — die Erzählung kennen, bevor sie kommt — zeigt in einer Meta-Analyse konsistente Effekte (Lu u. a. 2023, methodisch kritisiert) und lässt sich als kurzes Video auf YouTube skalieren (Roozenbeek u. a. 2022); ein Teil davon ist aber nur allgemein erhöhte Skepsis, und die Wirkung verblasst ohne Auffrischung (Simchon, Lewandowsky & van der Linden 2025). Skepsis-Tipps senken auch das Vertrauen in wahre Nachrichten; Tipps, die auf verlässliche Quellen verweisen, verbessern die Unterscheidung (Altay, De Angelis & Hoes 2024, präregistriert). Und Widerstandskraft ist eine Eigenschaft von Gesellschaften: Unter 18 westlichen Demokratien sind die nordeuropäischen — Finnland voran — am robustesten, mit hohem Medienvertrauen, starkem öffentlich-rechtlichem Rundfunk und wenig Polarisierung (Humprecht, Esser & Van Aelst 2020, korrelativ). Zur Wirkung von Sabotageabwehr fehlt belastbare Forschung; die Lage misst sich vorerst an BKA-Zahlen.
Was eine Gesellschaft von unten trägt, ist besser untersucht, allerdings an Katastrophen, nicht an Angriffen. Nach dem Tsunami 2011 starben in den 133 Gemeinden an Tōhokus Pazifikküste zwischen null und fast zehn Prozent der Bewohner; neben Wellenhöhe und Altersstruktur entschied die Stärke der örtlichen Bindungen mit, wie viele überlebten (Aldrich & Sawada 2015, Einzelstudie). Eine Übersicht über viele Katastrophen nennt das Sozialkapital den Kern lokaler Widerstandskraft (Aldrich & Meyer 2015). Der Gedanke hat seit 1994 einen Namen, Human Security, Sicherheit vom Menschen her gedacht, als Freiheit von Furcht und von Not (UNDP, Human Development Report 1994), und einen frühen Einwand: Ein Begriff, der alles umfasst, gibt keiner Politik eine Reihenfolge vor (Paris 2001). Finnland und Polen unterscheiden zwei Rollen der Bürger, die kämpfende und die „aktive nicht kämpfende“, an der hybrider Druck abprallen soll; wer Bürgern Aufgaben gibt, ohne Rahmen und Wissen mitzugeben, macht die Gesellschaft allerdings verwundbarer (Mazurkiewicz & Ossa 2026, qualitative Analyse von Strategiepapieren, keine Wirkungsmessung).
Wie viel Raum die zweite Rolle hat, zeigen Umfragen, die man nicht direkt nebeneinanderlegen darf. In Finnland wollen 78 Prozent, dass sich das Land im Angriffsfall bewaffnet verteidigt, und vier von fünf würden sich „nach eigenen Fähigkeiten“ beteiligen, eine Frage, die die Hilfe ohne Waffe mitzählt (Yle, 9.12.2025). In Deutschland würden 34 Prozent der unter 50-Jährigen selbst zur Waffe greifen, 49 Prozent könnten sich vorstellen, im Bevölkerungsschutz zu helfen (Bevölkerungsbefragung des ZMSBw, April/Mai 2026, laut Euronews, 22.09.2026, hypothetische Angaben) — hier wird die Hilfe ohne Waffe getrennt gefragt. Und die Bereitschaft hat eine soziale Bedingung: In ungleichen Ländern sind gerade die Wohlhabenden weniger bereit, für ihr Land zu kämpfen (Anderson, Getmansky & Hirsch-Hoefler 2018, sechs Wellen des World Values Survey). Was Zivilschutz und Vorräte gegen Sabotage oder zur Abschreckung beitragen, hat bisher niemand gemessen. Mehr in der Nachbesprechung Was macht eine Gesellschaft sicher?.
Die Stimmen
- Hanna Notte: Abschreckung durch Vorsorge nach finnischem Vorbild, Abschreckung durch Bestrafung, mit der sich Europa schwertut — und keine hundertprozentige Resilienz in einer offenen Gesellschaft, deren Wegwerfagenten meist angeheuerte Dritte sind.
- Sergey Lagodinsky: „Die Kraft der Argumente kann sehr schnell zerstört werden mit der Kraft der Emotionen“ — Europa soll mit Geschichten erzählen statt mit „toten Argumenten“.
- Aladin El-Mafaalani: Ausgefeilte Kommunikationsstrategien verstärken das Misstrauen nur, weil sie dem Misstrauenden beweisen, dass man ihn bearbeiten will.
- Anna Sauerbrey: Das Versprechen totalen Schutzes ist unhaltbar; ehrlicher wäre: „Leute, irgendwann seid ihr auch selber dran“ — Vorräte, Taschenlampe, ein Treffpunkt mit der Familie.
- Gerald Knaus: Desinformation ist stark, weil sie einen wahren Kern hat — Europas Handlungsunfähigkeit; der beste Schutz ist, die Lücke zu schließen.
- Şeyda Kurt: Gefragt, was sie sicher macht, nennen ihre Nachbarinnen in Köln-Kalk bezahlbare Mieten, Ärzte, Hilfe in der Krise und Beziehungen, kaum Polizei — und was man mit eigenen Händen aufgebaut hat, gibt man nicht preis.
- Mithu Sanyal: Statt Wehrdienst die Wahl zwischen Bundeswehr und „sozialer Selbstverteidigung“, also lernen, beim Stromausfall solidarisch zu bleiben und die Müllabfuhr am Laufen zu halten — wer Soldat wird, verteidigt nicht sich, sondern wartet auf den Befehl eines Offiziers.
- Lars Wienand: Viel Troll-Aufwand verpufft ungesehen, groß wird ein Fake erst, wenn echte Presse ihn trägt — und jeder Bericht darüber landet als Arbeitsnachweis im Projektbericht der Moskauer Agentur; darum erst über gebündelte Wellen schreiben, Vorwürfe nicht wiederholen, Fälschungen nur mit FAKE-Stempel zeigen.
Weitere Stimmen (15)
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Jan van Aken: Landesverteidigung ja, mit dem Etat von vor zwei Jahren und besser abgestimmt in Europa — aber: „Wenn dieses Land nicht bereit ist, was für mich zu tun — warum soll ich bereit sein, was für das Land zu tun?“
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Aladin El-Mafaalani (Finnland): Dort lerne jeder, was an Tag eins eines Krieges zu tun ist, in Deutschland seien alle sofort gegen Krisenunterricht — dabei helfe im echten Krisenfall auch das Smartphone nicht (Faktencheck: einen schulweiten Verteidigungsunterricht gibt es auch in Finnland nicht).
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Ruben Mawick: Für die Wehrpflicht, weil eine Verteidigung Soldaten braucht, und zugleich gegen die Zwangsrekrutierung in der Ukraine — mit der bitteren Beobachtung, dass fliehen kann, wer Geld hat.
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Marina Kormbaki: „Hybrid“ ist ein Wort, das beruhigt; Leipzig trägt die Züge eines staatlich geförderten Terroranschlags, und unscharfes Vokabular hält auch die Antwort unscharf.
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Elmar Theveßen: Das Gegenstück zu Kormbaki — „hybrid“ ist die juristische Konstruktion, die den Raum zwischen Wegsehen und Artikel 5 ausmisst; die Grauzone bleibt trotzdem Moskaus Entwurf.
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Renée DiResta: Faktenchecks lösen das Problem nicht, weil es um Identität geht, nicht um Wissen — helfen würden „Free Speech ≠ Free Reach“, Reibung vor dem Teilen, Prebunking, Community Notes.
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Andrey Gurkov: Symbolische Schließungen beeindrucken Moskau kaum; der echte Hebel ist asymmetrisch — die russische Botschaft Unter den Linden ist Moskau weit wichtiger als die deutsche in Moskau für Berlin.
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Ulf Röller: Wegwerfagenten sind eine billige, leugbare Eskalationsstufe; die Angriffsfläche ist soziale Not, nicht die Grenze.
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Katrin Eigendorf: Russland fördert Radikalität „links oder rechts, Hauptsache radikal“ — keine Seite des Spektrums darf sich sicher fühlen.
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Szołajski und Prociak: In vier Ländern dieselben Parolen, „als ob jemand auf einen Knopf drückt“ — die Note hält dagegen: Russland muss sie nur finden und verstärken.
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Mark Reicher: Anti-Desinformationsapparate weiten sich aus und treffen am Ende die Differenzierenden — dagegen Torsten Heinrich: „1000 Belege wirken nicht gegen ein Trust-me-bro.“
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Ronen Steinke: Ein Desinformationsverbot wäre in den Händen eines Trump eine Waffe.
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Alena Buyx: Inokulation — wer die Erzählung vorher kennt, kann ihre Wirkung brechen; dazu die Beziehungsebene statt der Faktenaufzählung.
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Nicholas Potter: RT-Ableger wie Red Media zeigen, dass Moskau auch den linken Rand bedient.
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Herfried Münkler: Schutz verlangt neue kognitive Strukturen — wieder strategisch denken, lernen, „dass es auch Feinde gibt“, Vorräte und Redundanz statt Just-in-Time.
Notte, Sauerbrey und Lagodinsky wollen eine Gesellschaft, die Angst aushält — Vorräte, Geschichten, die ans Herz gehen, ein Staat, der zuschreibt, bevor ein Gericht urteilt. El-Mafaalani, Reicher und Knaus warnen, dass genau diese Mittel das Misstrauen nähren, von dem der hybride Krieg lebt; Wienand zeigt, dass in Moskau schon der Bericht über den Angriff als Treffer abgerechnet wird. Wie viel von den Waffen des Gegners darf eine offene Gesellschaft zu ihrem Schutz übernehmen — und wie laut darf sie über den Angriff sprechen —, bevor der Schutz selbst zum Erfolg des Angreifers wird?
Nachbesprechungen, die hierher führen
| Datum | Note | Vertieft |
|---|---|---|
| 04.10.2026 | Hanna Notte und Sergey Lagodinsky — Globales Kräftemessen | Gründungsnote · Wem gehört die sowjetische Dankbarkeit? (Odessa, Perewalne, Afrobarometer, UN-Voten) → Globaler Süden · Wirken die Sanktionen? (Pape, GSDB, BOFIT, eingefrorene Vermögen) → Isolieren oder reden |
| 08.10.2026 | Sanyal und Kurt — Entgegenkommen, wenn es feindlich wird? | Schreckt Stärke ab? → neue Frage · Was macht sicher? → Hybrider Krieg |
| 09.10.2026 | Lars Wienand — Привет, Russentrolle! | Wer macht den Fake groß? (Tsfati, Lukito, Budak, SDA-Leak/Lund, Jungherr & Rauchfleisch) → Hybrider Krieg · Bleibt das Original hängen? (Continued Influence, Implied Truth) → Waise |
Verbindungen
→ Hanna Notte und Sergey Lagodinsky — Globales Kräftemessen
Die Gründungsnote: Russland war nie isoliert, nur aus Europa betrachtet — und Isolieren allein ist keine Strategie.
→ Autoritärer Internationalismus — Die globale Rechte
Das Schwester-Panorama von der anderen Seite: wie sich autoritäre Bewegungen im Westen vernetzen — und wo Moskau dort als Verstärker auftaucht, „links oder rechts, Hauptsache radikal“.
→ Warum wählen Menschen Autoritäre?
Wenn der hybride Krieg vor allem Gräben vertieft, die schon da sind, liegt ein Teil der Antwort auf die dritte Frage hier — bei den Gründen, aus denen Menschen Parteien wählen, die Moskaus Erzählungen teilen.
→ Christoph Safferling — Nürnberg und die Ohnmacht des Völkerrechts (Jung & Naiv 826)
Ein Völkerrechtler, der die westliche Doppelmoral voll eingesteht, den Irakkrieg wie Lagodinsky einen „Sündenfall“ nennt und daraus strengere Geltung zieht, samt einer Allianz mit Staaten des Globalen Südens.
→ Was kann das Völkerrecht?
Das Schwester-Panorama zum Recht zwischen den Staaten: ob Haftbefehle abschrecken, ob die Selektivität des Westens den Siegerjustiz-Vorwurf nährt, den Moskau so gern erhebt, und wer durchsetzt, wenn der Sicherheitsrat blockiert ist.
→ Lars Wienand — Привет, Russentrolle!
Der Rechercheur, der die Agenturen von innen kennt: Doppelgänger, Matrjoschka und Storm-1516, belegt durch Leaks aus der Moskauer Social Design Agency. Seine leiseste These gehört zur Frage nach dem Schutz: Die meisten Fakes verpuffen, und erst der Bericht über sie macht sie groß.
Weiterdenken
- Fast alle Stimmen hier sind deutsche oder westeuropäische. Wie sähe dieses Panorama aus, wenn Ukrainerinnen, Balten, Georgier und russische Exilanten die Mehrheit stellten — und wie, wenn es Stimmen aus Delhi, Pretoria und Brasília wären?
- Die Forschung sagt: Personalisten können schlecht aufhören, weil ihnen nach der Macht die Strafe droht. Wer müsste Putin welche Zukunft garantieren, damit er aufhören kann — und dürfte man das nach Butscha überhaupt?
- Isolieren, reden, abschrecken, widerstehen — gibt es einen Umgang mit Russland, der keine dieser vier Haltungen ist?
- In fünfzig Jahren ist Russland noch unser Nachbar. Mit welchen Russen — denen, die gegangen sind, denen, die geschwiegen haben, oder denen, die von der Front zurückkommen?
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