GedankenraumHarald Welzer und Barbara Bleisch — Großzügigkeit und Gegenwärtigkeit
Ein Transformationsforscher gesteht, seine Hoffnung sei nie so klein gewesen, und sammelt trotzdem Utopien im Alltag. Barbara Bleisch fragt ihn, wo er Großzügigkeit selbst lebt.
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Künstlerhand: Joseph Cornell — Schaukasten-Assemblage, verblichenes Blaugrau, altes Papier, Fundstücke hinter Glas.
Warum: Welzer nennt sich an diesem Nachmittag einen Schmetterlingssammler: Er sammelt Alltagsszenen, in denen das Erträumte schon da ist. Cornell hat sein Leben lang genau das getan, kleine Wunder aus dem Gewöhnlichen in Holzkästen geborgen. Im Kasten liegen die Szenen des Gesprächs, die Orangen vom Obststand, die umgefahrene Laterne, die Fahrkarte, die Münze, die Schiefertafel. Das größte Fach in der Mitte bleibt leer, und durch eine Ecke des Glases läuft ein Sprung: die Hoffnung, die nie so klein war.
Prompt: Joseph Cornell shadow box assemblage, 1200x500 wide banner, painted rendering of a long shallow wooden box with aged blue-grey painted wood and faded paper lining, divided into small compartments behind old glass. Each compartment holds a tiny found object like a pinned specimen in a butterfly collection: three oranges from a fruit stand, a miniature toppled street lamp, a folded train ticket, a single coin, a small school slate with chalk marks, a child's paper boat, a yellow brimstone butterfly pinned on a cork. In the center the largest compartment is empty except for a small brass label without writing. A thin crack runs through the glass in the upper right corner. Soft late afternoon light, dust, worn edges, muted palette of faded blue, ochre, cream and orange. Surreal, quiet, wistful. No people, no faces, no readable text, no signature, no monogram, no photorealism.
Ein Transformationsforscher gesteht öffentlich, seine Hoffnung sei nie so klein gewesen, und sammelt trotzdem weiter Utopien im Alltag, eine Polizistin am Obststand, einen ironischen Zugbegleiter. Barbara Bleisch fragt nach, wo Großzügigkeit aufhört, Gerechtigkeit zu sein, und wo er sie selbst lebt. Welzer weicht der Begriffsfrage aus, erzählt, polemisiert, und landet über einen Euro für einen Bettler und die Lehrerinnen seiner Kindheit doch bei ihrer Definition. Daneben steht eine ernste Diagnose: Die Klimabewegung habe sich entpolitisiert, als hätte sie ein Beruhigungsmittel genommen.
Quelle: Harald Welzer & Barbara Bleisch: Großzügigkeit und Gegenwärtigkeit | Utopie-Konferenz 2026 — „Denkraum“ auf der Utopie-Konferenz 2026 „Großzügigkeit, eine Utopie?“, Leuphana Universität Lüneburg (26.–28.08.2026), Gesprächsführung Barbara Bleisch, 60 Min., mit Publikumsrunde
Harald Welzer (1958, Bissendorf bei Hannover) — Sozialpsychologe, Mitbegründer und Direktor der Stiftung FUTURZWEI, Herausgeber des Magazins taz FUTURZWEI, Honorarprofessor für Transformationsdesign an der Europa-Universität Flensburg. Kam aus der Gedächtnis- und Täterforschung („Opa war kein Nazi“, 2002; Täter, 2005) zur Klima- und Transformationsfrage (Klimakriege, 2008; Selbst denken, 2013). Zuletzt Das Haus der Gefühle (2025), ein Buch über Resonanz, Zugehörigkeit und die Gefühle als politische Kraft. Mit FUTURZWEI hat er Ende 2025 das Portal Wohnzimmer der Gesellschaft gestartet, das Orte analoger Begegnung sammelt.
Barbara Bleisch (1973, Basel) — Schweizer Philosophin und Ethikerin, seit 2010 Gastgeberin der Sternstunde Philosophie (SRF), die sie Ende 2026 abgibt. Promoviert über Weltarmut und individuelle Verantwortung, bekannt mit Warum wir unseren Eltern nichts schulden (2018), zuletzt Mitte des Lebens (2024). Bei der Utopie-Konferenz 2026 erstmals Host; am Morgen desselben Tages hatte sie im Quartett die These vertreten, Großzügigkeit beginne dort, wo die Gerechtigkeit aufhört.
Der Schmetterlingssammler
0:49 — Welzer beginnt mit einer Fahrradrunde. Vor dem Obststand, an dem er morgens vorbeikommt, steht ein Lastwagen, der eine Laterne umgefahren hat. Ein Polizist spricht mit dem Fahrer in einer Sprache, die Welzer nicht kennt, die Kollegin steht am Obst. Er fragt sie, wie viele Sprachen sie denn könnten. Ihre Antwort: „wir können das, was wir mitbringen“. Für ihn ist das eine Utopie, die schon wirklich ist: Ordnungshüter aus vielen Herkünften, die einem polnischen Fahrer nach seinem Unfall eine gute Lage machen.
Daraus baut er seinen Begriff. Eine Gegenwartsutopie muss man nicht erreichen, man muss sie zur Kenntnis nehmen. Sie ist eine Ressource, an der man „Nektar saugen“ kann. Später greift er selbst zum Bild:
„… alles das äh gewissermaßen zu sammeln wie ein Schmetterlingssammler.“12:23
Im Gespräch — 12:23
13:08 — Die Polizistin, sagt er, erfülle kein Programm. Etwas mitzubringen, das niemand verlangt hat, sei eine großzügige Haltung. Und das Sammeln hat eine zweite Funktion, die er offen benennt: Es macht ihm gute Laune. Man dürfe sich von den Verhältnissen nicht dumm machen lassen, man müsse „therapeutisch“ nach den Quellen des Guten suchen.
Die Methode ist eine Schule der Wahrnehmung, und darin liegt ihre Kraft wie ihre Grenze. Wer so sammelt, sieht, was die Schlagzeile übergeht. Ein Schmetterling am Wegrand sagt aber nichts darüber, wie groß die Wiese noch ist. Das weiß Welzer, wie der nächste Abschnitt zeigt.
„Noch nie so gering“
3:07 — Bleisch fragt persönlich: Bist du mutlos? Welzer scherzt erst, er möchte sich öffentlich nicht äußern. Dann wird er ernst. Seit anderthalb Jahren falle ihm das öffentliche Reden schwer. Über das Potenzial der Gegenwart spreche er gern. Nach seiner Hoffnung auf eine gelingende Transformation gefragt:
„… würde ich sagen, äh sie war noch nie so gering, wie sie jetzt ist. Sie brauchen es nicht weiter zu sagen, aber jetzt ist es raus.“4:41
Hören — 4:41
5:26 — Zwanzig, dreißig Jahre Arbeit seien getragen gewesen vom Gefühl: Es dauert, es gibt Widerstand, aber es geht inkrementell voran. Mit dem „unfassbar radikalen Rollback“ habe er nicht gerechnet, und das findet er als politischer Denker „beschämend“. Woher kam die Selbstgewissheit, auf der Gewinnerseite der Geschichte zu stehen? Er hat keine Antwort, nur einen Satz aus der Punkzeit seiner Jugend: Du hast keine Chance, also nutze sie.
7:01 — Was folgt, ist eine Selbstkritik, die auch die eigene Branche trifft. Die Strategien der Aufklärung, gut argumentieren, Bildungsprogramme, „Supervorträge“, hätten offensichtlich nicht weit getragen. Auch das Vertrauen, Wissenschaft behalte dauerhaft gesellschaftliche Wirkung, sei eine Gewissheit gewesen, die nicht mehr trägt.
Das Geständnis ist das Wertvollste an diesem Nachmittag. Ein Mann, der Jahrzehnte vom Gelingen gesprochen hat, sagt auf einer Utopiekonferenz, dass er sich geirrt hat, und schämt sich dafür. Schwerer wiegt, was er daraus nicht ableitet: Wenn die Vorträge nicht getragen haben, gilt das auch für den, den er gerade hält. Ein Zuhörer wird ihn später darauf festlegen.
Wenn die Strategien der Aufklärung „nicht weit getragen“ haben — woran misst man das, an der Wahl von 2025 oder an dem, was ohne sie heute schlimmer stünde? Und wer entscheidet, ob ein Irrtum über die Geschwindigkeit schon ein Irrtum über die Richtung ist?
Die verweigerte Frage
9:21 — Bleisch bringt die These des Morgens mit (→ das Quartett). Wo jemand einen Anspruch hat, kann ich nicht großzügig sein. Wer einem anderen das Wahlrecht „großzügig“ gewährt und Dank erwartet, beleidigt ihn. Teilt Welzer das? Und was heißt es für eine Gesellschaft, die immer mehr verrechtlicht, aus guten Gründen?
„Wenn du gestattest, antworte ich da gar nicht drauf.“10:07
Im Gespräch — 10:07
Er habe darüber nicht nachgedacht. Stattdessen fragt er, ob ein „Kapitalismus im Endstadium“ Großzügigkeit überhaupt zulasse, ein System, das inzwischen auch die Innenwelten durchwirkt und nur nach Mehrwert fragt. Die Kulturhelden der Epoche, Elon Musk und seinesgleichen, seien die Verkörperung „der beschissensten kleinlichen Niedrigkeit“12:23. Das ist Polemik, und sie ersetzt das Argument, das sie ankündigt.
14:41 — Bleisch lenkt zu Hartmut Rosas jüngstem Buch Situation und Konstellation: Der Zugkontrolleur, der einer glaubwürdigen Geschichte gern entgegenkäme, hat nur noch ein Gerät mit Kästchen. Welzer stimmt der Diagnose zu und widerspricht ihrer Schwere. Im ICE an diesem Morgen sagte er dem Zugbegleiter, sie seien ja pünktlich. Die Antwort: Er habe das „P-Wort“ gesagt, jetzt kämen sie nie an. „Extreme Rollendistanz“, sagt Welzer16:57, und darin liege Spielraum. Man müsse die Konstellationen nicht bedienen. „Ist ja kein Schicksal.“
Die verweigerte Frage passt zu ihm. Welzer denkt in Szenen, Bleisch in Unterscheidungen. Sie wird ihn den ganzen Nachmittag an dieselbe Stelle zurückführen.
Kein SUV ist kein Verzicht
18:27 — Zweite These des Morgens: Großzügigkeit enthält einen Verzicht. Wer offen ins Gespräch geht, verzichtet darauf, dass etwas herauskommen muss; wer eine Runde Bier spendiert, auf das Geld. Wie lernen wir das, wo Verzicht so wenig „sexy“ klingt?
Welzer bestreitet das Wort. Was uns als Verzicht verkauft werde, sei keiner:
„… ein SUV nicht zu haben, äh eine Kreuzfahrt nicht zu machen, äh unfassbar viel anderen Scheiß nicht zu haben, ist ja kein Verzicht.“20:00
Im Gespräch — 20:00
Wir lebten in einer „ökonomisch sozialen Benutzeroberfläche“, die all das als notwendig ausgibt. 20:46 Dann eine Anekdote: Er habe einmal mit einem Verbandsvertreter der Autoindustrie auf einem Podium gesessen und gefragt, warum die Autos immer größer werden. „Dann sagt dieser Idiot tatsächlich, das wollen die Kunden haben.“ Kein gesund geborenes Wesen habe je eine Apple Watch gewollt.
Der Kern trägt. Bedürfnisse entstehen nicht im leeren Raum, und wer das sagt, steht in einer langen Linie von Fromm bis Gabriel Yoran. Die Form untergräbt ihn. Wer Menschen abspricht, ihr Auto je gewollt zu haben, spricht ihnen auch ab, für sich selbst zu urteilen, und das sind dieselben Menschen, die eine Transformation tragen müssten. Yoran kommt von der anderen Seite: Er will das Individuum entlasten, indem man öffentlich verhandelt, welche Bedürfnisse legitim sind. Welzer erklärt die Frage für entschieden. Der Ton, den er ein paar Minuten später am Umgang mit Bürgergeld-Empfängern beklagt, das Abwerten von oben, klingt hier in eigener Sache an.
„Wo genau lebst du Großzügigkeit?“
22:17 — Bleisch wird konkret: Gibt es eine Situation, in der von dir Großzügigkeit erwartet ist? Welzer nennt die Sorge für Kinder, da sei Großzügigkeit eingebaut. Bleisch hält eine arme Familie dagegen, die sich den Urlaub spart, um dem Kind die Ausbildung zu zahlen; wo es knapp wird, ist Großzügigkeit sehr wohl gefordert. Und bei ihm vielleicht im Gespräch mit Leuten, die er nicht mag? „Nee, ist nicht so meins.“ Dann legt sie nach:
„… du bist ein Fan von Großzügigkeit, aber ich habe noch nicht verstanden, wo genau du Großzügigkeit lebst konkret.“24:33
Im Gespräch — 24:33
25:20 — Er seufzt, spricht nach eigenen Worten „in die Tüte“. Ihn interessierten Menschen, die von den meisten abgewertet werden, die anders aussehen, sich anders verhalten. Und Tiere. „Für welche Tiere?“, fragt Bleisch. „Na, für so Tiere.“ Dann ein ehrlicher Moment: Draußen habe ihn eben jemand um Geld gebeten, er gab einen Euro. 26:56 „Das finde ich aber nicht besonders großzügig, weil der braucht, ich brauch es nicht.“ In anderer Stimmung hätte er ihn weitergeschickt.
28:27 — Und dann findet er die Antwort doch, in der eigenen Schulzeit. Lehrerinnen hätten ihm „buchstäblich geholfen“, und das war großzügig, weil sie es nicht mussten; es stand nicht in der Konstellation. Bleisch: „Das würde ich zu 100 % unterschreiben“, genau das habe sie mit der Gerechtigkeit gemeint, Großzügigkeit über die Anspruchsverhältnisse hinaus29:13.
Das ist der beste Gang des Gesprächs, und Bleisch führt ihn. Welzer kam über die Hintertür zu der Unterscheidung, die er eine halbe Stunde zuvor nicht beantworten wollte. Sein Euro ist der Gegenbeweis: Wo der andere braucht und er nicht, sieht er Anstand und keine Großzügigkeit. Die Lehrerin, die mehr tut als verlangt, ist der Beweis. Wer nicht definieren will, kann trotzdem richtig unterscheiden. Nur am Begriff selbst fasst er nicht an.
Welzer findet seinen Euro „nicht großzügig“, weil er ihn nicht braucht. Wird Großzügigkeit dann erst dort echt, wo sie etwas kostet, und wäre die arme Familie, die für die Ausbildung spart, großzügiger als jede Stiftung?
Der großzügige Staat
29:59 — Bleisch hebt die Frage auf die Gesellschaft. Manche nennen es einen Kategorienfehler, Gesellschaften großzügig zu nennen; zugleich sparen die Staaten, und Ezra Kleins und Derek Thompsons Abundance wirbt für eine öffentliche Hand, die wieder investiert. Welzer antwortet mit seiner stärksten These: Der Kern einer freiheitlichen Gesellschaft sei Großzügigkeit, weil sie nur funktioniert, wenn den Menschen Chancen eingeräumt werden.
30:46 — Er erinnert „nostalgisch“ an die Bundesrepublik seiner Schul- und Studienzeit: Bildungsungleichheit senken als politisches Programm, Hochschulen bauen, mit Willy Brandts Gedanken, dass Demokratie urteilsfähige Bürger braucht. Davon sei man „Lichtjahre entfernt“:
„… weil sich heute Bundesrepublik dadurch auszeichnet, von allen westlichen Gesellschaften die höchste Bildungsungleichheit zu haben.“32:16 (Faktencheck: vereinfacht)
Hören — 32:16
33:04 — Dasselbe sieht er im Umgang mit Menschen im Bürgergeld, das gerade der Neuen Grundsicherung weicht. Schon das Abschaffen des Wortes verrate eine Mentalität, die Menschen ohne Geld nicht mehr als Bürger gelten lässt. So schlecht sei die Bundesrepublik mit Menschen traditionell nicht umgegangen.
Bleisch bleibt „giftig dran“34:40: Habe man es mit der Großzügigkeit nicht übertrieben, etwa 2015 mit Merkels „Wir schaffen das“? Welzer: Seine erste tiefe Erschütterung über dieses Land sei gewesen, dass eine Kanzlerin für diesen Satz angegriffen wurde, von einer Wohlstandsgesellschaft und einer politischen Klasse aus der Mittelschicht. Spanien, das demografisch in derselben Lage sei, habe in diesem Jahr Menschen ohne Papiere legalisiert und betrachte Zuwanderung als Ressource. 37:43 Das sei „noch nicht mal großzügig“, es sei funktional. Zum Schluss zitiert er, mit Emphase und Applaus, Merkels Satz vom 15. September 2015: Wenn wir anfangen müssten, uns dafür zu entschuldigen, „dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land“38:29.
Hier liegt die eigentliche Reibung des Nachmittags, und sie wird nicht ausgesprochen. Welzer nennt die Bildungspolitik der Siebziger großzügig. Nach Bleischs Definition war sie Gerechtigkeit, ein Anspruch auf Chancen, den niemand als Gnade empfangen soll. Am Ende des Gesprächs wird Bleisch genau das sagen, ohne seinen Namen zu nennen (→ Publikumsfragen). Welzer selbst kippt zweimal ins Funktionale: Spaniens Politik sei nicht einmal großzügig, und eine Gesellschaft brauche Bildungsgleichheit, um zu funktionieren. Was er Großzügigkeit nennt, ist Klugheit mit warmem Herzen. Das spricht nicht gegen die Politik, es spricht gegen das Wort.
Wenn der Kern einer freiheitlichen Gesellschaft Großzügigkeit wäre — wer gibt dann, und wer empfängt? Und was wird aus dem Recht auf Bildung, wenn man es eine Großzügigkeit des Staates nennt, die eine andere Regierung genauso großzügig wieder einziehen kann?
Das Sedativ
38:29 — Woran liegt die Verschiebung? Welzer kehrt zum „deprimierenden Ausgangspunkt“ zurück. Man habe die Gegenkräfte nicht zur Kenntnis genommen, sich auf einem zivilisatorisch guten Weg gefühlt. Und die Szene, die sich mit sozialökologischer Transformation, Artenschutz und Klima beschäftigt, sei „viel zu unpolitisch“ geworden. Sie habe eine diskursive Oberfläche gebaut, die von der Fiktion ausging, alle wollten eigentlich dasselbe. Daraus die Frage, die er „sozialpsychologisch bescheuert“ nennt: Wir wissen doch alles, warum handeln wir nicht?
40:02 — Politisch betrachtet gebe es eine ganze Reihe von Akteuren, die das nicht wollen, weil es gegen ihre Geschäftsmodelle und Machtinteressen geht.
„… diese Endpolitisierung dieser ganzen Fragen von Nachhaltigkeit, Klimaschutz, Artenschutz und so war eigentlich ja sowas wie so ein wie so ein Sedativ.“40:02
Hören — 40:02
Dazu gehöre die Individualisierung, das „ich muss erstmal bei mir selber anfangen“. Dann vergisst er die Frage, lacht, und Bleisch öffnet für das Publikum.
Das ist der analytisch schärfste Gedanke des Abends, und er reicht weiter, als Welzer ihn treibt. Wer Klimapolitik als Konsens aller Vernünftigen behandelt, braucht keinen Gegner zu benennen und verliert, sobald der Gegner sich selbst benennt. Ein Teil dieser Oberfläche war Welzers eigene Welt, die der Bildungsprogramme und guten Beispiele. Ein Schmetterlingssammler sammelt keine Interessen. Wie beides zusammengeht, die Suche nach dem Gelingenden und der Kampf gegen Interessen, lässt er offen. Ähnlich bilanziert die Aktivistin Pöttinger die Klimabewegung, die nur als Teil einer Systemkritik überlebe (→ Mark Benecke — Fragerunde: Time Is Up 2026).
Publikumsfragen
Bleisch moderiert die letzten zwanzig Minuten selbst, die Fragen kommen über ein Saalmikrofon. Sechs Wortmeldungen, die meisten eher Gedanken als Fragen.
Woran misst man Großzügigkeit? 41:32 — Eine Zuhörerin braucht ein Gegenüber, an dem sich Großzügigkeit messen lässt, und skizziert ein Quadrat: unten Normen und Werte, darüber die Gerechtigkeit, in der Mitte der Spielraum der Großzügigkeit, oben wieder Normen als Rahmen; wer darüber hinausgeht, landet in Ohnmacht oder Intoleranz. Welzer: „ich kann dazu gar nichts sagen.“ Bleisch antwortet mit Aristoteles: Großzügigkeit ist eine Tugend zwischen Geiz und Verschwendung, und wo das rechte Maß liegt, lernt man meist erst mit viel Lebenserfahrung.
Fehlt uns Haltung? Und ist Ehrenamt eine Gegenwartsutopie? 44:36 — Eine Frau in der ersten Reihe fragt, ob es früher mehr Überzeugung gab, aus der Großzügigkeit wächst, und nennt das Ehrenamt: Verzicht auf Freizeit aus Überzeugung, vielleicht sogar ein wenig egoistisch, weil es sich gut anfühlt. Welzer stimmt zu und fügt hinzu, dass man es kann. Was man kann, verdankt man einem Bildungssystem, Eltern, jemandem, der es einem gezeigt hat, und daraus folgt Verantwortung. Ohne die Ehrenamtlichen wäre „der Laden schon längst zusammengebrochen“; die politischen Eliten nähmen das kaum wahr, beim Bundespräsidenten gebe es einmal im Jahr einen Tag des Ehrenamts. Bleisch sieht im Ehrenamt beide Merkmale vom Morgen erfüllt: Niemand hat Anspruch darauf, und es enthält Verzicht.
Was sind die Alternativen zur Aufklärung? 47:36 — Ein Zuhörer hakt beim Anfang ein: Wenn man sich von den bisherigen Strategien freimachen muss, was tritt an ihre Stelle? Welzer: „Ich kann da leider keine zureichende Antwort drauf geben.“ Seine Suche gelte übersehenen Kategorien wie Großzügigkeit oder Rosas Weltbeziehung und der Arbeit mit sehr jungen Menschen, die Probleme lösen, die sie selbst definiert haben. Alte Linke hielten ihm entgegen, das sei süß, reiche aber nicht. „Könnt ihr mir bitte sagen, was reicht?“49:11 Eine einzige junge Person, die einen anderen Weg geht, bewirke vielleicht mehr als fünf Millionen Euro in einem Stiftungsprogramm für zweitausend Leute. Dann der zweite schonungslose Satz des Tages: Niemand im Raum, keine Angehörige dieser Universität, keine Politikerin wisse, wie es weitergehen soll. Man müsse sich „großzügigerweise gestatten auf Probe zu denken“, ohne Rezept50:45.
Ist Bildung vergeblich? 50:45 — Ein Zuhörer widerspricht dem Abgesang. Dass die Oberen gegenüber der Wahrheit ignorant sind, sei nicht neu. Die SPD sei als Arbeiterbildungsverein entstanden, viele ihrer Errungenschaften hätten mit Menschen zu tun, die sich bildeten. Auch Welzers junge Leute fänden den Anstoß oft in einem Bildungserlebnis. Zu fragen sei, wie man Bildung gestaltet, damit sie Menschen im Umbruch Alternativen zeigt; und wer weniger Geld hat, sei immerhin viel mehr. Bleisch: „Das geben wir Ihnen ganz großzügig.“ Welzer antwortet nicht. Erst bei der nächsten Frage nennt er den Raum eine „Teilantwort“ auf dieses Plädoyer.
Verträgt sich Großzügigkeit mit Bürokratie? 53:02 — Ein Mann im blauen T-Shirt fragt, ob eine Gesellschaft, die genau aufschreibt, wer wem was schuldet, überhaupt großzügig sein kann; Großzügigkeit lebe eher als Gespür im Möglichkeitsraum zwischen Menschen. Welzer greift die Raummetapher auf. Mit dem Portal Wohnzimmer der Gesellschaft suche FUTURZWEI nach Räumen analoger Begegnung, die den Innenraum der Gesellschaft beleben. Wir dächten zu viel über Inhalte nach und zu wenig über den Raum „als Körper“: Jugendzentren, Schulen, Volkshochschulen, die man neu schaffen oder verteidigen müsse. Bleisch setzt den Satz, der leise gegen Welzers großzügigen Staat steht: Großzügigkeit hat dunkle Seiten, weil sie suggeriert, der andere habe keinen Anspruch und müsse dankbar sein.
„… gibt's natürlich viele Orte, wo Großzügigkeit keinen Raum hat. richtigerweise, weil Menschen einfach ein Recht auf Bildung haben, auf Wohnraum haben und so weiter.“55:21
Hören — 55:21
Öffentlichkeit und Gesellschaft seien aber mehr als der Staat; dort, in der Gemeinwohlarbeit, habe die Großzügigkeit ihren Platz.
Ist Großzügigkeit ein Vorschuss? 56:08 — Eine Zuhörerin fragt, ob Ehrenamt und Räume mit einem Vorschuss einhergehen, an Zeit, Energie, Ressourcen. Welzer gefällt das Wort: Ein Vorschuss ist ungedeckt, man weiß nicht, ob er sich auszahlt, der andere kann „Tschüss“ sagen. Darin liege etwas „Antirechnerisches“ und Emanzipatives, eine Anerkennung des anderen, „selbst wenn der dann stiften geht“56:55. Hier, am Ende, hat er doch einen Begriff gefunden, und er stammt aus dem Publikum.
Spiel als Utopie. 57:40 — Ein Mann vom Theater und aus der Musik: Spielen sei der Grund aller Entwicklung, Theaterleute seien Utopisten, weil sie nicht wissen, was herauskommt. „Wir machen Quatsch“, wie Kinder, die müde und glücklich ins Bett gehen. Dafür brauche es Räume und geschenkte Zeit, und das sei das positive Lebensgefühl, das Welzer vermisst habe. Bleisch lässt es stehen. Welzer: „ich kann jetzt immer nur noch nicken.“
Nachbesprechung
Zwei Fragen blieben liegen, als Bleisch den Saal öffnete: wie ungleich die deutsche Schule wirklich ist, und ob man eine ganze Gesellschaft großzügig nennen kann, ohne ihre Rechte kleinzureden.
Ist Bildung in Deutschland so ungleich wie nirgends sonst?
Welzers Superlativ, die höchste Bildungsungleichheit aller westlichen Gesellschaften 32:16, hält nach dem Faktencheck nicht, die Richtung schon. Wie knapp er danebenliegt, zeigen die PISA-Daten, die knapp zwei Wochen nach dem Gespräch erschienen. In den Naturwissenschaften hängt die Leistung in Deutschland so eng an der Herkunft wie nie seit Beginn der Studie; nur zwei Prozent der Jugendlichen aus benachteiligten Familien erreichen das obere Kompetenzniveau, aus privilegierten rund 25 Prozent (Bildungsserver, Pressedossier PISA 2025). Nach Angaben der GEW koppeln nur wenige Bildungssysteme Herkunft und Leistung noch enger (GEW, September 2026). Platz eins ist es nicht, die Spitzengruppe sehr wohl.
Seine Nostalgie für die Bildungsexpansion der Brandt-Jahre hat der Faktencheck bestätigt: Die Herkunftsungleichheit sank damals tatsächlich. Was geblieben ist, sitzt an den Übergängen, und dort zur Hälfte nicht in der Leistung. Beim Wechsel aufs Gymnasium überwiegen in einer Hamburger Vollerhebung die Leistungsunterschiede nach Herkunft nur leicht; fast die Hälfte der Lücke entsteht aus Entscheidungen bei gleichen Noten, und beim Studienwunsch überwiegen diese Entscheidungen (Scharf et al. 2020, doi:10.1007/s11618-020-00981-7). Ungleichheit ist also auch ein Mangel an jemandem, der einem Kind sagt, dass es das kann.
Genau das erzählt Welzer von sich, ohne es so zu nennen: Lehrerinnen hätten ihm „buchstäblich geholfen“, obwohl sie es nicht mussten 28:27. Diese Großzügigkeit ist inzwischen gemessen. In einem Feldexperiment bekamen Jugendliche ein Jahr lang Studierende als Mentoren; bei Kindern aus ärmeren Familien stieg ein Index aus Mathenote, Geduld und Berufsorientierung um mehr als eine halbe Standardabweichung, Noten und Berufsorientierung hielten drei Jahre, bei bessergestellten Jugendlichen änderte sich nichts (Resnjanskij et al. 2024, doi:10.1086/726905, RCT). Grundschulkinder aus einkommensschwachen Familien, die per Los ein Jahr lang ehrenamtliche Mentoren bekamen, wechselten um rund 20 Prozent häufiger auf eine höhere Schulform (Falk, Kosse & Pinger 2020, IZA DP 13387, Arbeitspapier). Mentoring hilft dort, wo zu Hause niemand diese Rolle übernimmt. Dass ein Kind auf eine Lehrerin angewiesen ist, die mehr tut als verlangt, ist darum selbst der Befund der Ungleichheit, und Welzer erzählt ihn, ohne den Schluss daraus zu ziehen.
Die Antwort des Staates heißt seit 2024 Startchancen-Programm: rund 4.000 Schulen in schwieriger Lage, das Ziel, die Zahl der Kinder unter den Mindeststandards in Deutsch und Mathematik dort zu halbieren (Kooperationsvereinbarung, Rheinland-Pfalz). Die Evaluation läuft bis 2030 (LIfBi); was bis Herbst 2026 vorliegt, sind Mittelabflüsse, keine Lernstände. Welzers Lehrerinnen und das Programm sind zwei Antworten auf dieselbe Lücke, die eine aus freien Stücken, die andere als Pflicht, und nur die zweite erreicht ein Kind, das keine solche Lehrerin hat.
→ Weiter im Panorama: Sortiert die Schule nach Herkunft?, mit Maas, Bärfuss und Münkler.
Kann eine Gesellschaft großzügig sein?
Bleisch erwähnt, manche hielten es für einen Kategorienfehler, Gesellschaften großzügig zu nennen 29:59, und Welzer antwortet mit seiner stärksten These: Großzügigkeit sei der Kern einer freiheitlichen Gesellschaft, weil sie nur funktioniert, wenn Menschen Chancen eingeräumt werden 30:46. Die Philosophie hat für diesen Streit ein Vokabular. Was über die Pflicht hinausgeht, heißt seit J. O. Urmsons Aufsatz Saints and Heroes (1958) supererogatorisch: gut, lobenswert, aber niemandem geschuldet. Bleisch zieht die Grenze genau dort: Wo ein Recht auf Bildung oder Wohnraum besteht, hat Großzügigkeit keinen Raum 55:21. Den stärksten Grund dafür hat Joel Feinberg in ein Gedankenexperiment gefasst. In seinem „Nowheresville“ sind alle wohlwollend und hilfsbereit, nur hat niemand Rechte, und es fehlt dort nichts außer der Würde, etwas zu fordern, statt darum bitten zu müssen (Feinberg 1970, doi:10.1007/bf00137935). Das ist die Dankbarkeitsschuld, die Krauthausen am selben Tag beschrieb, als Philosophie.
Die Forschung gibt Bleisch hier Gewicht. In einer schwedischen Befragung vertrauten Menschen, die mit bedarfsgeprüften Leistungen zu tun hatten, ihren Mitmenschen weniger, wer mit allgemeinen Institutionen zu tun hatte, mehr (Kumlin & Rothstein 2005, doi:10.1177/0010414004273203). In 30 europäischen Ländern hing das Vertrauen von 2002 bis 2019 nicht an der Höhe der Sozialausgaben, aber an ihrer Form, jedenfalls bei Krankheit: Bedarfsgeprüfte Gesundheitsausgaben gingen mit sinkendem, allgemeine mit steigendem Vertrauen einher (Mewes 2023, doi:10.1177/09589287231217377). Wer als Bittsteller empfängt, wird misstrauischer. Was allen zusteht, verbindet.
Welzers Seite hat ihre eigenen Befunde. Dass ein starker Sozialstaat private Hilfsbereitschaft verdränge, wie oft befürchtet, ließ sich in den europäischen Daten nicht zeigen; wo er großzügig ausgebaut ist, sind die Menschen eher vertrauensvoller und engagierter (van Oorschot & Arts 2005, doi:10.1177/0958928705049159). Der Anspruch macht die Gabe nicht überflüssig. Verdrängen kann sie anderes: In einem schwedischen Feldexperiment halbierte eine Zahlung von 50 Kronen fast die Bereitschaft von Frauen, Blut zu spenden, und durfte man das Geld weiterspenden, verschwand der Effekt (Mellström & Johannesson 2008, doi:10.1162/jeea.2008.6.4.845). Was Mauss über die Schuld der Gabe sagt, steht schon in der Verhärten-Note; die Gabe hat eine eigene Logik, und der Markt beschädigt sie leichter als das Recht.
Am Ende findet Welzer doch einen Begriff, den ungedeckten Vorschuss, der sich nicht auszahlen muss 56:08. Die Verhaltensökonomie misst ihn im Vertrauensspiel, in dem einer Geld weitergibt, ohne zu wissen, ob etwas zurückkommt; über 162 Durchgänge mit mehr als 23.000 Teilnehmenden geben die meisten einen Vorschuss (Johnson & Mislin 2011, doi:10.1016/j.joep.2011.05.007, Meta-Analyse). Luc hat denselben Gedanken für sich notiert: Der Vorschuss ist keine Nettigkeit und kein Heiligenschein, er ist eine Art zu sehen. So gelesen verteilen sich die beiden Positionen, ohne sich aufzulösen. Der Staat schuldet Ansprüche, und wo er sie gewährt, als wären sie Geschenke, beschädigt er das Vertrauen. Großzügig sein können die Menschen in dem Raum, den er sichert. Welzers These trägt, wo „großzügig“ Vertrauen meint, und sie kippt, wo es Gnade meint.
→ Weiter im Panorama: Kann eine Gesellschaft großzügig sein?, mit von Scheliha, Bleisch und Krauthausen.
Faktencheck
32:16. Die Richtung stimmt, der Superlativ ist nicht belegt. Deutschland liegt bei der Kopplung von Herkunft und Kompetenz seit PISA 2000 dauerhaft über dem OECD-Schnitt; die PISA-2025-Ergebnisse vom 08.09.2026, erst nach dem Gespräch erschienen, verschärfen den Befund — die Kluft ist so groß wie nie seit 2000 und wächst gegen den OECD-Trend. Eine Rangliste mit Deutschland auf Platz 1 gibt es nicht; es gehört zur Spitzengruppe. Als Ursache gut belegt ist die frühe Aufteilung nach Klasse 4 (Hanushek & Wößmann 2006, doi:10.1111/j.1468-0297.2006.01076.x). Ohne Superlativ hält die Aussage. Quelle: BMBFSFJ: PISA 2025
31:31. Öffnung der Bildung, Hochschulbau, BAföG 1971, begründet mit dem urteilsfähigen Bürger — belegt, und in den Jahrgängen der Expansionsära sank die Herkunftsungleichheit tatsächlich (Breen, Luijkx, Müller & Pollak 2009, AJS, acht Länder, doi:10.1086/595951). Vereinfacht ist die Zuschreibung an Brandt allein: Picht schrieb 1964 über die „Bildungskatastrophe“, Dahrendorf 1965 „Bildung ist Bürgerrecht“, viele Hochschulgründungen fallen in Unions-Länder und die Zeit vor 1969.
33:04. Seit 01.07.2026 hat das Grundsicherungsgeld das Bürgergeld abgelöst (Bundestag 05.03.2026), mit härteren Minderungen und wegfallender Karenzzeit beim Vermögen. Ein Detail: „Grundsicherung für Arbeitsuchende“ hieß das SGB II schon seit 2005 — die Umbenennung führt auf den alten Rechtsbegriff zurück. Quelle: Bundesagentur für Arbeit: Grundsicherungsgeld löst Bürgergeld ab
33:04. Eine Wertung, der die Geschichte des Landes deutlich widerspricht: Unter Hartz IV waren bis 2019 Kürzungen bis zur vollständigen Streichung möglich, bis das Bundesverfassungsgericht alles über 30 % für verfassungswidrig erklärte (1 BvL 7/16); der Asylkompromiss von 1993 schränkte das Grundrecht stark ein; die Abschiebungen 2025 (22.787) liegen etwa auf dem Stand von 2018/19. Die Erzählung vom „radikalen Rollback“ braucht eine heile Vergangenheit, die freundlicher gezeichnet ist, als sie war. Dass sich Ton und Richtung seit 2024 verschärfen, ist vertretbar. Quelle: BVerfG, 05.11.2019 · bpb: Asylrecht 1993 · Bundestag hib 112/2026
36:11. Spanien beschloss im Januar 2026 die Legalisierung von rund 500.000 irregulären Migranten, begründet mit dem Arbeitskräftemangel; nach dem Ansturm auf Ceuta Ende Juli nannten 22 Staaten das in einem Brief an die EU-Spitze einen Fehlanreiz. Vereinfacht: legalisiert, nicht „naturalisiert“; nicht die „komplette EU“ (Frankreich, Portugal, Irland, Luxemburg unterschrieben nicht, wenige Tage später erklärten die Innenminister „volle Solidarität“); und es war die siebte Legalisierung in Spanien seit Jahrzehnten. Quelle: Tagesschau, 01.08.2026 · Tagesschau, 04.08.2026
38:29. „Wenn wir jetzt noch anfangen müssen, uns dafür zu entschuldigen, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“ Welzer lässt weg, was Merkel gleich danach sagt: „Wir brauchen Kontrollen, wir brauchen einen Überblick, wer bei uns einreist“ — zwei Tage zuvor hatte Deutschland Grenzkontrollen eingeführt. Bei Merkel steht die Großzügigkeit neben der Kontrolle. Quelle: Bundesregierung: Mitschrift Merkel/Faymann, 15.09.2015
35:25. Die Daten stützen kein Pauschalurteil: Neun Jahre nach dem Zuzug sind 64 % der 2015 gekommenen Schutzsuchenden beschäftigt (Gesamtbevölkerung 70 %), bei den Männern 76 %, bei den Frauen 35 %. Gemessen an der Arbeit weitgehend gelungen, mit einer großen Lücke bei den Frauen — beide Lager kürzen das für ihre Erzählung. Quelle: IAB-Kurzbericht 17/2025
40:02. Gut belegt ist, dass die Verlagerung der Verantwortung auf den Einzelnen aktiv vorangetrieben wurde — ExxonMobil deutete Klimaverantwortung systematisch zur Sache der Verbraucher um (Supran & Oreskes 2021, One Earth, doi:10.1016/j.oneear.2021.04.014). Die Diagnose „wir waren zu unpolitisch“ blendet aber die stark politisierte Phase von Fridays for Future 2019 aus, und sie fällt auf Welzer selbst zurück: Die NZZ warf Selbst denken (2013) zwölf Appelle an den Einzelnen vor. Er sagt ausdrücklich „wir“ — Selbstkritik. Eine Spannung bleibt: Ab 49:11 verteidigt er das Kleine gegen die „guten alten Linken“ — dieselbe Logik, die er zehn Minuten vorher Sedativ nennt.
5:26. Ehrlich, aber neben dem eigenen Werk: Klimakriege (2008) hat ein Kapitel über „die Erosion der Demokratie“. Gewarnt hat er, erwartet hat er es offenbar nicht. Er trennt selbst sauber: Seine Suche gilt dem Potenzial, die Hoffnung ist eine andere Frage. Kein strategischer Widerspruch — eher ein Denker, der sich bei der eigenen Gewissheit ertappt, und gerade das macht die Aussage glaubwürdig. Quelle: Perlentaucher: Welzer, Klimakriege
21:31. Polemik, kein prüfbarer Claim; als Absolutaussage nicht haltbar. Der Gedanke, dass Nachfrage erst erzeugt wird, ist eine ernsthafte ökonomische Debatte (Galbraiths „Dependence Effect“). Das empirische Körnchen stimmt: Neuwagen in Europa werden etwa alle zwei Jahre einen Zentimeter breiter, getrieben vor allem von SUVs. Keine unabhängige Quelle für die Wertungen gefunden.
53:48. Welzer ist Mitgründer und Direktor von FUTURZWEI; das Portal „Wohnzimmer der Gesellschaft“ startete Ende 2025, Das Haus der Gefühle erschien 2025 bei S. Fischer, Rosas Situation und Konstellation stimmt. Gegenstimme: Isolde Charim kritisierte das Wohnzimmer-Projekt im Falter als „Dorfidyllen-Nostalgie“, Welzer antwortete. Quelle: Falter: Ist die Demokratie mit Dorfidyllen-Nostalgie zu retten?
Bleisch, 43:50. Nikomachische Ethik IV,1: Freigebigkeit ist die Mitte zwischen Verschwendung und Knauserei. Quelle: Aristoteles, Nikomachische Ethik IV
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
- Utopie-Konferenz der Leuphana Universität Lüneburg — Programm und alle Gäste der Konferenz 2026 „Großzügigkeit, eine Utopie?“ (26.–28.08.2026, über 1.500 Teilnehmende, mehr als 80 Gäste)
Im Gespräch genannt:
- Harald Welzer: Das Haus der Gefühle (S. Fischer 2025) — Bleisch bezieht sich auf die Workshops, in denen Studierende Gegenwartsutopien gestalten
- Hartmut Rosa: Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums (Suhrkamp 2025) — das Beispiel vom Zugkontrolleur ohne Ermessen
- Ezra Klein und Derek Thompson: Abundance (2025) — Bleischs Beispiel für eine Politik der investierenden öffentlichen Hand
- Aristoteles: Nikomachische Ethik — Großzügigkeit als Mitte zwischen Geiz und Verschwendung (Buch IV)
- Angela Merkel, Pressekonferenz mit Werner Faymann, 15.09.2015 — „… dann ist das nicht mein Land“
- FUTURZWEI: Portal Wohnzimmer der Gesellschaft — Orte analoger Begegnung; zur Debatte darum Falter, 04.08.2026
Aus dem Faktencheck
- Breen u. a. 2009, Nonpersistent Inequality in Educational Attainment — die Bildungsexpansion senkte die Herkunftsungleichheit tatsächlich
- Supran & Oreskes 2021 — Individualisierung der Klimaverantwortung als Industriestrategie
- IAB-Kurzbericht 17/2025 — die Geflüchteten von 2015 nach neun Jahren
- Falter: Isolde Charim zum „Wohnzimmer der Gesellschaft“ — Gegenstimme zum Nostalgie-Motiv
Verbindungen
→ Göpel, Bleisch, El-Mafaalani, Schmitt — Verhärten. Überall. Und nun?
Am Morgen desselben Tages hat Bleisch die These aufgestellt, die sie Welzer am Nachmittag vorlegt: Großzügigkeit keimt dort, wo wir aufhören, in der Gerechtigkeitskategorie zu denken. Im Quartett erklärt El-Mafaalani mit Tocqueville, warum mehr Gerechtigkeit mehr Konflikt erzeugt. Welzer gesteht, diesen Rollback nicht erwartet zu haben, und erklärt ihn mit der Entpolitisierung der eigenen Szene. Beide Diagnosen schließen einander nicht aus, die eine sieht den Gegenschlag als Preis des Fortschritts, die andere als Folge vergessener Gegner.
→ Susanne Boshammer — Was heißt verzeihen?
Die Schwester-Note derselben Konferenz zeigt, wie das Gespräch hätte laufen können, wenn der Gast die Unterscheidung annimmt. Boshammer zieht in den ersten Minuten die Linie, die Welzer verweigert: Gerechtigkeit regelt Ansprüche, Großzügigkeit beginnt, wo sie enden, und sie hat zwei Gesten, gewähren und verzichten. Auch Welzers Euro bekommt dort ein Gegenstück: Verzeihen ist die Großzügigkeit, für die man nicht reich sein muss.
→ Simone Weil — Aufmerksamkeit, die seltenste Großzügigkeit
Als Bleisch ihn nach seiner gelebten Großzügigkeit fragt, nennt Welzer sein Interesse an Menschen, die von den meisten abgewertet werden. Das ist, ohne das Wort, Weils Aufmerksamkeit, die Bleisch am Morgen die seltenste und reinste Form der Großzügigkeit nannte. Bei Weil ist sie eine Übung im Leerwerden; bei Welzer bleibt sie Neugier. Der Unterschied ist, wer im Mittelpunkt bleibt.
→ Henrike von Scheliha und Aladin El-Mafaalani — Minderheitenschutz für Kinder?
Die Juristin sagt auf derselben Konferenz, was Bleisch Welzer am Ende entgegenhält: Rechte dürfen nicht von Großzügigkeit abhängen. Welzers „großzügiger Staat“ der Bildungsexpansion ist aus von Schelihas Sicht ein Staat, der Ansprüche einlöst. Wer ihn großzügig nennt, macht ihn widerrufbar.
→ Gabriel Yoran — Die Entkrempelung der Welt
Beide halten die Rede vom Kundenwunsch für eine Ausrede der Anbieter. Yoran will darum eine demokratische Bedürfnisdebatte, die den Einzelnen entlastet; Welzer erklärt die Bedürfnisse für erfunden und nennt den Verbandsmann einen Idioten. Dieselbe Diagnose, zwei Temperaturen, und nur eine davon lädt die Leute ein, die mitreden müssten.
→ Hartmut Rosa — Resonanz und Unverfügbarkeit
Bleisch bringt Rosas neues Buch über das Verschwinden des Spielraums ins Gespräch, Welzer antwortet mit dem Zugbegleiter und dem „P-Wort“. Rosa beschreibt die Konstellation, die das Ermessen frisst; Welzer sucht die Ritzen, in denen Menschen trotzdem Situationen schaffen. Seine Gegenwartsutopien sind Resonanzmomente, die man sammelt, weil man sie nicht herstellen kann.
→ Mark Benecke — Fragerunde: Time Is Up 2026
Die Aktivistin Pöttinger beschreibt dort eine Klimabewegung, die schrumpft, und setzt auf Klassenpolitik statt Konsumkritik. Welzer kommt von der anderen Seite zum selben Befund: Die Entpolitisierung habe wie ein Sedativ gewirkt, die Individualisierung („erst bei mir selbst anfangen“) gehöre dazu. Er benennt die Interessen, sucht die Antwort aber weiter im Kleinen.
→ Was macht Schule mit uns? — Sortiert die Schule nach Herkunft?
Welzers Satz von der höchsten Bildungsungleichheit des Westens trifft auf den Sachstand im Panorama: PISA 2025 misst eine der größten Herkunftslücken der OECD, ob die größte, ist eine andere Frage. Seine Lehrerinnen, die ihm halfen, obwohl sie nicht mussten, sind die Kehrseite derselben Statistik, die Großzügigkeit Einzelner dort, wo das System sortiert.
Weiterdenken
- Welzer sammelt Gegenwartsutopien, um nicht schlechte Laune zu bekommen. Wann wird aus dem Schmetterlingssammeln ein Trost, der die Frage nach den Gegnern, die er selbst als vergessen beklagt, wieder vertagt?
- Er nennt die Bildungspolitik der Brandt-Jahre großzügig, Bleisch nennt Bildung ein Recht. Gewinnt eine Forderung an Kraft, wenn man sie Großzügigkeit nennt, oder verliert sie den Boden, auf dem man sie einklagen kann?
- Wenn die „Supervorträge“ nicht getragen haben — warum soll ein Gespräch über Großzügigkeit auf einer Konferenz mehr tragen? Und was unterscheidet die eine junge Person, die einen anderen Weg geht, von dem Zuhörer, der seinen Anstoß in einem Bildungserlebnis fand?
- Der Verbandsmann sagt, die Kunden wollten die großen Autos, Welzer sagt, niemand wollte sie je. Wer von beiden traut den Menschen weniger zu?
- Und du: Wo hast du zuletzt etwas getan, das „nicht in der Konstellation stand“, und hast du es selbst großzügig genannt?
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