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Gedankenraum
Denker·10. Oktober 2026·1:15 h·46 Belegstellen

Harald Welzer — Tötungsarbeit

Während die Opfer arbeiteten, um zu überleben, nannten die Täter ihr Morden Arbeit: Welzer zeigt, wie gewöhnliche Männer das Töten als Drecksarbeit erträglich machten.

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Gerd Arntz — Bildstatistik der Wiener Methode, die Arntz mit Otto Neurath in Wien entwickelte: flache Piktogramm-Figuren, Schwarz, Ziegelrot und Grau auf Papier. Eine Reihe gleicher Männchen wie an einem Fließband, jeder mit einer kleinen Aufgabe — Lastwagen fahren, absperren, graben, Papiere tragen, Suppe ausgeben, stempeln —, Pfeile von einem zum nächsten, und am Ende ein schwarzes Feld, in dem nichts zu sehen ist. Arntz wollte die Gesellschaft zählbar und durchschaubar machen. Hier zeigt dieselbe Sprache, wie man ein Verbrechen in Aufgaben zerlegt, bis jeder nur seinen Teil getan hat.

Prompt: Wide horizontal frieze in the style of Gerd Arntz and the Cologne Progressives, figurative constructivism, flat geometric pictogram figures, linocut texture, strictly limited palette of black, muted brick red and warm grey on cream paper. A long row of identical small pictogram men in caps and coats arranged like a production line from left to right, each doing one small separate task: one drives a small truck, one holds a rope cordon, one digs with a spade, one carries a stack of papers, one ladles soup from a field kitchen wagon, one stands at a table stamping. Simple arrows lead from one figure to the next. At the far right the line ends at an empty dark rectangle, nothing shown inside. Orderly, calm, abstract, no weapons, no violence, no blood, no text, no letters, no numbers, no realistic faces, no photorealism.

Worum es geht

Während die Opfer arbeiteten, um zu überleben, nannten die Täter ihr Morden Arbeit. Harald Welzer, Sozialpsychologe und Autor von Täter, erklärt den Holocaust aus der Perspektive derer, die schossen, absperrten und den Lastwagen fuhren — und findet dort weniger Ideologie als Arbeitsteilung, Kameradschaft, Mittagspausen und den Ehrgeiz, eine Aufgabe gut zu machen. Ein Vortrag vor Holocaust-Historikern in Wien 2007, mit einer Diskussion, in der sie ihm widersprechen, und fünfzehn Jahre später im Gespräch mit Gregor Gysi: wie Familien ihre Großväter zu Widerständlern machen und warum achtzig Prozent der Soldaten sich die Dinge einfach zurechtdachten.

Quelle: Harald Welzer — „Tötungsarbeit“ — Vortrag mit Diskussion auf der Tagung „Arbeit und Vernichtung“ des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien, 27.–29. Juni 2007 Zweite Quelle: Gregor Gysi und Harald Welzer — „Missverstehen Sie mich richtig“, Berliner Distel, 16.10.2022 (der Abschnitt zu Opa war kein Nazi, Täter und Soldaten, etwa Minute 32 bis 58)

Wer spricht?

Harald Welzer (1958, Bissendorf bei Hannover) — Sozialpsychologe und Soziologe, der zuerst fragte, wie gewöhnliche Menschen zu Mördern werden, und später, wie eine Gesellschaft zukunftsfähig bleibt.

Arbeiterkind aus der Wedemark, der Vater mit sechzehn als unbegleiteter Flüchtling gekommen. In Hannover habilitiert er sich zweimal, in Sozialpsychologie und Soziologie; am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen leitet er die Gedächtnisforschung, in Witten/Herdecke lehrt er Sozialpsychologie. Aus diesen Jahren stammen die drei Bücher, um die es hier geht: die Familieninterviews Opa war kein Nazi (2002), die Täterstudie Täter (2005) und, mit dem Militärhistoriker Sönke Neitzel, Soldaten (2011). Danach wandte er sich der Klima- und Wachstumsfrage zu und gründete die Stiftung FUTURZWEI.

Wichtigste Werke zum Thema: Opa war kein Nazi (2002), Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden (2005), Soldaten (2011) Kernkonzepte: Referenzrahmen, Tötungsarbeit, Normalisierung, kumulative Heroisierung, Shifting Baselines

→ DenkerVita


Vernichtung als Arbeit, aus Sicht der Täter

2:17 — Die Wiener Tagung hieß „Arbeit und Vernichtung“, und den ganzen Tag war es um Vernichtung durch Arbeit gegangen: um Zwangsarbeit, Lager, Ausbeutung bis zum Tod. Welzer dreht die Präposition um. Er will über Vernichtung als Arbeit sprechen, so wie die Täter sie sahen, die beim Töten „in vielerlei Hinsicht so ein Konzept von Arbeit angewendet haben“.

Die Pointe dieser Umkehr steht wenige Minuten später, und sie ist kaum zu ertragen. Auf derselben Tagung hatte der Historiker Dieter Pohl berichtet, wie Juden sich darum bemühten, in Zwangsarbeitslager zu kommen, weil Arbeit das Leben zu retten schien. Welzer setzt daneben:

„Während die Opfer noch denken, sie arbeiten, um zu überleben, betrachten die Täter ihre Ermordung bereits als Arbeit.“ 9:56

Im Gespräch — 9:56

Dieselbe Kategorie, auf beiden Seiten der Grube, mit entgegengesetztem Ausgang. Welzer interessiert, welche Rolle sie im Referenzrahmen der Täter spielt, in dem, was ihnen sagt, was richtig, falsch, gut oder böse ist. Wer etwas historisch Neues tut, für das es keine Erfahrung gibt, sucht nach Kategorien, die es weniger neu machen. Arbeit, sagt Welzer, war in einer deutschen Sozialisation eine besonders naheliegende.

Gegen das überintentionale Menschenbild

3:02 — Bevor er beginnt, warnt er die Historiker im Saal. Die Holocaustforschung neige dazu, ein überintentionales Menschenbild zugrunde zu legen, als würden Menschen „unheimlich viel denken“. Im Alltag, ob an der Universität, in der Straßenbahn oder in der Kneipe, geschehe das meiste situativ; die Reflexion komme hinterher, und sie ist es, die später in Zeitzeugeninterviews und Prozessakten landet. Ausgrenzung und Rassismus seien viel mehr in der Handlung selbst präsent als in einer reflektierten Einstellung. „Das Ding liegt in der Praxis.“

Das ist der Grundton seines ganzen Werks, und er hat Folgen. Wer einen Täter verstehen will, fragt bei Welzer nicht zuerst, was er glaubte, sondern was er in der Situation wahrnahm, welche Aufgabe er hatte und mit welchen Mitteln er sie zu lösen versuchte. Antisemitismus spielt in diesem Bild durchaus eine Rolle, aber als Hintergrundkonzept: die gesellschaftliche Selbstverständlichkeit, dass „die Juden die anderen sind“ oder „ein Problem darstellen“, über die niemand mehr nachdenken muss 71:09.

Eigene Einschätzung

Hier liegt Welzers Stärke und sein Risiko zugleich. Die Stärke: Er nimmt den Tätern die Ausnahme. Wer nur Fanatiker sucht, kann sich selbst entlasten, denn man ist ja keiner. Das Risiko zeigt sich in der Diskussion, wo ihm das Publikum widerspricht: Ein Hintergrundkonzept, das nicht reflektiert werden muss, ist schwer zu messen, und Arendts Kritiker haben gezeigt, wie viel Überzeugung hinter der Fassade des bloßen Funktionierens stecken kann (→ Arendt, Nachbesprechung). Welzer sagt nicht, Ideologie zähle nicht; er sagt, sie zähle anders, als man glaubt. Diese Unterscheidung geht im Zitieren leicht verloren.

Das große Projekt und der Controller

6:05 — Auf der Tagung war viel von Widersprüchen die Rede gewesen, von regionalen Unterschieden und Zielkonflikten zwischen Germanisierung, Vernichtung und Kriegswirtschaft. Welzer schlägt vor, den Nationalsozialismus samt Krieg und Holocaust als großes Projekt zu betrachten, „dessen Durchführung im Interesse einer Mehrheit einer ganzen Gesellschaft gelegen hat“ und das „ein hohes Maß an Engagement zu erzeugen in der Lage war“. Noch die Zeitzeugengespräche seiner Gegenwart, sagt er, seien fasziniert davon, „was damals alles so Tolles geleistet wurde“: ein Projekt, das Bindungsenergien erzeugt und zu dem man etwas beitragen möchte.

7:37 — Dann kommt sein Gedankenexperiment. Hätte das Projekt eine Controlling-Abteilung gehabt, der Controller hätte die Zielkonflikte benannt. Aber was tut der Controller? Er arbeitet sich in das Problem ein, er analysiert, er rechnet. „Er arbeitet an der Vernichtung. Das, was er tut, ist nichts anderes als professionelle Tätigkeit.“ Aus der Sicht der Beteiligten sei die ganze Geschichte „der beständige Versuch, Lösungen für gefühlte Probleme herzustellen“.

Der Ehrgeiz, es gut zu machen

12:15 — Den Schlüssel findet Welzer bei einem Zeitzeugen, den er für „absolut instruktiv“ hält: Sebastian Haffner, der in Geschichte eines Deutschen beschreibt, wie er als junger Referendar 1933 ins Gemeinschaftslager Jüterbog muss. Die weltanschauliche Schulung interessierte dort niemanden. Was wirkte, waren Sport, Marschieren, abendliches Trinken, Kameradschaft — und etwas, das Haffner einen seltsamen, sehr deutschen Ehrgeiz nennt, der „plötzlich zu spielen begann, ohne dass wir es selbst so recht merkten“:

„Den Ehrgeiz, eine Sache, die einem aufgegeben wird, auch wenn sie völlig sinnlos, unverständlich und sogar demütigend ist, so gut wie möglich zu machen […] Wir können nicht anders, wir sind die schlechtesten Saboteure der Welt.“ 13:47

Hören — 13:47

Haffner fährt fort: Ob es eine anständige Arbeit sei, ein Abenteuer oder ein Verbrechen — in dem Bemühen, die Sache gut zu machen, finde man eine „lasterhaft beglückende Betäubung“, die jeden Gedanken an ihren Sinn überhebt. Welzer hält das für eine Schlüsselbeobachtung und lässt offen, ob sie spezifisch deutsch ist. Ein Zuhörer aus Österreich fragt später genau das; Welzer antwortet, das sei eine Frage für die Mentalitätsgeschichte, ihm genüge der Nachweis, dass die Figur der Arbeit dokumentiert ist 66:27.

Weitergedacht

Haffner nennt die Verabsolutierung der Tüchtigkeit ein Laster, das die Deutschen für eine Tugend halten. Welche meiner Tugenden würde ich auch dann noch üben, wenn die Sache, für die ich sie einsetze, längst falsch geworden ist?

Drecksarbeit — wie ein guter Kerl tötet

17:34 — Für Täter hat Welzer vor allem Angehörige des Reserve-Polizeibataillons 45 untersucht, das in der Ukraine eingesetzt war, auch bei Babyn Jar. Diese Männer, oft schon im mittleren Alter, mit Familie und Kindern, waren hinter der Front für Ordnungsaufgaben eingeplant. Massenhaft Menschen zu töten, Frauen und Kinder zumal, hatten sie nicht erwartet. Welzer nennt das technisch eine Dissonanz: eine Aufgabe, die dem Selbstbild widerspricht und zugleich als zwingend erscheint, eingebettet in eine größere Idee. Die Frage ist, wie man sie bewältigt — „wie kriegt man den Umstand, dass man massenweise Menschen umbringt, mit dem Selbstbild als guter Kerl in Einklang?“ 19:52

Seine Antwort: durch Normalitätskonzepte. „Das, was wir tun, ist Arbeit. Es ist zwar Drecksarbeit, es ist eine schmutzige Arbeit, es ist eine furchtbare Arbeit, aber es ist tatsächlich Arbeit.“ Das Wort durchzieht die Selbstzeugnisse, die er vorliest 38:10: „Wir mussten die Drecksarbeit machen“, sagt ein Teilkommandoführer des Sonderkommandos 4a; der Kommandeur der Sicherheitspolizei in Weißrussland, Eduard Strauch, beklagt, dass man über „diese üble Arbeit“ hinaus „auch noch mit Schmutz übergossen“ werde; Odilo Globocnik fordert — so überliefert es der Gerstein-Bericht — Bronzetafeln für die, „die den Mut hatten, diese gewaltige Aufgabe zu vollenden“.

Den Satz, der ihn selbst am meisten beschäftigt hat, erzählt er fast beiläufig 35:54: Schützen beschweren sich beim Koch, dass es Blutwurst zu Mittag gibt. Sie müssten „ohnehin schon diese Schweinearbeit machen“, mit dem ganzen Blut, und hielten es für Zynismus, ihnen so etwas zu servieren. Moralisches Empfinden ist hier nicht verschwunden. Es hat sich auf den Speiseplan verlagert.

Józefów: die freie Wahl und die Gruppe

24:28 — Welzer interessiert sich besonders für den Moment, in dem zum ersten Mal der Befehl zum Töten ausgegeben wird, und für den „großen Freiheitsraum“, den es dabei offenbar gab. Das berühmteste Beispiel, von Christopher Browning und Daniel Goldhagen ausführlich beschrieben, ist das Reserve-Polizeibataillon 101 aus Hamburg am 13. Juli 1942 im polnischen Józefów. Im Gespräch mit Gysi erzählt Welzer es noch einmal, lebendiger 43:51: Major Wilhelm Trapp, bei seinen Männern beliebt, „Papa Trapp“, tritt mit Tränen in den Augen vor die rund 500 Männer und sagt, er müsse ihnen einen furchtbaren Befehl überbringen. Sie sollten an ihre Familien zu Hause denken, wenn es zu schwer werde. Und wer nicht mitmachen wolle, solle heraustreten.

Je nach Quelle, sagt Welzer, traten zwischen sieben und elf heraus; Browning zählt einen und danach zehn oder zwölf weitere. Welzer erklärt es ohne einen Gedanken an Ideologie 45:22: Der Kommandeur distanziert sich selbst vom Befehl, also lässt man ihn nicht allein damit. Die Kameraden neben einem stehen vor demselben Dilemma, also lässt man auch sie nicht allein. Es ist eine Erstmaligkeitserfahrung ohne Skript, man schaut, ob der Kumpel daneben heraustritt. „Je mehr stehen bleiben, desto mehr bleiben stehen, weil eine Handlung immer eine Information für die anderen ist.“ Mit Studierenden hat er die Situation oft an der Tafel durchgespielt: Gründe zu bleiben, Gründe herauszutreten. Auf der ersten Seite sammelt sich viel mehr, soziale Übereinstimmung, kein Außenseiter sein, den Kommandeur nicht im Stich lassen 46:07.

Wer heraustrat, dem geschah formal nichts; die Männer seien „natürlich schlecht behandelt worden von allen anderen“ 46:52. In Wien betont Welzer, bis heute sei kein Fall bekannt, in dem jemandem gravierende persönliche Nachteile entstanden, weil er an einer „Judenaktion“ nicht teilnahm. Die Nachkriegsformel, man wäre sonst selbst erschossen worden, nennt er im Gespräch mit Gysi „totaler Quatsch“ 44:36.

Eigene Einschätzung

In Wien wie in Berlin benutzt Welzer Józefów als Beweis für die Freiwilligkeit, und das ist das Wichtigste daran: Wer stehen blieb, hätte gehen können. Weniger überzeugend ist die Leichtigkeit, mit der er die Gründe zu bleiben für fast hinreichend erklärt. Gerade weil die Tafel so ungleich gefüllt ist, bleibt das Dutzend, das heraustrat, die eigentliche Frage. Welzer hat für sie in diesem Vortrag kein Werkzeug; „wir brauchen ja eigentlich nur Psychologie, wenn sich eine Minderheit anders verhält“, sagt er in der Diskussion 58:02, und lässt genau diese Psychologie beiseite.

Das Töten lernen

27:30 — Als nach dem Überfall auf die Sowjetunion die Massenerschießungen begannen, gab es keine Technik dafür. „Wie bringt man eigentlich 37.000 Menschen in zwei Tagen um? Ist ja präzedenzlos.“ (Gemeint ist Babyn Jar bei Kiew, wo am 29. und 30. September 1941 33.771 Menschen erschossen wurden.) Die Täter begannen zu experimentieren, zuerst nach dem Muster einer militärischen Erschießung, die sie kannten. Das dauerte lange und machte Probleme: Stellt man die Opfer mit dem Gesicht zu den Schützen oder dreht man sie um? Welche Waffe, welche Munition?

Was die Ergebnisse vom Typ Babyn Jar zeigen, sagt Welzer, sei das Produkt von „Professionalisierungs- oder technischen Optimierungsschritten“ 29:02. Sein Beispiel ist das Entkleiden. Zuerst wurden die Opfer angezogen erschossen; weil man sie berauben wollte, ließ man sie sich vorher ausziehen, dann konnten andere die Kleider durchsuchen, und alles ging schneller. Der Nebeneffekt: Nackte Menschen verlieren viel mehr von ihrer „Identitätsausstattung“, und die Distanz, die die Täter brauchen, wächst. Jeder Einzelschritt hatte zwei Ziele, den Vorgang effizienter zu machen und ihn für die Täter distanzierter. Auschwitz, sagt Welzer in Klammern, sei am Ende der Ausfluss genau dieser Optimierung gewesen: die maximale Distanz, an der niemand mehr Hand anlegt.

Das Entscheidende ist für ihn, wie sich die Arbeit in der Wahrnehmung der Akteure darstellt 31:17: als technisches Problem, hinter dem der größere Sinnhorizont verschwindet, wie bei jeder anderen beruflichen Arbeit auch. Robert Jay Lifton habe das bei den Auschwitz-Ärzten gefunden: Sie sprachen lang und breit darüber, wie man die Opfer am besten umbringt, kaum über die Frage, ob.

Weitergedacht

Welzer beschreibt, wie jede technische Verbesserung zugleich die Distanz vergrößerte. Wo in meinem eigenen Arbeiten macht eine Effizienz, die ich begrüße, mir zugleich unsichtbar, was am anderen Ende der Kette geschieht?

Arbeitsteilung und die Mittagspause

32:49 — Die Arbeitsteilung, sagt Welzer, werde in der Literatur viel zu wenig beachtet. Eine „Judenaktion“ war ein hochgradig arbeitsteiliger Vorgang: Die Opfer mussten gefunden werden, örtliche Helfer zeigten Wohnungen und Verstecke, Lastwagen wurden bereitgestellt, Gruben ausgehoben, das Gelände abgesperrt, Waffen und Munition herangeschafft, und der Essenswagen musste da sein. Nur ein kleiner Teil der Beteiligten stand an der Grube und schoss. Die anderen konnten sich ihren Anteil zurechtlegen: „Ich habe ja nur abgesperrt, ich habe ja nur den Lastwagen gefahren.“

Im Verlauf bildeten sich Spezialisten heraus, wie bei jeder anderen Arbeit 34:19. Zum Schießen nahm man die, die es am besten konnten; wer sich übergeben musste, bekam etwas anderes. Und die Rahmenbedingungen waren nach Welzer „alles andere als infernalisch“ 35:07: geregelte Vorgänge mit Anfang, Mitte und Schluss, mit Pausen über Nacht, in denen die Opfer — „Sie müssen immer die ganzen Anführungsstriche mitdenken“ — „zwischengelagert“ wurden, mit Mittagspausen, Schichten, dem Küchenwagen und dem Anspruch auf Verpflegung. Auch Zuschauer gab es, und sie stellten noch einmal Normalität her.

Im Gespräch mit Gysi nennt er den Satz, der ihn am meisten erschüttert hat 48:24: Ein Polizist sagt aus, er habe mit einem Kameraden verabredet, dass dieser die Mütter erschießt und er nur die Kinder, denn ohne ihre Mütter seien die Kinder nicht überlebensfähig gewesen, und so habe er sie „gewissermaßen erlöst“. Welzer liest das als Beleg, nicht als Ausrede: „Was er ja sagt, ist: Ich habe nicht gedankenlos getötet, ich habe versucht, sozusagen ein moralischer Mensch dabei zu bleiben.“

Leiden als Alibi

40:26 — Welzers Schluss in Wien verbindet alle Fäden. Himmler und viele andere hätten ständig betont, dass das Töten nichts sei, was man gut finden solle, sondern eine schwere, geradezu unmenschliche Aufgabe, und dass gerade darin die historische Auszeichnung der Täter liege, sie auf sich zu nehmen. Wer seine Lage so deutet, kann sich beim Töten als Leidender empfinden:

„Denn wenn ich selber darunter leide, dann ist es ja klar, dass mein moralisches Vermögen noch vollkommen intakt ist.“ 41:12

Im Gespräch — 41:12

Daraus folgt die beklemmendste Beobachtung des Abends, die er erst in der Diskussion ausspricht 68:00: In den Nachkriegsgesellschaften, in Österreich noch mehr als in Deutschland, konnten die Mörder mit ihren Morden gut leben, „weil sie die nicht als Morde interpretieren“. Es habe nie das Konzept „wir sind Mörder“ gegeben, sondern nur das von Menschen, die sich von einer Tätigkeit distanzieren konnten, weil sie sie selbst für unmenschlich hielten. Wer so konstruiert, fühlt sich auch hinterher nicht als Mörder.

Eigene Einschätzung

Das ist die Stelle, an der Welzer über Arendt hinausgeht. Arendt beschrieb Täter, die nicht dachten. Welzer beschreibt Täter, die sehr wohl über ihre Moral nachdachten, und gerade dieses Nachdenken über das eigene Leiden machte das Töten möglich. Das Gewissen war nicht abgeschaltet, es war in Dienst genommen. Für die Frage, was heute schützt, ist das unbequem: Ein waches Gewissen allein genügt nicht, wenn es sich am eigenen Unbehagen statt am Opfer misst.

Die Einwände im Saal

42:46 — Die Diskussion ist der Prüfstand, und sie ist nicht freundlich. Eine Zuhörerin hält ihm vor, er klinge funktionalistisch, und fragt nach den Tätern, die sich weltanschaulich so stark identifizierten, dass gar keine Dissonanz aufkam; sie verweist auf David Cesaranis Eichmann-Biografie, in der aus dem Arbeiter Eichmann ein Überzeugter wird. Welzer räumt ein, Arbeit sei keine monokausale Erklärung, Kameradschaft, Verbindlichkeit und Antisemitismus spielten mit 45:03. Sein Arbeitsstil sei, an einer ungewöhnlichen Situation zuerst alles zu finden, was aus Sicht der Akteure gewöhnlich war.

Eine Historikerin widerspricht schärfer 61:50: Man könne die Normalisierung übertreiben. Der Osten sei ideologisch als permanenter Ausnahmeraum konstruiert gewesen, und gerade junge Frauen im Osteinsatz hätten sehr viel über ihre Tätigkeit nachgedacht und sie in diesen großen Zusammenhang gestellt. Und Zuschauer bei Erschießungen deuteten eher auf eine Ausnahmesituation als auf Normalität. Ein anderer fragt, ob die Erklärung nach oben trage, zu Bach-Zelewski, Himmler und Hitler. Ingo Zechner hält fest, dass Normalisierung und radikaler Antisemitismus einander nicht ausschließen; Welzer erkläre, wie Menschen sich ans Töten gewöhnen, nicht aber, warum man sich ausgerechnet Juden aussuchte 64:11.

Welzer weicht nicht zurück 73:26. Die Normalisierung könne man gar nicht übertreiben, weil die Forschung permanent die andere Seite übertreibe. Und auf die Frage nach Himmler: Was habe der denn anderes getan, als das Gefühl zu haben, eine historische Aufgabe bewältigen zu müssen? Er sei nur aktiver darin gewesen, die Parameter der Sinngebung auch noch zu formulieren. Dann der Satz, mit dem er seine Zuhörer am meisten provoziert:

„Und Ideologie, es tut mir leid, die Botschaft überbringen zu müssen, spielt für das, was auf der Handlungsebene und was politisch passiert, eine viel, viel, viel geringere Rolle, als man zu glauben geneigt ist. Und das macht das Problem ein bisschen schwieriger, weil man dann nämlich anders darüber nachdenken muss, wie man eigentlich überhaupt solche Dinge verhindert.“ 74:12

Hören — 74:12
Weitergedacht

Wenn Ideologie so wenig zählt, wie Welzer sagt, dann taugt Aufklärung über Ideologie wenig als Schutz. Woran müsste eine Gesellschaft dann arbeiten — an ihren Gruppen, ihren Aufgaben, ihren Normalitäten?

Opa war kein Nazi — die Erfindung der Großeltern

32:24 — Fünfzehn Jahre nach Wien erzählt Welzer im Berliner Kabarett Distel von dem Buch, mit dem er 2002 eine öffentliche Debatte auslöste. Für Opa war kein Nazi setzte sein Team Familien gemeinsam an einen Tisch, um über die NS-Vergangenheit zu sprechen, und befragte die Mitglieder dann einzeln. Das Ergebnis: Jede Generation erzählt eine andere Geschichte, und die Enkel machen ihre Großeltern immer besser. Die Großmutter sprach ohne Hemmung über „die problematischen Juden“, in der Erzählung der Enkelin wurde sie zur Widerstandskämpferin.

„Die Partikel der Geschichte, die blieben gleich, aber die wurden wie in so einem Kaleidoskop, das man dreht, einfach anders angeordnet.“ 33:55

Im Gespräch — 33:55

Wie bei der stillen Post bekommt die Geschichte beim Weitererzählen einen anderen Sinn, passend zur Zeit, in der die jeweilige Generation sich gefunden hat. Als das Buch erschien, fragte die Republik, ob Geschichtsunterricht und politische Bildung versagt hätten. Welzer nannte es einen „Kollateralschaden der Geschichtsvermittlung“ und dreht die Sorge um 34:40: Es sei doch besser, wenn die Jungen einen Anti-Nazi als Opa haben wollten, als wenn sie ihn eins zu eins nähmen und trotzdem gut fänden. Geschichte sei nie neutral, sie werde gebraucht. Gysi steuert einen Witz bei, der die Studie in vier Sätzen erzählt: Der Enkel findet ein Foto vom Sportpalast, der Opa mit erhobenem Arm, und der Opa erklärt, Goebbels habe gefragt „Wollt ihr den totalen Krieg?“, alle hätten „Ja!“ gerufen, und er habe gesagt: „Moment mal …“

Soldaten, die achtzig Prozent und die verschobene Normalität

49:55 — Mit dem Militärhistoriker Sönke Neitzel hat Welzer später ausgewertet, was deutsche Kriegsgefangene untereinander erzählten, während Briten und Amerikaner sie heimlich abhörten. Aus diesem Material, rund 150.000 Seiten, sagt er, ließ sich bestätigen, was er im Täter-Buch vermutet hatte: dass die Weltanschauung keine besondere Rolle spielt. Die Verteilung, die er dann nennt, ist seine Faustregel, im Buch steht sie so nicht:

„Es gibt so die zehn Prozent Super-Nazis […] und es gibt die zehn Prozent Anti-Nazis, sogar die da aber mitmachen, obwohl sie das politisch überhaupt nicht vernünftig finden, und in der Mitte, wie gesagt, wie im wirklichen Leben, gibt es die 80 Prozent, die sich das so zurechtdenken, wie es irgendwie ist.“ 50:40

Im Gespräch — 50:40

Wir handelten, sagt er, nur im Grenzfall auf der Grundlage politischer Überzeugung, viel mehr aus konkreten Situationen und sozialer Übereinstimmung, „weil niemand von uns will abweichen, und schon gar nicht in extremen Situationen“. Er erinnert an den Bahnhof Grunewald, von dem aus Berliner Juden deportiert wurden, am helllichten Tag im bürgerlichsten Viertel der Stadt, und an Götz Alys Begriff der Zustimmungsdiktatur.

Am Ende zieht er die Linie in die Gegenwart 55:14. Menschen hätten keinen festen Bezugspunkt, an dem sie sagen könnten, so bin ich; wenn sich die Verhältnisse ändern, ändern sie ihre Wahrnehmung und ihre Selbstbilder mit. Welzer nennt das Shifting Baselines. Zwischen 1933 und 1939 habe sich die Moral einer ganzen Gesellschaft so schnell verschoben, dass kaum noch jemand bemerkenswert fand, wie man einer Gruppe die Arbeit, die Wohnungen, die Geschäfte nahm und sie auf der Straße verprügelte 56:46; Kennzeichnung, Fahr- und Haustierverbote, die er in einem Atemzug nennt, kamen erst in den Kriegsjahren dazu. Im Januar 1933, vermutet er, hätten 95 Prozent gesagt, so etwas würden sie nie zulassen; sechs Jahre später sei genau das die Realität gewesen, hergestellt durch eine „permanente Kaskade von Verordnungen, Gesetzen“, die Schritt für Schritt die Zugehörigen von den Nichtzugehörigen trennten.

Eigene Einschätzung

Die Shifting Baselines sind das stärkste Werkzeug, das Welzer aus der Täterforschung in die Gegenwart mitnimmt, und das gefährlichste, wenn man es zu leicht handhabt. Stark, weil es erklärt, warum niemand sich als Teil einer Verschiebung erlebt, die er hinterher kaum glauben kann. Gefährlich, weil jede Veränderung wie der Anfang von 1933 aussehen kann, wenn man nur auf die Bewegung schaut und nicht auf ihre Richtung. Gysis Einwurf aus der Pandemie, den Welzer bejaht und sofort gegen das harmlosere Smartphone tauscht, zeigt das Problem: Eine zeitlich begrenzte Einschränkung, beschlossen in einem Rechtsstaat, gehört nicht in dieselbe Reihe wie die schrittweise Entrechtung einer Gruppe. Das Werkzeug misst, dass sich Maßstäbe bewegen; ob sie sich ins Unrecht bewegen, muss das Urteil entscheiden.


Nachbesprechung

Welzer hat seine These 2007 vor Historikern verteidigt und 2022 im Kabarett erzählt. Inzwischen ist nachgemessen worden, was er damals behauptete.

Wie viel zählt die Ideologie?

In Wien sagte Welzer, Ideologie spiele eine „viel, viel, viel geringere Rolle“, als man glaube; in Berlin rundete er es auf zehn Prozent Überzeugte, zehn Prozent Gegner und achtzig Prozent, die sich die Dinge zurechtdenken. Gemessen ist diese Verteilung nicht (→ Faktencheck). Im Begleitband zu Soldaten zählte Alexander Hoerkens unter den wenigen Gesprächen über Weltanschauung rund fünf Prozent überzeugte Nationalsozialisten, und MacGregor Knox wandte ein, das Projekt habe nur das unzweideutigste Rassenbekenntnis als Ideologie gewertet, nicht den Glauben an Hitler (Knox, sehepunkte 2012). Felix Römer las dann die amerikanischen Akten aus Fort Hunt, 3.451 Gefangene, ein Querschnitt der Wehrmacht mit Lebenslauf und Fragebogen. 1944 bekannten sich über sechzig Prozent zu Hitler, Arbeiter und Katholiken kaum seltener als andere (Römer 2013, doi:10.1177/0022009412461815; Knox über Kameraden, 2014). Dass die Männer selten über Politik sprachen, liest Römer als Schweigen über Selbstverständliches. Das ist Welzers Hintergrundkonzept, mit umgekehrtem Schluss.

Michael Mann wertete 1.581 Täterbiografien aus. Ohne die spät rekrutierten Volksdeutschen und die Frauen waren zwei Drittel langjährige Nationalsozialisten, und je überzeugter einer war, desto höher stand er (Mann 2000, doi:10.1093/hgs/14.3.331). Die Stichprobe bevorzugt die Aktenkundigen, passt aber zu Sönke Neitzels eigener Unterscheidung zwischen wenigen aus eigenem Antrieb Motivierten, die die Gewalt eskalierten, und der großen Masse der Mitläufer (bpb 2013). Ein Weltanschauungskrieg, schreibt Römer, brauchte nicht jeden Landser als Nationalsozialisten; es genügte, wie seine Kommandeure dachten. Und Welzers leidende Schützen hatten eine Kehrseite, die er in Wien nicht erwähnt: Viele feierten ihre Einsätze mit Schnaps (Westermann 2016, doi:10.1093/hgs/dcw003).

Recht behält Welzer beim Bataillon 101. Christopher Browning hat 2025 noch einmal darauf bestanden, dass dessen Männer, eingezogen, mittleren Alters, ohne Zeit für Schulung, erst ein Jahr nach den anderen in die Tötungsfelder kamen und trotzdem das viertmörderischste Bataillon der Ordnungspolizei wurden (Browning, NYRB 2025). Im selben Brief lobt er Welzer und Thomas Kühne dafür, dass sie eine Moral beschrieben haben, die die Opfer aus dem Kreis derer ausschloss, denen man etwas schuldet. Zu weit geht Welzer, wo er diesen Referenzrahmen von der Ideologie trennt. Dass Juden „ein Problem“ seien und ihr Tod eine historische Aufgabe, ist Weltanschauung, die keiner mehr aussprechen muss. Jonathan Leader Maynard misst Ideologie darum an den Rechtfertigungen, die im Umlauf sind — Bedrohung, Schuld der Opfer, das Töten als Tugend —, und die tragen auch Menschen, die keine Fanatiker sind (Leader Maynard 2014, doi:10.1080/09546553.2013.796934; Reicher, Haslam & Rath 2008, doi:10.1111/j.1751-9004.2008.00113.x). Die achtzig Prozent dachten sich die Dinge zurecht, in Begriffen, die andere geliefert hatten.

→ Weiter im Panorama: Gedankenlos oder überzeugt?, mit Arendts Leere, Fromms Liebe zum Toten, Alomars erklärtem Programm und Eichis Clique.

Was ist aus Opa geworden?

Das Kaleidoskop lässt sich zählen. Welzers Team zeichnete zwischen 1997 und 2000 vierzig Familiengespräche und 142 Einzelinterviews auf, darin 2.535 Geschichten. Etwa die Hälfte erzählte vom Leiden der Großeltern, weitere fünfzehn Prozent von ihrem kleinen, alltäglichen Widerstand, und in 26 der 40 Familien machten Kinder und Enkel die Alten besser, als diese sich selbst beschrieben. Zwei Zeitzeugen berichteten am Familientisch von Morden; in den Einzelinterviews der Enkel kam davon nichts mehr vor (Tschuggnall & Welzer 2002, doi:10.1177/1354067x02008001625). Eine repräsentative Emnid-Umfrage im Anhang des Buchs fand dasselbe im ganzen Land: 26 Prozent meinten, ihre Angehörigen hätten Verfolgten geholfen, ein Prozent hielt eine Beteiligung an Verbrechen für möglich. Mitgemacht hatten allerdings nur Familien, die über die NS-Zeit reden wollten, das räumten die Autoren selbst ein, und die Historikerin Isabel Heinemann vermisste den Beleg, dass das Familiengedächtnis stärker wirkt als das Schulwissen (H-Soz-Kult 2002).

Die stille Post läuft weiter. Im Erinnerungsmonitor MEMO nannten 2020 23 Prozent Täter unter ihren Vorfahren und 32 Prozent Helfer, fast jeder Zehnte sagte, die Familie habe Verfolgte versteckt (MEMO III, 2020). Im ganzen Reich tauchten bis zu 12.000 Juden unter, in Berlin halfen ihnen wohl mehr als 30.000 Menschen (bpb); der NSDAP gehörten 1945 rund 8,5 Millionen an. Je näher am Ich, desto heller die Rolle: Täter vermuteten die Befragten 2019 bei 34 Prozent der damaligen Bevölkerung, bei 20 Prozent der eigenen Familie und bei 10 Prozent von sich selbst; geholfen hätten, sagten 65 Prozent über sich (MEMO II, 2019).

Den „Kollateralschaden der Geschichtsvermittlung“ (Welzer 2008, doi:10.1353/sor.2008.0049) zeigt schon die alte Umfrage: Befragte mit Abitur schrieben ihren Großeltern öfter Hilfe zu als andere. Bei den Urenkeln verblasst der Held. In der MEMO-Jugendstudie 2023 wissen 56 Prozent der 16- bis 25-Jährigen nicht, ob ihre Familie damals geholfen hat, und wer Täter nennt, meint meist Soldaten (MEMO Jugend 2023). Wo die Erzählung abreißt, kommt das Dokument. Als die US-Nationalarchive im März 2026 die NSDAP-Mitgliederkartei online stellten, stiegen die Zugriffe binnen zwei Tagen um 925 Prozent (BR24, 22.03.2026), und in den Foren stand bald der vertraute Satz, wer dort auftauche, sei vielleicht nur eingetreten, „um Probleme oder negative Reaktionen zu vermeiden“ (BR24). Einem „Schlussstrich“ unter die NS-Vergangenheit stimmten im Herbst 2024 erstmals etwas mehr Menschen zu, als ihn ablehnten, 38 gegen 37 Prozent (MEMO 2025). Welzers Trost, die Enkel wollten wenigstens einen Anti-Nazi zum Opa, setzte voraus, dass sie überhaupt einen Opa wollten.

→ Weiter im Panorama: Mit wem fängt eine Demokratie neu an?, mit Budes kommunikativem Beschweigen, Alys notwendiger Verdrängung, Wagners Enkeln, die erst frei fragen konnten, und Bloms Frist des „Nie wieder“.

Weitergedacht

Die Enkel machten aus den Großeltern Helden, die Urenkel wissen nichts mehr, und die Karteikarte liegt offen im Netz. Was ist dem Gedächtnis eines Landes gefährlicher — die freundliche Lüge oder das Achselzucken?


Faktencheck

Bestätigt — Józefów, die freie Wahl, kein Preis für das Nein

24:28 · 43:51 Am 13. Juli 1942 stellte Major Trapp den rund 500 Männern des Reserve-Polizeibataillons 101 die Teilnahme frei, sichtlich erregt und mit dem Hinweis auf die Familien. Wer heraustrat, bekam Wach- oder Transportdienst und wurde nicht bestraft. Welzers „sieben bis elf“ weicht von Browning nur wenig ab (einer, dann zehn oder zwölf weitere). Auch sein Satz, es sei kein Fall gravierender Nachteile bei Verweigerung bekannt, deckt sich mit der Aktenlage: Herbert Jäger in 103 Fällen und David Kitterman in 85 fanden keinen, in dem das Nein das Leben kostete, Versetzungen und Karriereknicks kamen vor. Quelle: Browning, Ganz normale Männer (1992/93), Kap. 7 · Kitterman 1988, doi:10.2307/1429971 · Józefów Massacre (Wikipedia)

Vereinfacht — „mindestens 489 entscheiden sich fürs Töten“

45:22 Die Rechnung setzt Stehenbleiben mit Schießen gleich. Bei Browning schoss nicht jeder, der stehen blieb: Teile sperrten ab, und während der Aktion baten weitere um Ablösung oder entzogen sich, nach seiner Schätzung zehn bis zwanzig Prozent der Schützen. Die Verkürzung stützt die These, dass Konformität fast alle erfasste, und lässt die Zwischenzone weg. Quelle: Browning, Ganz normale Männer, Kap. 7 und 18 · Rezensionen zu Welzer, Täter (Perlentaucher, u.a. Browning in der ZEIT 2005)

Bestätigt — „üble Arbeit“ in den Täterdokumenten

38:55 Eduard Strauchs Klage, man werde „außer dieser üblen Arbeit auch noch mit Schmutz übergossen“, steht in seinem Vermerk vom 25.07.1943 über den Streit mit Generalkommissar Kube (Nürnberger Dokument NO-4317). Das Bild vom Mord als Arbeit liegt in den Quellen selbst. Schwächer belegt sind Globocniks „Bronzetafeln“, die nur über den Gerstein-Bericht überliefert sind, und die Blutwurst-Szene, die Welzer aus seinem eigenen Quellenfundus zitiert; dafür ließ sich keine unabhängige Fundstelle finden. Quelle: Kube–Strauch, Vermerk 1943 (phdn.org) · Gerstein-Bericht (Yad Vashem)

Bestätigt —

Opa war kein Nazi und die kumulative Heroisierung 33:09 Die Studie von Welzer, Moller und Tschuggnall beruht auf 40 Familien über drei Generationen, 40 Familiengesprächen und 142 Einzelinterviews aus den Jahren 1997 bis 2000. „Kumulative Heroisierung“ ist ihr Begriff, die Großmutter, die bei der Enkelin zur stillen Heldin wird, ein Fall aus dem Buch. Die Stichprobe ist klein und qualitativ; spätere repräsentative Umfragen bestätigen die Richtung (→ Nachbesprechung). Quelle: Der Freitag — „Stille Helden“

Vereinfacht — „10 Prozent Nazis, 10 Prozent Anti-Nazis, 80 Prozent“

50:40 Welzer stellt die Verteilung als Ergebnis der Abhörprotokolle dar. In Soldaten steht sie so nicht; das Buch sagt qualitativ, die meisten Soldaten seien keine Weltanschauungskrieger gewesen. Die Drittelung ist seine Faustregel („wie im wirklichen Leben“). Die Fachkritik setzt an derselben Stelle an: MacGregor Knox nennt die Ideologie-Definition zu eng, weil die Hitler-Treue der Mehrheit herausfalle, und Felix Römer fand in Befragungen von 1944 eine Mehrheit für Hitler. Die Protokolle umfassen rund 150.000 Seiten, nicht 200.000. Quelle: Knox, „Reading the Wehrmacht's mind?“, sehepunkte 2012 · Uni Potsdam, Projekt „Referenzrahmen des Krieges“

Vereinfacht — die Polizeibataillone „nicht weltanschaulich konditioniert“

41:32 In Berlin nennt Welzer die Männer Taxifahrer und Klempner ohne weltanschauliche Schulung. Edward Westermann und Jürgen Matthäus haben für die Ordnungspolizei gezielte weltanschauliche Schulung und eine militarisierte Korpskultur belegt. In Täter stellt Welzer selbst eine antisemitische „NS-Moral“ als Referenzrahmen ins Zentrum; auf dem Podium wird daraus „Weltanschauung spielt keine besondere Rolle“. Seine Pointe, die Forschung übertreibe permanent die andere Seite, ist eine Position im Streit, kein Konsens (→ Nachbesprechung). Quelle: Westermann, Hitler's Police Battalions (2005) · Perlentaucher zu Täter

Vereinfacht — die Verschiebung „1933 bis 1939“

56:46 Welzer zählt zum Werk dieser sechs Jahre auch Kennzeichnung, Verkehrsmittel- und Haustierverbote. Sie kamen erst später: der Judenstern im September 1941, das Haustierverbot am 15. Februar 1942. Die Entrechtung bis 1939 ist massiv belegt; durch die Stauchung wirkt die Verschiebung schneller, als sie war. Die „95 Prozent“ vom Januar 1933 nennt er selbst eine Vermutung. Bahnhof Grunewald stimmt (erster Transport am 18.10.1941, am Tag, zu Fuß durch die Stadt), war allerdings ein Güterbahnhof; Alys Wort von der „Zustimmungsdiktatur“ steht in Hitlers Volksstaat (2005). Quelle: Sächsisches Staatsarchiv, Zeittafel · Stiftung Denkmal, Deportation aus Berlin (PDF)


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung: keine Literaturangaben (Tagung „Arbeit und Vernichtung“, Wiener Wiesenthal Institut, 27.–29. Juni 2007; Gesprächsreihe „Missverstehen Sie mich richtig“, Berliner Distel).

Im Vortrag genannte und weiterführende Werke:

  • Harald Welzer, Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden (S. Fischer 2005) — Rezensionen (Perlentaucher)
  • Welzer, Moller, Tschuggnall, „Opa war kein Nazi“ (Fischer 2002)
  • Sönke Neitzel und Harald Welzer, Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben (S. Fischer 2011) — Rezensionen (Perlentaucher)
  • Sebastian Haffner, Geschichte eines Deutschen (DVA 2000) — zum Lager Jüterbog: Schmerbach (PDF)
  • Christopher Browning, Ganz normale Männer (1993); Robert Jay Lifton, Ärzte im Dritten Reich (1988); Herbert Jäger, Verbrechen unter totalitärer Herrschaft (1967)
  • Stefan Kühl, Ganz normale Organisationen (Suhrkamp 2014) — Perlentaucher
  • MacGregor Knox, „Reading the Wehrmacht's mind?“ (sehepunkte 2012) — die schärfste Fachkritik an Soldaten

Verbindungen

→ Hannah Arendt — Die Banalität des Bösen

Das Gegenstück im Wortsinn. Arendt findet beim Täter das Aufhören des Denkens, Welzer Täter, die sehr wohl über ihre Moral nachdachten und ihr Gewissen über das eigene Leiden in Dienst nahmen. In der Arbeitsteilung treffen sie sich: Arendts Lokführer („Fahr ich. Ich bin Lokführer.“) und Welzers „Ich habe ja nur abgesperrt“ sind dieselbe Figur, bei ihr als Apparat, bei ihm als Selbstdeutung.

→ Jens-Christian Wagner — Buchenwald und deutsche Erinnerung

Wagner stützt fast jeden Baustein mit Lagerbefunden: die arbeitsteilige Täterschaft, den Befehlsnotstand als Nachkriegsmythos, Himmlers „anständig geblieben“. Reibung gibt es beim Gedächtnis. Wagner setzt auf die Enkel, die ohne Loyalität zu den Eltern frei fragen können; Welzers Enkel machen ihre Großeltern zu Widerständlern.

→ Götz Aly — Wie konnte das geschehen

Dieselbe Frage, zwei Antworten jenseits der Weltanschauung. Aly findet die Verstrickung durch Nutznießen, Welzer den Referenzrahmen, in dem Töten zur Arbeit wird; Welzer zitiert Alys Zustimmungsdiktatur selbst. Alys Vater, der jahrzehntelang „nichts gewusst“ hatte, ist der Einzelfall zu Opa war kein Nazi.

→ Robert Musil — Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Die genaueste Brücke kommt aus dem Jahr 1906. Beineberg sagt, dass ihm das Quälen schwerfalle, sei gerade das Gute daran, es erfordere ein Opfer und wirke reinigend — Welzers Leiden als Alibi in Keimform. Und Reiting, dem jede Begründung gleich ist, neben Beineberg, der ohne Weltanschauung nicht quälen kann: die achtzig Prozent und die zehn.

→ Dietrich Bonhoeffer — Theorie der Dummheit

Bonhoeffers „Pflichtmenschen“, die auch dem Teufel gegenüber ihre Pflicht erfüllen, sind von innen gesehen, was Welzer mit Haffners Tüchtigkeitsehrgeiz von außen beschreibt. Beide setzen keine Hoffnung auf Aufklärung über Ideologie: Bonhoeffer verlangt Befreiung, Welzer ein anderes Nachdenken darüber, wie man so etwas verhindert.

→ Philipp Blom — Die strauchelnde Welt

Blom überträgt die Arbeitsteilung in die Gegenwart: Hinter jeder Festnahme der US-Einwanderungsbehörde steht eine Kette von Unterschriften, „keine fanatischen Sadisten“, sondern Leute, die einen Job machen. Beim Preis widersprechen sie sich. In Józefów kostete das Heraustreten das Ansehen bei den Kameraden, bei Blom ist schon die Hypothek zu viel.

→ Philipp Blom — Die Unterwerfung

Blom gibt dem „Nie wieder“ zwei bis drei Generationen. Welzer zeigt den Mechanismus darunter: Das Familiengedächtnis verblasst nicht nur, es wird wie im Kaleidoskop neu angeordnet und der eigenen Zeit angepasst.

→ Stephan Marks und Aladin El-Mafaalani — Unter der Wut die Scham

Marks und Welzer befragten in denselben Jahren Zeitzeugen und kamen mit entgegengesetzter Tiefe zurück. Marks liest unter der Begeisterung die Scham, Welzer verweigert die Tiefenpsychologie ausdrücklich: „Das Ding liegt in der Praxis.“ Im Ergebnis treffen sie sich bei einer Mehrheit, die kippt, ohne zu glauben.

→ Rutger Bregman — Ist der Mensch wirklich gut?

Bregman sagt, Töten falle schwer und brauche eine Apparatur aus Drill, Distanz und Entmenschlichung. Welzers Kapitel über das Töten-Lernen zeigt, wie diese Apparatur gebaut wurde, Schritt für Schritt bis Auschwitz. Und Bregmans Welpe, dessen Geselligkeit das Einfallstor ist, steht in Józefów in der Reihe.

→ Der leere Turm — wie Macht herrenlos wird

Lucs Maschinen, deren eigentliches Produkt die Entlastung ist, haben bei Welzer ihren historischen Grundfall: Absperrung, Lastwagen, Essenswagen und der Controller, der „an der Vernichtung arbeitet“. Das Scharnier „Last abgeben, Urteil behalten“ ist eine mögliche Antwort auf Welzers offene Frage.

→ Wie werden gewöhnliche Menschen zu Tätern?

Das Panorama, in dem Welzer die Frage nach Gehorsam, Gruppe und Gelegenheit trägt.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
  • Welzer sagt, das meiste geschehe situativ und die Reflexion komme hinterher. Wenn das stimmt — was ist dann das Gewissen wert, das sich erst nach der Tat meldet?
  • Die Männer in Józefów blieben stehen, um den Kommandeur und die Kameraden nicht allein zu lassen. Ist Loyalität eine Tugend, die nur so viel wert ist wie das, wofür man sie einsetzt — und wer entscheidet das im Moment, in dem man vor der Reihe steht?
  • Arendt fand Täter, die nicht dachten, Welzer Täter, die an ihrem eigenen Leiden ihre Moral bewiesen. Welcher der beiden ist mir näher, wenn ich etwas tue, das ich eigentlich nicht tun will?
  • Die Enkel machen ihre Großeltern zu Widerständlern. Welche Geschichte über meine eigene Familie erzähle ich, weil sie wahr ist, und welche, weil ich sie brauche?
  • Was wäre das stärkste Argument gegen Welzer — dass er die Täter zu gewöhnlich macht, um sie zu verstehen, und damit die übersieht, die es wollten?

Von hier einen Faden gehen7 Stationen, rückwärts durch den Bestand

Im Bestand

Stephan Marks und Aladin…Unter der Wut die Scham?Philipp BlomDie UnterwerfungHarald WelzerDenkerVitaHannah ArendtDie Banalität des BösenWie werden gewöhnliche…Wie handelt eine Demokratie?Jens-Christian WagnerBuchenwald und deutsche ErinnerungGötz AlyWie konnte das geschehen?Robert MusilDie Verwirrungen des Zöglings…Dietrich BonhoefferTheorie der DummheitPhilipp BlomDie strauchelnde WeltRutger BregmanIst der Mensch wirklich gut?Der leere Turmwie Macht herrenlos wirdWer bestimmt, wie erinnert…Oschmann und KowalczukKränkung oder FreiheitsschockWarum wählen Menschen…

14 gedachte Verweise · zwei geteilte Quellen, die noch niemand verlinkt hat

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