GedankenraumHerfried Münkler — Die Sehnsucht nach Ordnung
Angst sucht sich ihre Gegenstände selbst, und gegen sie ist die Mitte machtlos: Münkler über eine Sehnsucht nach Ordnung, die eigentlich Sorglosigkeit meint.
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Edvard Munch — ein Feldweg über einen welligen Hang, darüber ein Himmel in Blutorange und Violett, der sich in Wellen biegt. Eine lose Reihe von Menschen in dunklen Mänteln zieht vom Betrachter weg, einer nach dem anderen, hinauf zu einem kleinen grauen Säulenbau, in dem ein warmes Licht brennt. Er ist das Einzige im Bild, das gerade Linien hat. Munch, weil er die Angst gemalt hat, die keinen Gegenstand braucht — und das ist Münklers These: Die Angst sucht sich ihren Gegenstand, und die Ordnung am Horizont verspricht Schutz vor einer Welt, in der nichts mehr gerade steht. Die Vita trägt Kiefer, die Note Munch.
Prompt: Wide 1200x500 panoramic banner painted in the manner of Edvard Munch's 'Anxiety' and 'Evening on Karl Johan' — expressionist oil painting, loose visible brushstrokes, flat undulating forms, muted palette of blood-orange, ochre and violet sky over deep blue fjord water. An unpaved earthen country path curves from the lower left toward the right horizon. A loose procession of small figures in dark coats and hats walks away from the viewer along the path, seen from behind and in three-quarter profile, a few pale faces turned back over their shoulders with quiet unease — human, melancholic, not grotesque. Far away on a low hill at the end of the path stands a small, rigid, perfectly symmetrical grey colonnade drawn with hard straight lines, the only straight geometry in the swirling landscape, with a faint warm light glowing between its columns. The whole sky and land bend in waves toward it. Mood: formless dread and the longing for shelter. No road markings, no asphalt, no text, no flags, no uniforms, no symbols, painterly, not photorealistic.
Angst sucht sich ihre Gegenstände selbst, und gegen sie ist die Mitte machtlos. So erklärt Herfried Münkler, warum Menschen in offenen Gesellschaften nach dem starken Mann rufen: Der Fortschrittsglaube, der zwei Jahrhunderte lang die Angstwellen dämpfte, hat sich aufgelöst. Neun Tage nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt spricht der Ideenhistoriker über Volk und Demagogen, über Gramsci in den Händen der Neuen Rechten, über das Los als Schule des Urteils — und über eine Sehnsucht nach Ordnung, die in Wahrheit eine nach Sorglosigkeit ist. Man bekommt einen scharfen Kopf, der viel erklärt. Man bekommt auch einen Mann, der über die Wähler, die er verstehen will, bisweilen spottet. Beides gehört in diese Note.
Quelle: Autoritäre Zeiten: Die Sehnsucht nach Ordnung (2026) — Körber-Stiftung, KörberForum Hamburg, aufgezeichnet am 15.09.2026 (Internationaler Tag der Demokratie), vierte Veranstaltung der Jahresreihe „Autoritäre Zeiten“
Prof. em. Dr. Herfried Münkler (1951, Friedberg/Hessen) — Politikwissenschaftler und Ideenhistoriker, bis 2018 Lehrstuhl für Theorie der Politik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Promoviert über Machiavelli, habilitiert über die Staatsräson; Begriffe wie die neuen Kriege, postheroische Gesellschaft und Macht in der Mitte stammen von ihm. Zuletzt Welt in Aufruhr (2023) und Macht im Umbruch (2025). 1992 kam er aus Frankfurt an die Ost-Berliner Humboldt-Universität — die DDR-Sozialisation, über die er hier urteilt, hat er zuerst an seinen Mitarbeitern kennengelernt.
Das Gespräch führt Shila Behjat, Juristin, frühere Korrespondentin in London und Indien, heute Journalistin und Kulturredakteurin bei ARTE, Autorin von Frauen und Revolution (2025). Ihr Vater floh als Oppositioneller aus dem Iran. Einführung: Sven Tetzlaff, Leiter des Bereichs Demokratie und Zusammenhalt der Körber-Stiftung.
Die Frage, die vor dem Gespräch steht
4:39 — Bevor Münkler ein Wort sagt, liegt die Frage des Abends schon auf dem Tisch. Sven Tetzlaff zählt die Lage auf — fast drei Viertel der Weltbevölkerung in autokratisch geprägten Staaten, die USA auf dem Weg dorthin, Polen und Ungarn als Beispiele, dass es auch zurückgehen kann —, dann das Ergebnis von Sachsen-Anhalt, neun Tage alt. Und dann stellt er die Frage, die der Abend nicht beantworten wird:
„Was ist eigentlich, wenn Menschen nicht aufgrund eines Mangels an Wissen oder geringer Bildung, sondern aufgrund ihrer klaren Präferenz eine autoritäre Herrschaft bewusst anstreben?“
Hören — 4:39
Die Frage ist unbequemer als alles, was danach kommt. Das übliche Erklärmuster — die Leute wissen es nicht besser, man muss aufklären — setzt voraus, dass Demokratie gewollt würde, wenn man sie nur verstünde. Tetzlaff lässt die Möglichkeit offen, dass sie verstanden und abgelehnt wird. Münkler wird im Lauf des Abends zwischen beiden Antworten pendeln: Mal erklärt er die autoritäre Sehnsucht als Angst, die sich nicht aufklären lässt, mal als Ahnungslosigkeit, die man mit einer Rechnung widerlegen könnte. Den Widerspruch löst er nicht auf. Man sollte ihn beim Lesen im Ohr behalten.
Zwei Hälften einer Verfassung
10:04 — Auf die Frage, was er der Demokratie am Tag der Demokratie sagen würde, antwortet Münkler mit einer Unterscheidung. Die Bundesrepublik sei ein demokratischer Rechtsstaat, und das Wort hat zwei Hälften: den Willen der Bevölkerung, das „voluntative Element“, und die Leitplanken des Grundgesetzes, der Menschen- und Bürgerrechte, die festlegen, was dieser Wille wollen darf. Bis ins Paradox zugespitzt:
„…dass man hier nicht wollen kann, was man wollen will.“
Im Gespräch — 10:04
11:36 — Die Verfassungsväter in Philadelphia, die Paulskirche, Hugo Preuß für Weimar und der Konvent auf Herrenchiemsee hätten alle gewusst, dass man den Wählerwillen „ein bisschen filtern“ muss, damit Unvernunft und Ressentiment nicht unmittelbar zu Politik werden. Filter Nummer eins ist die Repräsentation. Andere Filter waren weniger ehrenwert: Liberale wollten das Stimmrecht der Gutsarbeiter verhindern, weil sie ahnten, dass die wählen, was der Gutsherr vorgibt. Das geheime Wahlrecht löste dieses Problem sauberer. Tocqueville, mit dem Trauma der Französischen Revolution im Gepäck, fand in Amerika die checks and balances gegen die „Tyrannei der Mehrheit“.
Münkler verschweigt die Schattenseite nicht. 37:37 Mit der Demokratie in Athen endete die Großzügigkeit bei der Einbürgerung, weil der Demos, der jetzt Geld verteilte, unter sich bleiben wollte. Je direkter die Demokratie, desto länger dauert die Selbstprivilegierung — Appenzell ist sein Beispiel. Das ist die stärkste Figur des Abends: Der Rechtsstaat schützt die Demokratie auch vor ihrem eigenen Demos.
Man muss aber sehen, wo Münkler dabei steht. Philip Manow hat im Auftakt derselben Körber-Reihe genau diese Haltung beschrieben und ihr einen Namen gegeben, den er von der Verfassungsrichterin Gertrude Lübbe-Wolff borgt: Demophobie, die westdeutsche Furcht vor dem Volk als gefährlichem Gesellen. Münkler ist ihr eloquentester Vertreter.
Wenn der Filter die Demokratie schützt — wer schützt die Gefilterten davor, sich dauerhaft ungehört zu fühlen? Und ab wann ist das Gefühl, nicht wollen zu dürfen, was man will, selbst der Treibstoff der Partei, gegen die der Filter gebaut wurde?
Wer „Volk“ sagt
21:34 — Das Wort „Ordnung“ setzt Münkler in Anführungszeichen, so umstritten wie das Wort „Demokratie“. Für die einen ist Demokratie der Volkswille, Grundgesetz egal; Beispiel ist ein FPÖ-Plakat aus dem österreichischen Wahlkampf, das dem Volk zusprach, was im Vaterunser Gott gehört — „Euer Wille geschehe“. Münkler nennt es „erstens blasphemisch und zweitens so tun, als gäbe es das Volk“.
23:05 — Dann kommt der Satz, der den Abend trägt:
„Wer sagt Volk, der hat eine Vorstellung eigentlich von autoritärer Führung, denn das Volk führt sich in der Regel nicht selber.“
Im Gespräch — 23:05
Die Etymologie gibt ihm recht: Der Demagoge ist wörtlich der Volksführer, gebaut wie der Pädagoge, der Knabenführer. Eine pluralistische Demokratie meidet deshalb das Wort und spricht von Gruppen, Interessen, Werthaltungen. Die Parteien der alten Bundesrepublik waren so gebaut, halb Interesse, halb Weltanschauung. Ordnung entsteht dort im mühsamen Wachsen von Kompromissen. Die autoritäre Ordnung dagegen wird von oben ausgerufen: „Sprung auf, marsch, marsch, alles hört auf mein Kommando.“
24:35 — Als J.D. Vance 2025 auf der Münchner Sicherheitskonferenz beklagte, in Deutschland spiele ein großer Teil der Wähler keine Rolle, hätte man ihm, so Münkler, schärfer antworten müssen: Er kommt aus einem Wahlsystem, das 2016 die Stimmenmehrheit für Hillary Clinton „zu nichts gemacht“ hat. Wie man Willensbildung organisiert, ist immer eine Konstruktion. Die Frage ist, welche. Auffällig bleibt, dass Münkler dem Wort „Volk“ misstraut und dem Wort „Bürgerschaft“ vertraut. Beide bezeichnen dieselben Menschen. Der Unterschied liegt darin, ob man sie als Masse oder als Urteilende anspricht.
Sagbar, denkbar, machbar
19:13 — Behjat fragt, wie viel vom Rechtsruck auf mangelnde Geschichtslehren und wie viel auf einen Zeitgeist entfällt, in dem Dinge sagbar geworden sind, die vor ein paar Jahren nicht sagbar waren. Münkler antwortet mit einer Kette:
„Die Veränderung des Sagbaren ist zugleich eine Veränderung des Denkbaren und am Schluss steht eine Veränderung des Machbaren.“
Hören — 19:13
Die Kette stammt von Antonio Gramsci, dem italienischen Kommunisten, der im faschistischen Gefängnis über kulturelle Hegemonie nachdachte. 20:00 In den Siebzigern und Achtzigern las ihn die Linke. Dann lasen ihn die Rechtsnationalen, gründlicher. Münkler zeigt auf das Umfeld des Instituts für Staatspolitik in Schnellroda, wo man Texte darüber geschrieben habe, dass man zuerst die kulturellen Strukturen der Republik verändern müsse, um danach die Machtverhältnisse zu verändern.
20:46 — Das Bild dazu kommt aus dem Ersten Weltkrieg, unter dessen Eindruck beide schrieben. Lenin dachte die Revolution als Durchbruchsschlacht, den einen großen Vorstoß. Gramsci setzte den Stellungskrieg dagegen, das zermürbende Ringen um jeden Graben der Kultur. Das erklärt, warum sich die Verschiebung der letzten zehn Jahre so leise anfühlte. Es gab keinen Tag, an dem etwas kippte. Es gab tausend Tage, an denen ein Wort etwas normaler wurde.
Die Einsicht hat eine unbequeme Rückseite, die Münkler nicht ausspricht. Wenn das Sagbare das Machbare vorbereitet, dann ist jede Debatte über die Grenzen des Sagbaren schon Teil des Stellungskriegs — auch die Empörung, die ein Tabu verteidigt und es dabei vergrößert.
Angst sucht sich ihre Gegenstände
46:46 — Der Sachsen-Anhalt-Monitor 2025 hat gefragt, ob sich die Menschen eine starke Persönlichkeit wünschen, auf die die Macht zuläuft; viele haben ja gesagt. Behjat verweist auf Gideon Rachmans The Age of the Strongman. Münkler hält die Erklärung für „relativ einfach“ und holt dafür zwei Wörter auseinander, die wir im Alltag verwechseln. Seit Kierkegaard, aufgegriffen von Freud, gilt: Furcht hat einen Gegenstand. Angst hat keinen.
„Angst ist eine Disposition, die sucht sich im Nachhinein die Objekte, die sagen, ja, das macht mir Angst und jenes macht mir Angst.“
Im Gespräch — 46:46
47:32 — Die Objekte sind austauschbar: Überfremdung, Identitätsverlust, was gerade hochgeschossen wird. Langzeitstudien zeigen, wie die Angstgegenstände wechseln, während die Angst bleibt. Politik kann mit Furcht umgehen. Wer Putin fürchtet, dem kann man Abschreckung anbieten; wer um den Arbeitsplatz fürchtet, dem Umschulung, soziale Abfederung, ein Autowerk, das Rüstung baut. Der Angst dagegen steht die Mitte „ziemlich hilflos“ gegenüber. Wer Angst hat, flüchtet wie ein Kind zu Mama, Papa, Onkel, in eine Mischung aus Stärke und Empathie. Hier liegt der Ort, an dem der Starke gewählt wird.
49:49 — Im Spätmittelalter kam die Angst in Wellen, apokalyptisch, und führte zu Aufständen. Seit dem 19. Jahrhundert blieben die Wellen aus, weil an die Stelle des Gottvertrauens etwas anderes trat. Münkler betont das Wort:
„Fortschrittsglaube … war so etwas wie eine Angstblockade.“
Im Gespräch — 49:49
50:34 — Dieser Blocker hat sich in den letzten dreißig Jahren aufgelöst, vielleicht schon seit dem Club of Rome. Der Satz „unseren Kindern wird es einmal besser gehen“ gilt vielleicht noch für die Kinder, nicht mehr für die Enkel. Reinhart Koselleck nannte das den Erwartungshorizont, und wenn der sich verdunkelt, verschwindet die mentale Absicherung, dass Demokratie Ordnung schaffen kann.
Das ist die tragende These des Abends, und sie ist stark, weil sie erklärt, warum Sachargumente abprallen. Wer die Angst mit Zahlen zur Kriminalität widerlegt, nimmt ihr nur einen Gegenstand; sie sucht sich den nächsten. Aus Münklers These folgt, dass Demokratie ein Zukunftsversprechen braucht, das niemand gerade im Angebot hat.
Wenn Angst eine Disposition ist, die sich ihre Gegenstände sucht — was hilft dann überhaupt? Ein neuer Fortschrittsglaube, den man kaum verordnen kann? Oder eine Fähigkeit, die Angst selbst zu bemerken, bevor sie sich ein Objekt greift — und wer lehrt die?
Der Aufzug und der Schmied
55:09 — Wie der Fortschrittsglaube im Alltag aussah, sagt Münkler etwas später mit einem Bild. Aufstieg funktioniere „nicht mehr wie mit dem Aufzug, indem man einfach reingeht und dann geht's nach oben“. Man müsse selbst etwas beitragen, „seines eigenen Glückes Schmied“ sein, und die Bereitschaft dazu gehe „scherenförmig auseinander“; die jüngste PISA-Studie zeige es. Das habe mit Politik zu tun, aber auch mit Erwartungshaltung und Sorglosigkeit.
55:56 — Dann nennt er den Kanzler:
„Ihr arbeitet zu wenig … 35-Stunden-Woche ist vorbei, wir müssen zur 40-Stunden-Woche zurückkehren — und der Merz hat's nur miserabel kommuniziert.“
Hören — 55:56
In der Sache, sagt Münkler, habe Merz „die Realität gut beschrieben“. Zwei Behauptungen liegen hier ineinander, die man trennen sollte. Dass die Bereitschaft, in Bildung und Aufstieg zu investieren, sozial auseinanderläuft, ist ein Befund; PISA misst den Einfluss der Herkunft seit Jahren. Dass die Deutschen zu wenig arbeiten, ist eine andere Behauptung, und sie hält der Arbeitszeitrechnung schlecht stand: Gesunken ist die Stundenzahl pro Kopf, weil mehr Menschen arbeiten, viele davon in Teilzeit; die Summe aller Stunden ist fast dieselbe wie 1991 und verteilt sich auf sieben Millionen Menschen mehr (→ Das Glück des Schmieds). Und das Bild vom Aufzug hat eine zweite Seite: Bleibt ein Aufzug stehen, sagt das zuerst etwas über den Aufzug.
Der Blick von Westen
13:53 — Vor zehn Jahren, sagt Münkler, habe er noch geschrieben, die Deutschen seien durch die Auseinandersetzung mit dem NS gegen den Rechtspopulismus immunisiert. Das könne man so nicht mehr sagen. Seine Erklärung für den Abstand zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt: Im Westen habe die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus Spuren darin hinterlassen, „was man wollen darf“. Die DDR habe den NS als Faschismus verbucht, als Triumph des Kapitals über die Arbeiterklasse, und sich mit Rassismus und Volksgemeinschaft nie auseinandersetzen müssen. 15:25 Seine erste Frage an die neuen Ost-Berliner Mitarbeiter 1992 lautete, wie die Nationale Volksarmee Uniformschnitt und Stechschritt der Wehrmacht übernehmen konnte, während die Bundeswehr nie im Paradeschritt marschierte.
17:41 — Dann die Demografie: Sachsen-Anhalt ist das älteste Land, weil die Jungen gingen, vor allem die gut ausgebildeten Frauen. Bis hierhin ist das Analyse. Danach kippt der Ton. Die zurückgebliebenen Männer hätten entweder Randale gemacht oder:
„…sie saufen sich voll und fressen sich voll und sie werden dadurch natürlich körperlich nicht besonders attraktiv.“
Im Gespräch — 17:41
Jetzt seien sie pflegebedürftig und wählten Remigration, also die Vertreibung derer, die sie pflegen würden. Später nennt er die mobilisierten Nichtwähler 73:29 „die ewigen Eckensteher, Rummotzer, Schimpfer“. Der Saal lacht an einigen Stellen mit.
80:18 — Den stärksten Einwand des Abends bringt eine Zuhörerin, in der DDR geboren. In ihrer DDR-Grundschule sei Faschismus jede Woche Thema gewesen, im bundesdeutschen Gymnasium danach kein einziges Mal. Und die Zahlen: Die über 70-Jährigen, also die in der DDR Sozialisierten, wählten in Sachsen-Anhalt zu 31 Prozent AfD, die 35- bis 59-Jährigen zu 52 Prozent. Wenn die DDR-Schule das Problem wäre, müsste es umgekehrt sein. Münkler antwortet mit dem Begriff: Wer „Faschismus“ sagt statt „Nationalsozialismus“, habe über Kapital und Arbeit gelernt, nicht über Ausgrenzung. Auf die Altersdaten geht er nicht ein.
Beides kann gleichzeitig stimmen. Die DDR-Deutung des NS war tatsächlich verkürzt. Die Wähler aber, die die AfD mit 43,8 Prozent zur stärksten Kraft machten, sind überwiegend im Umbruch nach 1990 erwachsen geworden, in Abwanderung und Deindustrialisierung. Die Forschung hält beide Spuren offen: Ältere Ostdeutsche zeigen mehr nativistische Einstellungen, wählen aber treuer CDU und SPD (→ Faktencheck). Die Spottbilder schwächen seine Analyse. Wer erklären will, warum Menschen einem Angebot folgen, das er für unvernünftig hält, verliert mit dem Spott genau die Menschen, die er erklärt.
Kann man jemanden verstehen, über den man lacht? Und was sagt es über den Saal, der mitlacht, wenn der Satz über „die da drüben“ fällt — ist das nicht dieselbe Bewegung von Oben und Unten, die Münkler den Autoritären vorwirft?
Warum niemand kämpft
55:56 — Der persönlichste Moment gehört Behjat. Am Wahltag hat sie mit ihrem Vater telefoniert, der einst als Oppositioneller aus dem Iran floh. Er sagte zuerst, vielleicht müsse er sein Land ein zweites Mal verlassen. Und dann verstand er nicht, warum die Menschen hier nicht für die Demokratie kämpfen — wo es doch nicht einmal gefährlich sei. Im Iran gehen Menschen dafür unter Einsatz ihres Lebens auf die Straße. Braucht es die Abwesenheit der Demokratie, damit man für sie aufsteht?
57:26 — Münkler spitzt die Frage noch zu:
„Die Erfahrung der Dysfunktionalität autoritärer Regime ist die Voraussetzung einer hohen Bereitschaft, sich für Demokratie einzusetzen.“
Im Gespräch — 57:26
Sein Beispiel ist 1989, und er erzählt es gegen den Strich. Die DDR sei an ihren Schulden zerbrochen, nicht an der Sehnsucht nach Freiheit: Honeckers Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik war nicht mehr finanzierbar, auch nicht mit dem Milliardenkredit, den Franz Josef Strauß vermittelt hatte. Auf der Straße sei allenfalls ein Zehntel der Bevölkerung gewesen. Nach Gorbatschows Signal, jedes Land gehe seinen eigenen Weg, habe die Führung in der entscheidenden Nacht die Telefone nicht abgenommen, sodass ein Oberstleutnant an der Bornholmer Straße allein entschied, den Schlagbaum zu öffnen.
61:17 — Die Erzählung aber lautete: Wir haben den Staat gestürzt. Daraus, so Münkler, wurde ein Syndrom. Der fürsorgende Staat, „eine große Mutter“, erscheint rückblickend billiger und besser, und „Wir sind das Volk“ lässt sich umdrehen gegen das neue Regime. 62:51 Dieses Syndrom sei „so gepanzert, dass man es eigentlich nicht über sich selbst aufklären kann“.
Hier widerspricht Manow am deutlichsten. Für ihn ist „Wir sind das Volk“ keine Legende, sondern eine echte ostdeutsche Demokratieerfahrung: dass das Volk etwas ausrichten kann. Münkler entwertet diese Erfahrung als Mythos, Manow nimmt sie ernst. Das eine Zehntel auf der Straße bleibt dabei wahr — und es bleibt wahr, dass diese Minderheit den Mut aufbrachte, den Behjats Vater heute vermisst.
Die Schule der Urteilsfähigkeit
28:26 — Wenn es bei Münkler eine Hoffnung gibt, heißt sie Urteilsfähigkeit. Den Vorwurf, Parteien hielten ihre Versprechen nicht, hält er für „eigentlich Blödsinn“: Wahlaussagen gelten unter der Bedingung einer absoluten Mehrheit, und die gibt es kaum noch. Selbst mit sechzig Prozent hätte die AfD ihre Landesversprechen nicht finanzieren können, eine Rente von siebzig Prozent des letzten Bruttolohns schon gar nicht, denn Rente ist Bundessache (Faktencheck: vereinfacht — das Versprechen stammt aus dem AfD-Bundesprogramm 2025, nicht aus dem Landesprogramm). Friedrich Merz bekommt denselben Tadel. Mit seinen Ankündigungen für den ersten Amtstag habe er getan, als sei der Kanzler ein amerikanischer Präsident oder der CEO eines Konzerns.
„Im Prinzip hängt Demokratie natürlich letzten Endes an der Urteilsfähigkeit der Bürgerschaft.“
Im Gespräch — 28:26
68:09 — Wo wird dieses Urteil geübt? Früher in den Parteien. Für ihre aktiven Mitglieder waren sie „Orte der Schulung von Urteilsfähigkeit“: im kleinen Kreis abwägen, Vorteile, Nachteile, Kompromiss. Seit 1990 haben die Volksparteien die Hälfte ihrer Mitglieder verloren. An ihre Stelle trat, was Marina Münkler Plattformdemokratie nennt, das Dauerplebiszit am Bildschirm, gesteuert von Algorithmen und den Leuten dahinter. Dort übt niemand Kompromisse, jeder bleibt in seiner Blase.
70:25 — Direkte Demokratie ist für Münkler keine Antwort. Seine alte Prüfungsfrage in der Lehrerausbildung lautete, wann es in der deutschen Geschichte die meisten Volksabstimmungen gab. Die Antwort: in der NS-Zeit, mit Ergebnissen um die 90 Prozent Ja und mehr. Sein Vorschlag geht in eine andere Richtung — die Gleichheit ernst nehmen und bestimmte Gremien auf kommunaler Ebene per Los besetzen, mit Amtszwang wie in manchen Schweizer Kantonen (Faktencheck: vereinfacht — dort gilt der Zwang für Gewählte, gelost wird nicht):
„Das hat den Charme, dass relativ viele Großmäuler plötzlich sehr viel kleiner werden.“
Im Gespräch — 70:25
71:57 — Wer damit rechnen muss, über Kindergarten oder Altenheim zu entscheiden und die Entscheidung zu vertreten, fängt vorher an zu denken. Die bestehenden Bürgerräte findet er „völlig sinnlos“, solange sie über Ernährung beraten, die Experten ohnehin evaluieren. Wie weit sein Misstrauen gegen das Plebiszit reicht, zeigt erst die Publikumsrunde (→ unten).
Das Los ist ein schöner Gedanke mit einer Lücke, auf die Manow zeigt: Einen gelosten Rat kann niemand abwählen. Und das Misstrauen gegen das Plebiszit steht in Spannung zu Münklers eigener Hoffnung. Wer dem Volk die Abstimmung nicht zutraut, weil es Denkzettel verteilt, muss erklären, wie es anders als durch Abstimmen lernen soll, keine zu verteilen.
Münkler traut dem gelosten Bürger mehr als dem abstimmenden. Ist es die Verantwortung, die das Los erzeugt, die Überschaubarkeit der Gemeinde — oder schlicht die Tatsache, dass ein Gremium kleiner ist als ein Volk?
Kein Recht auf Sorglosigkeit
74:59 — Am Ende kehrt Münkler zu seinem eigenen Anfang zurück, den Wahlen der späten Sechziger, als die Beteiligung hoch war und es um die Ostpolitik ging. Willy Brandts „mehr Demokratie wagen“ werde meist harmlos zitiert. Der Emigrant Brandt aber habe gewusst, dass Weimar auf demokratischem Weg endete. Demokratie sei ein Wagnis, „vielleicht die anstrengendste und anspruchsvollste Verfassungsform, die es gibt“. Und die Sehnsucht nach Ordnung, nach der einen Partei, sei in Wahrheit etwas anderes:
„In der Demokratie gibt es in diesem Sinn kein Recht auf Sorglosigkeit.“
Im Gespräch — 74:59
75:45 — Wer Sorglosigkeit verspricht — der Führer macht das schon —, dem folgt die Rechnung. Die Russen würden sie noch sehen, die Deutschen sahen sie 1945. Man hätte ihnen, sagt Münkler, das Wort „Das haben wir nicht gewollt“ nie durchgehen lassen dürfen. Es sei das Eingeständnis, mit der Demokratie überfordert gewesen zu sein, weil man sich Stimmungen hingab, statt sich Gedanken zu machen.
84:51 — Ob er optimistisch sei? Wäre er pessimistisch, wäre er nicht gekommen. Optimistisch sei er aber auch nicht:
„Zuversicht muss jeden Tag neu erarbeitet werden.“
Im Gespräch — 84:51
Optimismus nennt er eine Form „erschlafften Denkens“. Den Schluss bildet ein Gedankenexperiment. 92:29 Auch die NSDAP hatte im November 1932 einen Knick. Hätte man durchgehalten, statt Hitler zum Kanzler zu machen, hätte die Faszination vielleicht nachgelassen. Sozialwissenschaftler können das Jahr 1932 nicht wiederholen, „Gott sei Dank“, also bleibt es beim Vergleich. Worauf er den Gedanken anwendet, steht in der Publikumsrunde.
Die Unterscheidung zwischen Zuversicht und Optimismus nimmt den Abend beim Wort. Optimismus wartet ab, Zuversicht ist Arbeit. Das gilt für die Demokratie und für den, der über sie spricht — auch für einen, dem der Spott über die Abgehängten leichter fällt als die Geduld mit ihnen.
Publikumsfragen
Zehn Minuten bleiben dem Saal, vier Fragen kommen durch. Zwei davon treffen Münkler an seinen schwächsten Stellen, und an beiden Stellen antwortet er mit mehr Energie als an jeder anderen des Abends.
„Das ist kein DDR-Problem, sondern ein Versagen der Bundesrepublik“
79:33 — Eine Zuhörerin, in der DDR geboren, in Thüringen an der Grenze zu Sachsen-Anhalt aufs Gymnasium gegangen, widerspricht seiner Eingangsthese. In der DDR-Grundschule sei Faschismus jede Woche Thema gewesen, auf dem Gymnasium nach der Wende kein einziges Mal. 80:18 Die DDR-Lehrer seien von der Bundespolitik allein gelassen worden, mit Geschichtsbüchern aus den Achtzigern, ohne Geld für neue. Und ihre Zahlen: Die über 70-Jährigen wählen zu 31 Prozent AfD, die 35- bis 59-Jährigen zu 52 Prozent — die AfD-Wähler sind gerade nicht die, die DDR-Bildungspolitik durchlaufen haben.
81:49 — Münkler nimmt ihr Wort auf und dreht es gegen sie: „Das Problem haben Sie selber benannt. Sie haben gesagt, Faschismus und Antifaschismus.“ Faschismus sei ein Sammelbegriff für ganz unterschiedliche Bewegungen; wer ihn benutze, rede über Kapital und Arbeit, im Anschluss an Dimitroff, und eben nicht über Rassismus, Ausgrenzung, die Schlägerbanden vor 1933 und den Zerfall des staatlichen Gewaltmonopols. Die DDR habe den NS in die Geschichte des Klassenkampfes eingereiht und sich selbst zum „Sieger der Geschichte“ erklärt. 83:19 Den Altersbefund wischt er mit einem Satz weg: Dann habe die Schule es eben schlecht vermittelt. Und er stellt noch einmal 15 bis 16 Prozent in Niedersachsen gegen das Ergebnis in Sachsen-Anhalt, bevor er zur Abwanderung „der dynamischsten Elemente der Gesellschaft“ zurückkehrt, der gut ausgebildeten Frauen.
Die Antwort ist klug im Begrifflichen und ausweichend im Empirischen. Dass „Faschismus“ den spezifischen Rassenwahn des NS unsichtbar machen kann, ist ein ernstzunehmender Punkt. Die Zahlen der Zuhörerin beantwortet er nicht — und Sherlock bestätigt sie (infratest dimap: 31 zu 53 Prozent). Ihre andere Beobachtung, dass nach 1990 im Osten ausgerechnet die bundesdeutsche Schule das Thema fallen ließ, bleibt ganz ohne Antwort. Sie wäre die Hälfte der Geschichte, die ein westdeutscher Professor, der 1992 nach Ost-Berlin kam, selbst hätte erzählen können.
„Wie optimistisch sind Sie?“
84:05 — Ein Zuhörer will wissen, wie zuversichtlich Münkler ist, dass seine wichtigsten Einsichten noch rechtzeitig bei genug Leuten ankommen. 84:51 Wäre er pessimistisch, wäre er nicht gekommen; optimistisch sei er aber auch nicht. Optimismus sei „eine Form gewissermaßen erschlafften Denkens“, der Glaube, es werde schon alles gut werden. Davon ist er nicht überzeugt: Es hänge „an uns, jedem Einzelnen von uns“, ob die Dinge funktionieren oder ob wir „in eine Reihe von neuerlichen Katastrophen hineingeraten“. Die kürzeste Antwort des Abends ist zugleich seine persönlichste — der Satz über Zuversicht, die jeden Tag neu erarbeitet werden muss, ist auch eine Auskunft darüber, warum ein Fünfundsiebzigjähriger noch in Hamburg auf einer Bühne sitzt.
„Klingt, als wäre der Bürger zu blöd“
85:37 — Eine Aktivistin von Mehr Demokratie Hamburg hält ihm vor, er klinge, als seien die Bürger zu blöd, über Dinge zu befinden. Sie will wissen, ob er auch Volksinitiativen von unten ablehnt, wie Hamburg sie seit dreißig Jahren praktiziert, und ob die Entscheidungen gewählter Vertreter wirklich so viel klüger seien.
86:23 — Grundsätzlich habe er nichts gegen Volksinitiativen, sagt Münkler, nur gegen das Wort: „Bürgerinitiative“ sei ihm sympathischer, weil mit „Volk“ schon ein totalitärer Anspruch geltend gemacht werde. Dann spricht der Politikwissenschaftler: Die meisten Plebiszite außerhalb der Schweiz seien „in die Hose gegangen“, zuletzt die Abstimmungen über den EU-Verfassungsvertrag in Frankreich und den Niederlanden 2005, die zur Denkzettelwahl gegen die eigenen Regierungen wurden (Faktencheck: vereinfacht — die Forschung ist uneins).
87:09 — Die Schweiz sei ein anderer Fall. Dort gleichen Volksabstimmungen aus, dass alle großen Parteien in der Regierung sitzen, eine Konkordanz, „die ganz große Koalition“. Sein Sohn lebt dort und hat ihm die Bücher gezeigt, die vor jeder Abstimmung kommen, mit Argumenten dafür und dagegen. 87:55 Das nennt Münkler tatsächlich Schulung von Urteilsfähigkeit, „der deliberative Prozess, der dem Einzelnen zugemutet wird vor dem Abschluss der Dezision“. 88:41 Aber das koste Zeit, setze einen Habitus voraus, und wer sich nicht damit beschäftigen kann, geht nicht hin — daher die oft niedrige Beteiligung. Die Schweiz könne sich das leisten, klein und außenpolitisch kaum gebunden. Deutschland bräuchte „so eine Zeit von 30 Jahren“, um zu lernen, dass Plebiszite keine Orte für Denkzettel sind. 89:28 Ob wir die Zeit haben, sei eine andere Frage.
Sein Beispiel ist der Berliner Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ von 2021. Wer ihn umsetze, bekomme keine einzige zusätzliche Wohnung, sondern schreibe den Mangel fest und verwalte ihn; am Ende entschieden Zuweisungsämter, wer eine Wohnung bekommt — 90:13 „quasi DDR-Verhältnisse“. Den Fehler sieht er früher: bei „bescheuerten Politikern“, die kommunale Wohnungen an Deutsche Wohnen und andere verkauften, um den Haushalt auszugleichen, weil sie zu schwach für die nötigen Kürzungen waren. 90:58 Die Bestände jetzt zurückzukaufen, „vermutlich zum doppelten Preis“, überfordere die Handlungsfähigkeit Berlins. Er sehe das „leidenschaftslos“, als jemand, der die Geschichte der Plebiszite evaluiert.
Das ist die ehrlichste Passage zu seinem Demokratieverständnis — und die widersprüchlichste. Er erkennt in den Schweizer Abstimmungsbüchlein genau die Schule des Urteils, die er in den Parteien vermisst und mit dem Los herstellen will. Er hält es aber für ausgeschlossen, dass Deutschland diese Schule besucht, weil sie dreißig Jahre dauere. Die Frage der Aktivistin, ob Gewählte klüger entscheiden, beantwortet er dabei unfreiwillig mit Nein: Sein Berliner Beispiel beginnt mit dem Versagen gewählter Politiker, die das Tafelsilber verkauften. Über die Kosten einer Vergesellschaftung ist in Berlin tatsächlich heftig gestritten worden — die Schätzungen von Senat und Initiative lagen um ein Mehrfaches auseinander (Wikipedia — Deutsche Wohnen & Co. enteignen); „leidenschaftslos“ ist an seiner Wortwahl allerdings wenig.
Münkler lobt die Schweizer Abstimmungsbüchlein als Schule des Urteils und hält dieselbe Schule für Deutschland für zu langsam. Wenn die Einübung dreißig Jahre dauert — ist das ein Argument gegen den Anfang oder dafür, heute anzufangen?
„Hört man dann wieder auf, über Demokratie zu reden?“
91:44 — Die Schlussfrage stellt Shila Behjat selbst: Wenn die AfD bei den Wahlen am Sonntag darauf in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern stark wird, aber keinen Erdrutsch schafft — ist das die Gefahr, dass man aufhört, über den Zustand der Demokratie zu sprechen? 92:29 Berlin, sagt Münkler, werde ein Ergebnis bringen, das viele Deutungen offen lässt und eine schwere Regierungsbildung. In Mecklenburg-Vorpommern aber könne Manuela Schwesig vor der AfD durchs Ziel kommen, und das wäre ein Knick. Solche Knicke seien nicht uninteressant: Auch die NSDAP hatte einen, bevor Hindenburg Hitler berief. Die Schill-Partei in Hamburg stieg auf, knickte ein und verschwand. „Ob Frau Weidel sich dafür eignet, weiß ich nicht“ — der letzte Satz des Abends ist eine Pointe.
Fünf Tage später war die Prognose widerlegt: Die AfD gewann in Mecklenburg-Vorpommern mit 38,2 Prozent. Der Abend endete also mit einer Hoffnung, die die Wirklichkeit nicht einlöste. Seine Warnung vor dem erschlafften Optimismus trifft damit, ein paar Minuten später gesprochen, auch den Redner selbst.
Nachbesprechung
Das Video ist hier zu Ende, drei seiner Themen noch nicht. Was man über das hinaus weiß, was Münkler an diesem Abend sagte — und wo es mit anderen Stimmen weitergeht.
Das Los und der Bürgerrat, den er sinnlos nennt
Den Bürgerrat zur Ernährung nennt Münkler „völlig sinnlos“, weil er über Dinge berate, die Experten ohnehin evaluieren. Ein Blick auf das, was die 160 Gelosten im Februar 2024 dem Bundestag übergaben, zeigt etwas anderes. Ganz oben steht ein kostenloses Mittagessen für alle Kinder in Kita und Schule, zur Hälfte vom Bund bezahlt und gegenfinanziert durch den Verzicht auf eine Kindergelderhöhung. Weiter unten eine Mehrwertsteuer von null Prozent auf Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte und von neunzehn auf Zucker, eine Tierwohlabgabe, Energydrinks erst ab sechzehn (BT-Drs. 20/10300). Das sind keine Fachfragen, die ein Gutachten entscheiden könnte. Es sind Abwägungen zwischen Kindergeld und Schulessen, zwischen Freiheit und Fürsorge, genau die Art Entscheidung, die Münkler seinen gelosten Gemeinderäten zumuten will: Kindergarten oder Altenheim.
Seine Hoffnung, wer so entscheiden müsse, fange an zu denken, hat die Begleitforschung bestätigt. Die Evaluation der Universität Wuppertal fand bei den Teilnehmenden deutlich gewachsenes politisches Interesse und mehr Fähigkeit zum Abwägen (IDPF, Evaluationsbericht II, 2025). Auch dass die Großmäuler kleiner werden, lässt sich messen: In „America in One Room“ rückten über 500 amerikanische Wähler nach einem Wochenende gemeinsamer Beratung inhaltlich wie emotional aufeinander zu (Fishkin et al. 2021, doi:10.1017/S0003055421000642).
Sinnlos wurde der Bürgerrat erst hinterher. Umgesetzt ist keine seiner Empfehlungen, und im November 2025 löste die Bundestagsverwaltung die Stabsstelle für Bürgerräte auf. „Der größte Bürgerrat in Deutschland ist das demokratisch gewählte Parlament“, hatte Präsidentin Julia Klöckner vorher erklärt (ZEIT, 11/2025). Was das anrichtet, ist inzwischen im Experiment belegt. Ein Bürgerrat, dessen Empfehlungen übergangen werden, senkt das Vertrauen in das Verfahren unter das Niveau, das es ganz ohne Bürgerrat hätte (van Dijk & Lefevere 2022, doi:10.1111/1475-6765.12523; Germann, Mariën & Muradova 2022, doi:10.1177/00323217221137444). Münkler hat also recht, dass dieser Rat nichts bewirkt hat. Nur liegt es nicht am Thema, sondern an denen, die ihn eingesetzt und dann liegen gelassen haben.
Sein Amtszwang antwortet auf ein echtes Problem. Die meisten, die zu einem Bürgerrat eingeladen werden, sagen ab — aus Scheu vor öffentlichen Treffen, aus dem Gefühl, nicht kompetent genug zu sein, oder weil sie glauben, es ändere ohnehin nichts (Jacquet 2017, doi:10.1111/1475-6765.12195). Beim Bürgerrat Ernährung meldeten sich rund elf Prozent der Angeschriebenen. Das Schweizer Vorbild, das Münkler nennt, trifft nur Gewählte (→ Faktencheck). Das deutsche Vorbild nennt er nicht, obwohl es näher liegt: Rund 60.000 Schöffen urteilen an deutschen Gerichten mit, das Amt ist Bürgerpflicht, wer unentschuldigt fehlt, zahlt ein Ordnungsgeld, und zwei Laien können einen Berufsrichter überstimmen (bpb).
Manows Einwand bleibt: Einen gelosten Rat kann niemand abwählen. Die Praxis weicht ihm aus, indem Bürgerräte fast überall nur beraten, und das wollen die Deutschen auch so (Goldberg & Bächtiger 2022, doi:10.1017/s0007123422000059). Münklers Vorschlag geht weiter, seine Gremien sollen entscheiden. Einen dritten Weg hat Irland gefunden, indem es verband, was Münkler an diesem Abend gegeneinander ausspielt: Geloste Bürger bereiteten die Referenden über die Ehe für alle (2015) und die Abtreibung (2018) vor, entschieden haben alle. Beide gingen deutlich durch. Dass das kein Automatismus ist, zeigte Irland 2024, als die Regierung die Fragen eines Bürgerrats zur Gleichstellung selbst umformulierte und 74 Prozent mit Nein stimmten. In Deutschland wächst das Los derweil dort, wo Münkler es haben will, in den Kommunen: 52 abgeschlossene Losverfahren im Jahr 2025, in Aachen seit 2022 ein ständiger Bürgerrat (Bürgerratsbericht 2025).
→ Weiter im Panorama: Das Los — Bürgerräte in den Kommunen, mit Manow, Bregman, Baberowski, Schwans Entwicklungsbeiräten und dem Bürgerrat, der Marlene Engelhorns Erbe verteilte.
Denkzettel oder Sachfrage — was Abstimmungen messen
Münklers Beispiel für das missratene Plebiszit ist das Nein zur EU-Verfassung 2005 in Frankreich und den Niederlanden, ein Denkzettel für die eigenen Regierungen. Für seine These ist es ausgerechnet das schwächere Beispiel. Beim Maastricht-Vertrag 1992 folgte das Ergebnis in Frankreich und Dänemark tatsächlich der Beliebtheit der Regierung, nicht der Haltung zu Europa (Franklin, van der Eijk & Marsh 1995, doi:10.1080/01402389508425093). Für 2005 kommt die Forschung überwiegend zum Gegenteil: Die Haltung zur EU erklärte das Nein deutlich besser als die Parteibindung (Glencross & Trechsel 2011, doi:10.1080/01402382.2011.572390; siehe auch Hobolt & Brouard im Faktencheck). Beides kommt also vor. Je sichtbarer und härter eine Kampagne geführt wird, desto eher stimmen die Menschen über die Sache ab.
Die Bücher, die sein Sohn ihm in der Schweiz gezeigt hat, gibt es seit 1972. Der Ständerat hatte amtliche Erläuterungen fast hundert Jahre lang als „amtliche Einseiferei“ und Bevormundung abgelehnt; durch kamen sie erst, als man die seit einem Jahr stimmberechtigten Frauen für politisch unerfahren hielt (NZZ, 04.09.2022). Heute geht das Abstimmungsbüchlein in gut fünf Millionen Exemplaren an alle Haushalte und ist für Stimmende aller Lager und Altersgruppen die wichtigste Informationsquelle (DeFacto 04/2025). Auch die niedrige Beteiligung stimmt, sie liegt im Jahresmittel um 44 Prozent (BFS). Hamburg zeigt, was das bedeutet: Der „Zukunftsentscheid“ zur Klimaneutralität 2040 gewann im Oktober 2025 mit 53,2 Prozent und ist verbindlich — getragen von 23,2 Prozent der Stimmberechtigten.
Ob die Schweiz dabei eine Schule der Urteilsfähigkeit ist, wie Münkler meint, beantwortet die Forschung vorsichtiger. In 34 Schweizer Abstimmungen verstanden die meisten Stimmenden die Argumente; was fehlte, war eher die Motivation als die Fähigkeit (Colombo 2016, doi:10.1017/S0007123416000090). Dass direkte Demokratie ihre Bürger über die Jahre kundiger und zufriedener macht, findet ein Review über 67 Studien dagegen nur schwach, und mit abnehmender Tendenz (Bernhard 2024, doi:10.3389/fpos.2024.1287330). Vorsichtig gelesen verschiebt das seine dreißig Jahre: Die Bürger können mehr, als er ihnen zutraut, aber sie lernen durch das Abstimmen weniger dazu, als er hofft.
Seine Prüfungsfrage aus der Lehrerausbildung hält. Die Volksabstimmungen der NS-Zeit endeten mit 95 Prozent (Austritt aus dem Völkerbund, 1933), 89,9 Prozent (Hitler als Staatsoberhaupt, 1934) und 99 Prozent (Anschluss Österreichs, 1938); die „90 Prozent und mehr“ sind eher die Untergrenze. Das Recht, sie anzusetzen, hatte sich das Kabinett im Juli 1933 selbst gegeben (Wikipedia). Darin liegt der Unterschied zu dem, wonach die Aktivistin von Mehr Demokratie gefragt hatte: Jede dieser Abstimmungen kam von oben, keine von unten.
Und sein Berliner Beispiel wird gerade Tagespolitik. Heute vor fünf Jahren, am 26. September 2021, stimmten 59,1 Prozent der gültigen Stimmen für „Deutsche Wohnen & Co enteignen“, über eine Aufforderung an den Senat, die rechtlich nicht band. Vergesellschaftet ist bis heute keine Wohnung; ein Rahmengesetz vom März 2026 gilt erst ab 2028 (entwicklungsstadt, 09/2026). Münkler hat recht, dass die Vergesellschaftung keine einzige zusätzliche Wohnung schafft; das war allerdings auch nie ihr Ziel, sie ändert das Eigentum, nicht den Bestand. Am 20. September 2026 gewann die Linke die Berliner Wahl mit genau diesem Thema, am 21. bekräftigte Kanzler Merz ein Bundesgesetz, das Enteignungen großer Wohnungsunternehmen verbieten soll — beschlossen hatte es der Koalitionsausschuss schon am 2. Juli (rbb24, 02.07.2026) — gegen die Bedenken der eigenen Justizministerin (tagesschau, 21.09.2026). Die Frage, die der Abend offenließ, stellt sich damit neu: Wie bindend ist eine Abstimmung, die nicht bindet?
→ Weiter im Panorama: Was kann direkte Demokratie — und was nicht?, mit sechs Lesarten desselben Berliner Entscheids, Wesche, Semsrott, Varoufakis' übergangenem Nein und den Briten, die den Brexit bereuen, aber kein neues Referendum wollen.
Wer den Hammer hat
Merz' Appell, den Münkler in der Sache verteidigt, und sein Bild vom Aufzug führen in eine eigene Frage: Wer hat eigentlich den Hammer, wer den Amboss? Pro Kopf arbeitet in keinem OECD-Land ein Erwerbstätiger so wenige Stunden wie in Deutschland; insgesamt leisteten 2025 aber 46 Millionen Menschen fast dieselben Stunden wie 1991 38,9 Millionen (IAB). Und der Aufzug, dessen Stillstand Münkler beklagt, lief in Deutschland länger als in den USA: Zwei Drittel der Söhne der Jahrgänge 1955 bis 1975 verdienten real mehr als ihre Väter (Stockhausen 2021, doi:10.1007/s10888-021-09483-w).
→ Weiter im Panorama: Das Glück des Schmieds, mit Bücker, Höfgen, Dalio, Bude und Bärfuss, und der Frage, ob Sicherheit träge macht. Den Berliner Entscheid in der Sache, jenseits des Verfahrens, verhandelt Schöner Wohnen.
Münkler sieht die Schule des Urteils im Schweizer Büchlein und im gelosten Gemeinderat, und beide gibt es in Deutschland schon im Kleinen: bei den Schöffen, in Aachen, in Hamburg. Fehlt uns die Lernzeit — oder nur der Mut, das Kleine ernst zu nehmen?
Faktencheck
1:33 Sven Tetzlaffs „fast drei Viertel“ ist genau: Der V-Dem Democracy Report 2026 zählt 74 % der Weltbevölkerung (rund 6 Mrd. Menschen) in Autokratien — 46 % in Wahlautokratien, 28 % in geschlossenen Autokratien. Nur 7 % leben in liberalen Demokratien. Quelle: V-Dem Institute — Democracy Report 2026 „Unraveling the Democratic Era?“
3:52 Die Rechnung stimmt: amtlich AfD 43,8 %, Linke 8,6 %, BSW 5,3 % = 57,7 %. Die AfD hat 39 von 83 Sitzen, die absolute Mehrheit läge bei 42. Die Kategorie passt aber nur auf zwei der drei Parteien. Die Linke hat auf dem Erfurter Parteitag 2022 Russlands „verbrecherischen Angriffskrieg“ verurteilt; sie lehnt Waffenlieferungen ab, ein „sehr freundschaftliches Verhältnis“ zu Moskau fordert sie nicht. Erst die Bündelung erzeugt rhetorisch eine prorussische Landesmehrheit, die es als Block nicht gibt. Quelle: Wikipedia — Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026 · Deutschlandfunk, 07.09.2026 · RND — Linke verurteilt Russlands „verbrecherischen Angriffskrieg“
26:52 Münkler dreht die Chronologie um. 1953 kam die Union auf 45,2 % und 243 von 487 Sitzen — einen unter der Mehrheit; Adenauer regierte mit FDP, DP und BHE. Die einzige absolute Mehrheit der Bundesgeschichte brachte 1957: 50,2 %, 270 von 497 Sitzen. Mit der FDP regierte Adenauer erst ab 1961. Auch 27:39 „tendenziell kein Bundesland mehr“ mit absoluter Mehrheit übersieht das Saarland (SPD allein seit 2022, 29 von 51 Sitzen). Ein Motiv ist nicht erkennbar, eher ein Gedächtnisfehler; seine eigentliche These — absolute Mehrheiten sind die große Ausnahme — hält. Quelle: Wikipedia — Bundestagswahl 1957 · Bundestagswahl 1953 · Landtagswahl im Saarland 2022
29:12 Im Regierungsprogramm der AfD Sachsen-Anhalt 2026 steht kein solches Rentenversprechen. Die 70 % stammen aus dem Bundestagswahlprogramm 2025 — dort vom Nettogehalt und als langfristiges Ziel. Münkler verlegt ein Bundesversprechen in den Landeswahlkampf, um die Leichtgläubigkeit der Wähler zu zeigen. Sein Kern stimmt trotzdem: Rente ist Bundessache, und das Landesprogramm ist nicht gegenfinanziert — das IWH beziffert die Lücke auf über 2 Mrd. Euro („Luftschloss“, Reint Gropp). Quelle: AfD Sachsen-Anhalt — Regierungsprogramm 2026 (PDF) · tagesschau — Programmvergleich Soziale Sicherheit · FAZ, 05.08.2026 — Milliardenschwere Lücke im AfD-Wahlprogramm
13:08 Gemeint ist die „Trump-Dividende“, angekündigt am 9. September 2026 auf dem Midterm-Parteitag in Dallas: 5.000 Dollar für jeden erwachsenen Amerikaner, falls die Republikaner beide Kammern gewinnen — für alle, unabhängig vom Stimmverhalten. Juristisch ein Wahlversprechen, kein Stimmenkauf (FAZ); Kosten rund 1,35 Billionen Dollar, nur mit dem Kongress. Dass Trump „Einblick“ ins geheime Wahlrecht nehmen wolle, ist so nicht belegt; belegt sind seine Angriffe auf die Briefwahl (Dekret März 2026). Quelle: FAZ, 11.09.2026 — Trumps zweifelhaftes 5000-Dollar-Geschenk · ZEIT, 10.09.2026
40:40 Die SPD-KPD-Regierungen in Sachsen (KPD-Eintritt 10.10.1923) und Thüringen (16.10.1923) waren parlamentarisch und legal gebildet. Die Reichsexekution traf Sachsen am 29.10., Thüringen am 06.11. Richtig ist: Die KPD plante, von Moskau gesteuert, einen Aufstand („Deutscher Oktober“) — abgesetzt wurden die Regierungen aber, bevor es einen gab. Unerwähnt bleibt Bayern: Die Regierung Kahr bot dem Reich zur selben Zeit offen die Stirn, eine Reichsexekution blieb aus, es folgte der Hitlerputsch am 9. November. Das Instrument wurde 1923 gegen links gebraucht, nicht gegen rechts — gerade für die heutige Debatte über den Bundeszwang die zentrale Lehre. Münklers Fassung passt glatter zu seiner These, dass Demokratie sich durchsetzen muss. Quelle: Wikipedia — Reichsexekution · Wikipedia — Deutscher Oktober
45:14 (vorgetragen von Shila Behjat) Belegt sind 87 % Zustimmung zur Idee der Demokratie; die „über 90 %“ gab es 2020 und 2023, nicht 2025. Die 43,5 % sind nicht die, die „Demokratie so wie sie ist“ befürworten, sondern die „soliden Demokraten“, die keine antidemokratische Alternative zulassen; 54 % gelten als „fragile Demokraten“, 3 % als Autokraten. Zufrieden mit der gegenwärtigen Demokratie: 41 %. Einparteiensystem: 34 % offen, 19 % teilweise (unter AfD-Anhängern 66 %). Einen „starken Führer“ wünschen 15 % offen, 11 % latent. Zwei Messgrößen vermischt, kein Motiv erkennbar — der Befund ist auch so ernst genug. Quelle: Reimer-Gordinskaya/Pickel/Dimitrov — Sachsen-Anhalt-Monitor 2025 (LpB, PDF)
65:07 Für die klassischen Parteien stimmt es: 1990 bis 2025 fiel die CDU von 789.609 auf 356.769 Mitglieder (−55 %), die SPD von 943.402 auf 348.451 (−63 %), die FDP von 168.217 auf 64.781 (−61 %); die AfD wuchs auf 73.249. „Stabil“ waren die anderen nie: Die Grünen haben sich mehr als vervierfacht (41.316 → 183.761), die Linke stürzte von 280.882 (PDS 1990) auf 50.251 (2023) und verdoppelte sich dann (2025: 123.558). Nach Niedermayer stieg die Gesamtzahl der Parteimitglieder 2025 zum ersten Mal seit 1990, um 8,2 % — ein Gegenbefund zur „Parteiendemokratie in der Krise“, den Münkler nicht erwähnt. Quelle: Wikipedia — Mitgliederentwicklung der deutschen Parteien (nach Niedermayer) · Niedermayer — Parteimitglieder in Deutschland, Version 2025 (FU Berlin)
70:25 Auf Reichsebene stimmt der NS-Rekord: drei Volksabstimmungen (1933, 1934, 1938, dazu 1936 die kombinierte „Reichstagswahl“) gegen zwei gescheiterte Weimarer Volksentscheide (1926, 1929). „Mindestens 95 %“ gilt aber nicht für 1934 (89,93 %). 86:23 Dass das Nein zur EU-Verfassung 2005 in Frankreich und den Niederlanden vor allem ein Denkzettel war, bestreitet die Forschung: Hobolt & Brouard (2011, Primärstudie) finden konkrete Sachbedenken als Ausschlag. Die Denkzettel-These stützt Münklers Argument, der Forschungsstand ist uneins. Quelle: Hobolt & Brouard 2011, doi:10.1177/1065912909355713 · Wikipedia — Volksabstimmung über das Staatsoberhaupt 1934
71:11 Amtszwang gibt es in sieben Kantonen (Wallis, Uri, Solothurn, Luzern, Zürich, Nidwalden, Appenzell Innerrhoden) — er trifft Gewählte, auch gegen ihren Willen. Per Los besetzt die Schweiz keine Ämter. Münkler verbindet zwei Dinge, die sich ergänzen würden, aber nicht dasselbe sind — eine für sein Los-Plädoyer günstige Verkürzung. Quelle: SRF — Amtszwang im Bergdorf · HSLU — Amtszwang in Schweizer Gemeinden
93:14 Der Knick stimmt: NSDAP 37,3 % (Juli 1932) → 33,1 % (November 1932). Das Kabinett Hitler hatte aber keine Mehrheit — NSDAP und DNVP zusammen 248 von 584 Sitzen. Darum folgten sofort Reichstagsauflösung und die Wahl vom 5. März 1933 unter der Reichstagsbrandverordnung. Hindenburg erwartete eine parlamentarische Grundlage; geliefert wurde sie nie. Wer Erwartung und Tatsache verwechselt, zeichnet den 30. Januar verfassungskonformer, als er war. Zur Prognose 92:29 eines Knicks in Mecklenburg-Vorpommern: Die Wahl am 20.09.2026 brachte keinen — AfD 38,2 %, SPD 35,5 %. Quelle: Wikipedia — Kabinett Hitler · ZEIT, 21.09.2026 — AfD gewinnt Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern
81:04 Die Zahlen der Zuhörerin halten. Laut infratest dimap kommt die AfD bei den über 70-Jährigen auf 31 % (CDU 30 %), bei den 35- bis 44- und 45- bis 59-Jährigen auf je 53 %. Die Gruppe mit der längsten DDR-Prägung wählt am seltensten AfD — das schwächt Münklers erste Erklärung, die DDR-Aufarbeitung13:53. Seine zweite stützt es eher16:55: Frauen wanderten ab, Männer blieben, die Jugend der „Baseballschlägerjahre“ ist heute 45 bis 60. Die Forschung hält beide Spuren offen:
- Berlin-Institut (2007): Wo viele junge Frauen abgewandert sind, wird tendenziell mehr rechtsextrem gewählt.
- Dancygier et al. (AJPS 2024, doi:10.1111/ajps.12852): Abwanderung stärkt europaweit den Rechtspopulismus.
- Pesthy/Mader/Schoen (PVS 2020, doi:10.1007/s11615-020-00285-9): höhere nativistische Einstellungen gerade bei älteren, in der Teilung sozialisierten Ostdeutschen — die Sozialisationsthese lebt auf der Einstellungsebene; beim Wählen binden Ältere sich stärker an CDU und SPD.
- Weisskircher (Political Quarterly 2020, doi:10.1111/1467-923X.12859) und Schulte-Cloos (2022, doi:10.3389/fpos.2021.698085): mehrere Ursachen, darunter lokal verwurzelter Nativismus.
Münklers Spott über ostdeutsche Männer17:41 und „ewige Eckensteher“73:29 stützt keine Studie. Belegt ist: Die AfD gewann über 150.000 frühere Nichtwähler, 83 % ihrer Wähler wollen einen grundlegenden Wandel; Gert Pickel sieht dahinter fehlende Anerkennung und Ostidentität, keine Charakterfrage. Zu Münklers Gunsten: Um 13:53 räumt er selbst ein, dass seine These von der Immunisierung der Deutschen nicht mehr trägt. Quelle: MDR Data, 08.09.2026 — AfD bei Senioren nur 31 Prozent · Berlin-Institut — Not am Mann (2007) · Pesthy/Mader/Schoen, doi:10.1007/s11615-020-00285-9
- Vance und Pistorius24:35: Vance am 14.02.2025 in München: „Es gibt keinen Platz für Brandmauern.“ Pistorius am selben Tag: „Das ist nicht akzeptabel.“ Münklers Konter trifft: Trump gewann 2016 ohne Mehrheit der abgegebenen Stimmen. (BMVg)
- FPÖ-Plakat 202422:19: „Euer Wille geschehe“, von den Kirchen deutlich kritisiert. (katholisch.at)
- Art. 37 GG39:55: Der Bundeszwang wurde nie angewandt. (Wikipedia — Bundeszwang)
- Kommunalwahl Niedersachsen13:53: AfD auf Kreisebene 15,9 % (2021: 4,6 %) — nur bedingt mit einer Landtagswahl vergleichbar, und auch im Westen mehr als verdreifacht. (SPIEGEL, 14.09.2026)
- Ältestes Bundesland16:55: Sachsen-Anhalt hat den höchsten Altersdurchschnitt. (tagesschau-Analyse)
- Appenzell Innerrhoden38:24: letzter Kanton mit Frauenstimmrecht, 1990, erzwungen vom Bundesgericht; Bund seit 1971. (Wikipedia)
- Gramsci und die Neue Rechte19:13: Hegemonie als „Metapolitik“ und „Kulturrevolution von rechts“. (bpb)
- NVA-Paradeschritt15:25: Die NVA marschierte im Stechschritt, die Bundeswehr nicht. (Wikipedia — Stechschritt)
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung: Keine Quellen — nur Ankündigungstext und Hashtags.
Im Gespräch erwähnt:
- Gideon Rachman: The Age of the Strongman (2022) — genialokal
- Herfried und Marina Münkler: Abschied vom Abstieg. Eine Agenda für Deutschland (2019) — genialokal
- Herfried Münkler: Die Zukunft der Demokratie (2022) — das „kleine Büchlein“ für Hannes Androsch, mit der Idee des Losverfahrens — genialokal
- Herfried Münkler: Macht in der Mitte (2015, Edition Körber) — genialokal
- Alexis de Tocqueville: Über die Demokratie in Amerika (1835/40) — genialokal
- Antonio Gramsci: Gefängnishefte — genialokal
- Reinhart Koselleck: Vergangene Zukunft (1979) — darin „Erfahrungsraum“ und „Erwartungshorizont“ — genialokal
- Shila Behjat: Frauen und Revolution (2025) — genialokal
- Körber-Stiftung, Reihe „Autoritäre Zeiten“ — nächste Veranstaltung am 21.10.2026 mit Susanne Baer (Richterin am Bundesverfassungsgericht a.D.)
Faktencheck-Quellen (Sherlock):
- V-Dem Democracy Report 2026 — 74 % in Autokratien, Regimetypen, Autokratisierung der USA
- Sachsen-Anhalt-Monitor 2025 (LpB) — Primärquelle: Demokratietypen, Einparteiensystem, „starker Führer“
- MDR Data: Wer die AfD gewählt hat — Alter, Geschlecht, Stadt/Land, Einordnung Gert Pickel
- ZDFheute: Wahlverhalten nach Alter, Geschlecht, Bildung — Forschungsgruppe Wahlen
- tagesschau-Analyse „Ein Land – zwei Lager“ — infratest dimap, Nichtwähler, Demografie
- AfD Sachsen-Anhalt: Regierungsprogramm 2026 — Primärtext
- FAZ: IWH-Rechnung zum AfD-Programm — über 2 Mrd. € Finanzierungslücke
- Weisskircher 2020, doi:10.1111/1467-923X.12859 — Ost-West-Kluft, mehrere Ursachen
- Pesthy/Mader/Schoen 2020, doi:10.1007/s11615-020-00285-9 — Nativismus bei älteren Ostdeutschen (GLES-Panel)
- Dancygier et al. 2024, doi:10.1111/ajps.12852 — Abwanderung als Treiber des Rechtspopulismus
- Schulte-Cloos 2022, doi:10.3389/fpos.2021.698085 — lokal verwurzelter Nativismus
- Berlin-Institut: Not am Mann (2007) — Abwanderung junger Frauen und rechtsextremes Wählen
- Hobolt & Brouard 2011, doi:10.1177/1065912909355713 — Nein zur EU-Verfassung aus Sachgründen
- Wikipedia: Deutscher Oktober — Sachsen und Thüringen 1923, Gegenstück Bayern
- Wikipedia: Mitgliederentwicklung der deutschen Parteien — Niedermayer-Reihe
- FAZ: Trumps 5000-Dollar-Versprechen — rechtliche und fiskalische Einordnung
Verbindungen
→ Philip Manow — Autoritäre Zeiten: Die Macht der Wähler
Der Auftakt derselben Körber-Reihe, und die schärfste Gegenstimme zu Münkler. Wo Münkler den Wählerwillen filtern will, diagnostiziert Manow eine westdeutsche Demophobie. Wo Münkler „Wir sind das Volk“ als Mythos entlarvt, liest Manow darin eine echte ostdeutsche Demokratieerfahrung. Beim Los widerspricht er ebenfalls: Einen gelosten Rat kann niemand abwählen. Beide Notes nebeneinander zeigen, dass die Frage nach der Sehnsucht nach Ordnung davon abhängt, wem man die Ordnung zutraut.
→ Heinz Bude — Gesellschaft der Angst
Bude hat 2014 fast denselben Befund notiert, nur mit einem anderen Wort. Die neuen Bewegungen von der Tea Party bis zur AfD mobilisieren bei ihm kollektives Misstrauen, und „die Gegenstände des Misstrauens können außerordentlich wandelbar sein“. Das ist Münklers Angst, die sich ihre Objekte sucht, zwölf Jahre früher und soziologisch statt ideengeschichtlich hergeleitet. Bude antwortet allerdings mit einem „liberalen Kümmern“, einer Adresse für die Ausgeschlossenen. Münkler antwortet mit der Zumutung.
→ Andreas Reckwitz — Fortschritt NEU DENKEN
Beide stützen sich auf Kosellecks Erwartungshorizont und sehen im Fortschrittsglauben die eigentümliche Leistung der Moderne. Münkler nennt ihn Angstblocker. Reckwitz zeigt den Preis: Eine Kultur, die an das Bessere glaubt, hat keine Sprache für den Verlust, und darum ruft Verlust nach einem Schuldigen. Damit liefert er, was bei Münkler fehlt: warum die freigesetzte Angst ausgerechnet nach Sündenböcken greift.
→ Thomas Fricke — Wie die Wirtschaftskrise den Rechten nützt (Surplus)
Fricke ist der empirische Einspruch gegen Münklers wichtigste Unterscheidung. Autoritäre gewinnen dort, wo Menschen Umbrüche und Austerität erlebt und die Kontrolle über ihr Leben verloren haben — Rustbelt, Brexit, Ostdeutschland. Dann hat die Angst sehr wohl Gegenstände. Nach Münklers eigener Logik wäre sie Furcht, und mit Furcht kann Politik umgehen. Frickes „Anti-Ohnmacht-Agenda“ ist genau das Angebot, das Münkler bei Angst für wirkungslos hält. Welche Lesart trägt, entscheidet, ob die Mitte hilflos ist oder bloß untätig.
→ Ernesto Laclau — Macht und Repräsentation
Beide gehen von Gramsci aus, und beide sagen, dass es „das Volk“ vor seiner Führung nicht gibt. Münkler folgert daraus Misstrauen: Wer Volk sagt, meint Führung. Laclau folgert das Gegenteil. Weil das Volk erst in der Repräsentation entsteht, muss man um dieses Wort kämpfen. Laclau und Mouffe sind zudem die linke Gramsci-Lektüre der Achtziger, die Münkler erwähnt, bevor er erzählt, wie die Neue Rechte Gramsci gründlicher las. Aus Laclaus Sicht überlässt Münklers Rückzug auf „Gruppen, Interessen, Werthaltungen“ das Wort denen, die es besetzen.
→ Jörg Baberowski — Putin, Herrschaft und die liberale Demokratie
Baberowski erzählt dieselbe Geschichte gegen den Strich. Münkler lobt die Verfassungsväter, die den Wählerwillen „ein bisschen filtern“ wollten. Baberowski (Am Volk vorbei) nennt die repräsentative Demokratie eine Erfindung von Liberalen, die den „Pöbel“ fernhalten wollten. Beim Los treffen sich die beiden Humboldt-Kollegen aus entgegengesetzten Gründen: Münkler will „Großmäuler“ kleiner machen, Baberowski sieht in Athens Losverfahren die eigentliche Demokratie. Wer Manows Demophobie-Vorwurf prüfen will, findet hier seine schärfste historische Fassung.
→ Rechtspopulismus und der demokratische Verfassungsstaat
Thieles „Land ohne 2050“ sagt aus Sicht des Verfassungsrechtlers dasselbe wie Münklers verdunkelter Erwartungshorizont: Das Aufstiegsversprechen trug die Bundesrepublik. Bei den Wählern gehen die beiden auseinander. Thiele weigert sich, dreißig oder vierzig Prozent zu Autoritären zu erklären, und übersetzt ihren Unmut in drei prüfbare Defizite — Teilhabe, Begrenzung der Herrschaft, Leistungsfähigkeit. Sein Rahmen macht sichtbar, was Münklers Spott über „Eckensteher“ verdeckt.
→ StreitClub #19 — Extremismus und der Schutz der Demokratie
Am Tag nach derselben Sachsen-Anhalt-Wahl aufgezeichnet. Friedmans Frage, warum man AfD-Wähler entschuldige, ist Tetzlaffs Frage nach der bewussten Präferenz. Quents Befund, das demokratische Fundament habe auf dem vollen Kühlschrank geruht, ist Münklers Angstblocker in materieller Form. Und Quents Jugendbefragung stützt den Einwand der Zuhörerin gegen Münklers DDR-These: Bei rechtsextremen Einstellungen gibt es keinen Ost-West-Unterschied, nur bei deren Normalisierung.
→ Erich Fromm — Psychoanalyse des Faschismus
Münklers Satz, in der Demokratie gebe es kein Recht auf Sorglosigkeit, fasst Fromms Furcht vor der Freiheit in eine Zeile. Bei Fromm entlastet die Unterwerfung von der Last, selbst zu entscheiden: „Er wird gelebt durch eine höhere Macht.“ Münklers Kind, das in der Angst zu Mama, Papa, Onkel flüchtet, ist dieselbe Bewegung ohne Fromms Charakteranalyse. Beide setzen die Gegenkraft beim Urteil an — Fromm in der Erziehung zur rationalen Autorität, Münkler in Parteien und gelosten Gremien.
→ Wie kann Demokratie funktionieren?
Das Panorama, in das die Nachbesprechung dieser Note führt. Dort stehen Münklers Los, sein Misstrauen gegen das Plebiszit und seine Schule der Urteilsfähigkeit neben den Stimmen, die ihm widersprechen, zu sechs Fragen nach der Bauweise der Demokratie.
→ Herfried Münkler — DenkerVita
→ Good News — Gute Nachrichten September 2026 Teil 2
Die Probe auf seine Angst-These: Die US-Mordrate steuert auf den tiefsten Stand seit Jahrzehnten zu, und das Gefühl allgegenwärtiger Kriminalität bleibt. Das Format der guten Nachrichten ist auch der Versuch, den Fortschrittsglauben gegen die „Angstblockade" mit Meldungen wiederaufzubauen.
→ Ardalan Ibrahim — Die Partei für Losdemokratie
Münklers Los mit Amtszwang hat einen Gegenentwurf bekommen: Ardalan Ibrahim will geloste Gremien ohne Zwang, die entscheiden statt nur zu beraten, und hält geschriebene Schranken wie Artikel 1 für Papier — genau der Demos ohne Rechtsstaat, vor dem Münkler warnt.
→ Henrike von Scheliha und Aladin El-Mafaalani — Minderheitenschutz für Kinder?
Ein Mittelweg zwischen dem übergangenen Bürgerrat Ernährung und Münklers entscheidenden Losgremien: ein Zukunftsrat, dem das Parlament Gründe schuldet, in den Kommunen auch mit aufschiebendem Veto.
→ BissenBlaBla — AfD-Behauptungen zur Ausländerkriminalität
Wie weit Zahlen gegen Angst tragen, prüft BissenBlaBla an fünf Sätzen über Ausländerkriminalität: Die Zahlen widerlegen das Bild, der Abstand bleibt echt, und das Bild bleibt auch.
→ Adam Tooze — Krise und demokratische Gelegenheit
Tooze will Ängste mit Vernunft prüfen und vorbeugend löschen; Münklers These, dass Angst sich ihre Gegenstände selbst sucht, ist die Gegenrede — beide berufen sich auf Koselleck.
→ Oschmann und Kowalczuk — Kränkung oder Freiheitsschock
Die Altersdaten der Zuhörerin sind Oschmanns stärkstes Argument gegen die Diktaturthese. Kowalczuk teilt Münklers Richtung, legt den Grund aber tiefer und jünger zugleich: in die Gewohnheit, „die da oben“ machen zu lassen, an die 1990 unbewusst angeknüpft wurde.
Weiterdenken
- Münkler erklärt die autoritäre Sehnsucht einmal als Angst, die sich nicht aufklären lässt, und einmal als Ahnungslosigkeit, die man mit einer Haushaltsrechnung widerlegen könnte. Welche der beiden Erklärungen stimmt — und welche Politik folgt aus welcher?
- Wenn der Fortschrittsglaube der Angstblocker der Moderne war: Gibt es einen Ersatz, der nicht wieder ein Glaube ist — oder braucht die Demokratie tatsächlich eine Erzählung von Zukunft, die über ihre Verfahren hinausgeht?
- Behjats Vater fragt, warum hier niemand kämpft, wo es doch nicht gefährlich ist. Ist es vielleicht gerade die fehlende Gefahr, die den Einsatz entwertet — und was hieße es, sich für etwas einzusetzen, das man nie vermisst hat?
- Was wäre das stärkste Argument für die Demophobie, die Manow kritisiert? Und was das stärkste dagegen, das nicht selbst populistisch ist?
- In Die Deutschen und ihre Mythen beklagt Münkler, dass Deutschland keine tragenden Mythen mehr habe. Hier zerlegt er „Wir sind das Volk“, einen der wenigen jüngeren, als Syndrom. Braucht eine Demokratie ihre Gründungserzählung auch dann, wenn sie historisch nicht ganz stimmt?
- „Zuversicht muss jeden Tag neu erarbeitet werden.“ Wo in meinem eigenen Alltag ist Optimismus bequemer als Zuversicht — und woran merke ich den Unterschied?
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