0:00
1:02
Gedankenraum
Zeitgeist·08.10.2026·1:02 h·60 Belegstellen

Adam Tooze — Krise und demokratische Gelegenheit

Eine Politik, die niemanden zurücklassen will, ist keine Demokratie, sagt Adam Tooze. Am Morgen vor den Ostwahlen 2024 streitet er mit Maja Göpel über Mehrheit, Konsens und Feinde.

🎨

Künstlerhand: Frans Masereel — Holzschnitt, schwarze Druckfarbe auf warmem Cremepapier, grobe Schnittlinien mit sichtbarer Maserung.

Warum: Masereel hat die Masse, die Stadt und den Einzelnen im Sturm geschnitten wie kein anderer, und er hat es parteiisch getan. Das passt zu einem Morgen, an dem einer offen von Freunden und Feinden spricht. Links hält eine Menge ein leeres Transparent hoch, ein Programm, das noch niemand geschrieben hat; rechts wendet sich eine zweite Menge halb ab. Zwischen beiden läuft ein Riss durchs Pflaster. In der Mitte steht das Rednerpult leer, mit Mikrofon, und genau darauf fällt der Lichtstrahl aus den aufgerissenen Wolken: die Krise als Gelegenheit, und niemand, der sie ergreift — das „Nö“. Ganz hinten, unter demselben Himmel, die schlanken Türme und Palmen einer fernen Stadt, aus der die Stimme zugeschaltet ist.

Prompt: Frans Masereel woodcut, black ink on warm cream paper, bold carved lines and visible wood grain, 1200x500 wide banner. A great city square at the edge of a storm: on the left a dense crowd of small figures holding up one long blank banner, on the right a second crowd turned half away, and between them a single deep crack running across the cobblestones. In the exact center stands a small wooden speaker's platform with an empty lectern and a microphone on a stand, nobody behind it. Above, heavy carved storm clouds split open and one broad shaft of light falls down onto the empty lectern. Far in the background, beyond the rooftops, a distant skyline of slim tropical towers and palms under the same sky. Stark black and cream only, strong expressive carving, dramatic contrast. Simplified woodcut figures, no realistic faces, no text, no letters, no signature, no monogram, no photorealism.

Worum es geht

Eine Politik, die niemanden zurücklassen will, ist keine Demokratie, sagt Adam Tooze. Es ist der Morgen des 31. August 2024, am nächsten Tag wählen Sachsen und Thüringen, und der Wirtschaftshistoriker ist aus Singapur nach Lüneburg zugeschaltet. Er bringt rund zehn Thesen mit, und alle zielen gegen eine Mitte, die auf Konsens hofft: Wer die Krise definiert, hat die Macht; Progressive sollen auf Mehrheit und Hegemonie zielen, denn „wir haben Freunde und wir haben Feinde“; Politik, die wie Werbung spricht, bekommt die Glaubwürdigkeit von Werbung. Maja Göpel hält dagegen, mit einem Konsens über Grundgesetz und Nachhaltigkeitsziele, der „keine linke Agenda“ sei. Tooze lehnt zweimal ab, freundlich und hart. Es ist der klarste Dissens der Konferenz, und zwei Jahre später lässt sich nachsehen, wer an welcher Stelle recht behielt.

Quelle: Krise und demokratische Gelegenheit | Adam Tooze, Maja Göpel und Jagoda Marinić | Utopie-Konferenz24 — Utopie-Konferenz 2024 „Vertrauen“, Leuphana Universität Lüneburg (29.–31.08.2024), dritter Tag, Morgenpodium; Tooze per Video aus Singapur zugeschaltet, Moderation Maja Göpel und Jagoda Marinić, 62 Minuten; veröffentlicht 09.09.2025

Wer spricht?

Adam Tooze (1967, London) — britischer Wirtschaftshistoriker, Professor an der Columbia University und Direktor ihres European Institute, teils in Heidelberg aufgewachsen. Autor von Ökonomie der Zerstörung, Crashed und Welt im Lockdown, Verfasser des Newsletters Chartbook, der Mann, mit dem man das Wort Polykrise verbindet. Im Mai 2024 hatte er beim Berlin Summit des Forum New Economy die Keynote gehalten und die Abschlusserklärung mitunterzeichnet. Er verortet sich „links-liberal“ und hat die Gastgeberinnen vorab gewarnt, er sei „vielleicht nicht der Mann für Utopien“.

→ DenkerVita

Maja Göpel (1976) — Politische Ökonomin und Transformationsforscherin, 2009–2020 Generalsekretärin des WBGU, Mitgründerin von Scientists for Future, Gastgeberin der Utopie-Konferenz. Sie hat die Berliner Erklärung ebenfalls unterschrieben und verteidigt sie hier gegen Tooze.

→ DenkerVita

Jagoda Marinić — Schriftstellerin, Kolumnistin und Podcasterin (Freiheit Deluxe), lange Leiterin des Interkulturellen Zentrums Heidelberg, Autorin von Sanfte Radikalität. Als zweite Gastgeberin fragt sie nach Angst, Vertrauen und Utopie und ist die Erste, die an Toozes Freund-Feind-Vokabular Anstoß nimmt.

→ DenkerVita


Ein „Nö“ zum Auftakt

2:20 — Tooze beginnt mit einer Silbe. Am Abend der Europawahl im Juni 2024, als die SPD auf ihr historisches Tief gefallen war, fragte ein Journalist den Bundeskanzler, ob er das Ergebnis kommentieren wolle. Olaf Scholz antwortete: „Nö.“ Tooze liest darin ein Symptom und setzt es an den Anfang, weil es den Blick in eine unbequeme Richtung lenkt:

„Wenn wir über einen Demokratieverlust und ein Versagen an der Demokratie reden, dann dürfen wir nicht nur nach rechts schauen, sondern auch in die Mitte.“3:05

Hören — 3:05

Eine Niederlage, die man taktisch übergeht, weil eine Reaktion gerade nicht klug erscheint, behandelt die Demokratie als Gesprächspunkt. Dann wird Tooze fairer, als man erwartet. In Scholz' Schweigen steckt auch eine Weisheit, nämlich die Weigerung, sich die Lage von anderen definieren zu lassen. 4:35 Wer fragt, ob man Krisen in Gelegenheiten ummünzen kann, muss zuerst fragen, wer bestimmt, was Krise ist. Sein Beispiel ist die „Inflationspanik“ von 2022. Er gehöre zu den Ökonomen, die bestreiten, dass man in Deutschland von Inflation reden sollte, denn das unterstelle eine allgemeine Preis-Lohn-Spirale. Was es gab, war ein Preisschock, und ein Preisschock verlangt andere Antworten.

5:22 — Dann holt er sich einen Zeugen vom Gegner. Carl Schmitt, den Göring 1933 zum Preußischen Staatsrat machte, schrieb 1922: Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet. Krise ist Ausnahme. Wer sie definiert, ermächtigt sich, und Progressive dürfen das auch, bis hin zu Krisen, die der Mainstream nicht anerkennt. Gleich darauf die Gegenbewegung. 6:08 Tooze bedauert, wie sein eigener Begriff benutzt wird: Polykrise sei nicht Omnikrise, nicht das kollektive Stöhnen einer Berliner Talkshow von 2023.

„Polykrise ist eine Aufforderung, präzise zu sein, nicht einfach die Hände in die Luft zu schmeißen.“

Im Gespräch — 6:08

Pauschaler Krisenpessimismus verleite zum Konservatismus. Und wer die Krise ausruft, erzeugt Zwänge, die „Alternativlosigkeit“ der Merkel-Jahre. Umgekehrt ist auch das Aufschieben Macht: 7:38 In der Eurokrise hatte Berlin immer Zeit für Lösungen, Athen, Madrid, Lissabon und Dublin nicht. Das ist der Rahmen für alles Weitere. Krise ist für Tooze kein Wetter, das über alle kommt. Sie ist ein Deutungskampf, in dem Wort, Zeitpunkt und Tempo verteilt werden. In der Polykrise-Note von 2026 (Adam Tooze und Maja Göpel — Die Polykrise) führt Göpel denselben Gedanken für die Ökonomie aus, die Macht zu definieren, was Wirtschaft heißt. Hier, zwei Jahre früher, geht es um die Politik selbst.

Vergangene Zukünfte

8:25 — Die zweite Warnung hat Tooze aus Singapur mitgebracht, einer Stadt, die auf die Globalisierung gebaut ist und ihr nun nachtrauert. Kolleginnen dort sprechen von einer „Nostalgie für vergangene Zukünfte“. Der Ausdruck stammt von Reinhart Koselleck, und Tooze macht ihn persönlich:

„Es gibt ja nichts Schmerzvolleres als eine verlorene Zukunft.“9:10

Hören — 9:10

Man kennt das vom Älterwerden, aus Beziehungskrisen. Die Welt wird anders, als man sie sich vorgestellt hat, und die Trauer darüber ergreift einen, ob man will oder nicht. Politisch nennt Tooze sie unhistorisch, eine Verweigerung der Realität. Dann zielt er auf das eigene Lager. Die linke politische Ökonomie, sagt er, trauert der Nachkriegszeit nach, den Fünfziger- und Sechzigerjahren als sozialdemokratischer Idylle. 9:55 Bei Wolfgang Streeck sehe man das „besonders intensiv ausformuliert“, mit Bretton Woods als ständig angeführtem Paradies, was absurd sei angesichts der Ungleichheit und der Machtstrukturen, die in diesen Ordnungsplänen steckten. Den Streit mit Streeck führt Tooze seit Jahren; 2017 hatte er dessen Krisentheorie in der London Review of Books auseinandergenommen.

10:42 — Und er geht weiter, als manchem im Saal lieb sein dürfte. Auch die Sehnsucht nach Gleichgewicht, nach „Nachhaltigkeit“, will er „im Griff halten“. Sie sei attraktiv, aber angesichts der Radikalität der Lage unrealistisch, vielleicht gefährlich, und sie erinnere ihn an die späte DDR: ein biederes Bild einer Ordnung, die nicht vergeht. Das ist eine Spitze gegen Göpels Lebensthema, und sie bleibt eine Stunde lang liegen, bis sie im Streit am Ende wieder aufbricht.

Der Gedanke hat Gewicht, weil er die eigene Seite trifft. Rechte Nostalgie lässt sich leicht entlarven; die Sehnsucht nach dem Wohlfahrtsstaat von 1965 oder nach einem stabilen Klima von 1850 klingt dagegen wie Vernunft. Tooze besteht darauf, dass auch sie eine Weigerung sein kann, in der Gegenwart zu handeln. Wo die Grenze zwischen Erinnerung, die ein Ziel gibt, und Nostalgie, die lähmt, genau verläuft, sagt er allerdings nicht.

Freunde und Feinde

11:28 — Jetzt kommt die These, wegen der man sich an diesen Morgen erinnert. Tooze will, dass die Politik nicht aus dem Politischen entweicht, und politisch heiße, eine gewisse Härte zu haben. Progressive Politik geht von Ungleichheit, Gegensätzen und Dissens aus; sie kann darum nicht auf universellen Zuspruch zielen, ohne ihre eigene Diagnose aufzugeben.

„Wir haben Freunde und wir haben Feinde, und wir sollten das anerkennen.“12:14

Im Gespräch — 12:14

Das Ziel sei Macht, durch eine Mehrheit, die die Gegner in die Minderheit schiebt, und darauf ein neues Paradigma, eine neue Hegemonie, die die feindlichen Positionen ausgrenzt. Und dann der Satz, den der Saal beklatscht und der lange nachhallt:

„Eine Politik, die auf eine absolute Zustimmung zielt und niemanden hinter sich lassen will, ist im Grunde gar keine Demokratie.“12:59

Im Gespräch — 12:59

Wenn Einstimmigkeit möglich wäre, bräuchte man keine Demokratie als Verfahren. Es geht um Mehrheiten, und Mehrheiten sind nicht alle. 13:44 Was die These ehrlich macht, sagt Tooze im selben Atemzug selbst: Sie hat eine „unappetitliche“, aggressive Seite, „politisch und historisch gesehen natürlich auch eine gefährliche Seite, denn die Definition von Freund und Feind ist nicht ganz ohne.“ Es wäre verantwortungslos, sie trotzdem zu verschweigen, denn die Gegner, in den USA zumal, verfahren längst nach dieser Logik, „mit einer Rigorosität und Radikalität, mit der wir rechnen müssen“.

14:29 — Unmittelbar darauf setzt er eine Bremse, die man leicht überhört. Wer „wir“ sagt, muss fragen, was ihn zum Wir macht. Beim Berlin Summit im Mai ging es darum, „das Volk“ wieder hinter sich zu sammeln, und Tooze fragt: hinter wen? 15:14 Hinter eine Gruppe elitärer Technokraten? Was maße ich mir an, mit meinen Privilegien in Singapur zu sitzen und per Zoom zu einem deutschen Publikum zu reden?

Marinić hakt ein19:08. Von der anderen Seite her gedacht würde man das Freund-Feind-Vokabular kritisch sehen; sie liest Tooze lieber als Erinnerung an die Demokratie als „Marktplatz der Ideen“. Tooze nimmt das Angebot nicht an. Für Konservative solle es anstößig sein; er selbst sei in den Monaten zuvor von rechtskonservativer Seite als Antisemit diffamiert worden, „und warum sollte man nicht zurückschlagen?“ 21:24 Und den Marktplatz will er gerade nicht: Die demokratische Öffentlichkeit solle sich vom Markt unterscheiden, das Bild sei eine liberale Umschreibung des Politischen aus dem 19. Jahrhundert.

Hier braucht die Note ihre Gegenstimme, und Tooze liefert die halbe selbst. Chantal Mouffe, deren Denken er sichtbar beerbt, hat Schmitts Unterscheidung bewusst umgebaut: Aus dem Feind, der vernichtet werden soll, wird der Gegner, dessen Recht auf Widerspruch man anerkennt (Agonismus statt Antagonismus). Tooze sagt „Feinde“ und meint wohl Gegner, aber das Wort trägt eine Geschichte, die er selbst als gefährlich benennt. Und die Logik der Mehrheit, die eine Minderheit „ausgrenzt“, ist genau die, die er an seinen Gegnern fürchtet. Die Lüneburger Konferenz von 2026 stellt ihm die Frage, die hier fehlt: Halten wir das aus, wenn die Gegenseite gewinnt und mit derselben Logik regiert (Schmitt, 2026)?

Weitergedacht

Tooze will eine Hegemonie, die feindliche Positionen ausgrenzt, und gibt zu, dass die Freund-Feind-Logik gefährlich ist. Woran erkennt eine Mehrheit, dass sie aus einem Gegner einen Feind gemacht hat — und wer in ihr hätte die Autorität, es ihr zu sagen?

Expertise, der man nicht trauen soll

15:59 — Die letzte der Eingangsthesen wirkt neben der Kampfansage fast leise und ist doch die interessanteste. Ohne Expertise, ohne Technokratie, ohne Kompetenz geht es nicht, sagt Tooze, und er sagt es „in dem Bewusstsein, in Singapur zu sitzen“. Der Stadtstaat ist weder liberal noch pluralistisch, seine Legitimität ist output legitimacy: 16:45 Man sieht, was in sechzig Jahren zwischen Malaysia, Indonesien und Myanmar gebaut wurde, und dieses Ergebnis trägt die Herrschaft. Man könne und solle das bestreiten. Aber eine Demokratie, die ihre Legitimität aus Verfahren und Mehrheiten bezieht, darf die Frage nach Kompetenz nicht ins Abseits stellen. Sie muss Ergebnisse liefern und sie vermitteln.

Und sie muss die Experten kontrollieren. 17:31 Gute Journalisten, Fürsprecher des breiteren Publikums sollen den Experten die harten Fragen stellen und das Ungedachte aufdecken. Tooze schließt sich ein:

„Ich will das gewissermaßen in meinen Gegenspielern haben, weil mir ist nicht zu trauen.“18:16

Im Gespräch — 18:16

Das war, erinnert er, der Kern des Bolschewismus: bürgerlichen Experten ist nicht zu trauen. Er will die Kontrolle ohne den Terror, checks and balances, bewusst kultiviert. Darin liegt eine Spannung, die der Morgen nicht auflöst. Dieselbe Rede verlangt eine Politik der Härte, die auf Hegemonie zielt, und eine Expertise, die sich von unten befragen lässt. Eine Mehrheit, die ihre Gegner ausgrenzt, wird auch die Fragen der Gegner nicht mehr hören, und gerade die decken oft das Ungedachte auf. Tooze stellt beide Forderungen nebeneinander, als vertrügen sie sich. Ob sie es tun, ist die Frage, die man aus diesem Abschnitt mitnimmt.

Werbesprache, und die Kunst, anders zu scheitern

22:09 — Auf Marinićs Frage, wo die Hebel für progressive Mehrheiten liegen, kehrt Tooze zum „Nö“ zurück. Seine Vermutung, die er ausdrücklich nicht beweisen kann: Scholz kam auf die Antwort, weil marktforschungsbasierte Analysen sagten, da sei nichts zu gewinnen. Irgendjemand habe in Fokusgruppen herausgefunden, dass Stillhalten besser sei. Damit gibt die Politik ihre eigentliche Aufgabe auf, Sinn zu stiften.

„… dass sehr viel politische Kommunikation im Grunde wie Werbesprache wirkt … und dementsprechend ja die Glaubwürdigkeit von kommerzieller Werbung hat.“22:55

Hören — 22:55

Zwischen dem, der wirbt, und dem Umworbenen herrscht ein zynisches Einverständnis: Beide wissen, dass es um einen Tausch geht. Dieses Modell scheitert gerade, und Tooze zieht daraus einen Schluss, der nach Niederlage klingt und eine Strategie ist:

„Wenn wir scheitern sollen, dann würde ich lieber anders scheitern, als wir im Moment scheitern.“

Im Gespräch — 22:55

24:27 In der Geschichte zähle, wie man verliert, denn davon hängt ab, was weitergeführt werden kann. Wer von links kommt, ist ans Scheitern gewöhnt. Im Moment unternehme man nicht einmal den Versuch einer überzeugungsgetriebenen, zukunftsorientierten Politik. Sein Gegenbeispiel aus den USA: der Wechsel von Biden zum Ticket Harris–Walz. Walz komme rüber, vermittle überzeugt eine sozialdemokratische Politik, schlage zurück. Tooze ist von seinem eigenen Enthusiasmus überrascht: „Ich traue meinen eigenen Emotionen nicht.“

Göpel greift das auf25:58 und erzählt aus der Klimapolitik. Ausgerechnet dort sollte man „alle im Konsens überzeugen“, sonst drohe die „Ökodiktatur“, während bei der Finanzmarktkrise vielleicht 0,01 Prozent verstanden, was da oben entschieden wurde. Sie nennt das eine „Pillepalisierung“ der Verantwortung27:32 und fragt, wofür man bereit sei, „mit erhobenem Haupt unterzugehen“.

Aus dem Herbst 2026 liest sich der Abschnitt mit einem Stich. Toozes Misstrauen gegen die eigene Begeisterung behielt recht: Harris verlor im November 2024 gegen Trump. Scholz' Koalition zerbrach am Tag nach der US-Wahl, und im Februar 2025 fuhr die SPD mit 16,4 Prozent ihr schlechtestes Ergebnis bei einer nationalen Wahl seit 1887 ein. Ob Überzeugung besser verloren hätte, lässt sich nicht nachrechnen; das Schweigen jedenfalls hat nicht gewonnen. Ein Fall, der Toozes Wette stützt, kam später und von unten: Im November 2025 wurde in New York Zohran Mamdani Bürgermeister, mit einem Wahlkampf über eingefrorene Mieten, kostenlose Busse und Kinderbetreuung, der sein Programm offen aussprach, statt es in Fokusgruppen zu glätten.

Weitergedacht

Tooze vermutet hinter dem „Nö“ eine Fokusgruppe und kann es nicht belegen. Wenn Werbesprache die Glaubwürdigkeit zerstört — woran würde man eine Politik erkennen, die überzeugt statt wirbt, und wäre sie nicht selbst nur die nächste, besser getarnte Werbung?

Was die Progressiven verdrängen

28:18 — Gefragt, wo Demokratie gelingt, nennt Tooze ein „sehr Mainstream“-Beispiel: den europäischen Wiederaufbaufonds Next Generation EU vom Sommer 2020. Noch im März und April sah es aus, als scheitere die EU wieder an gemeinsamer Aktion. Dann reagierte die Bundesregierung auf eine Stimmung, die Umfragen belegten: Die Deutschen wollten nicht noch einmal die europäische Antwort sabotieren. 30:34 Das Heizungsgesetz sei das Gegenteil, und es zeige, wie wichtig technokratische Kompetenz bleibt. Die Unzulänglichkeit des ersten Entwurfs riss Lücken, in denen die Feinde der Energiewende ansetzten, und plötzlich stand dieselbe Mannschaft, die 2020 den Fonds gestemmt hatte, mit Scholz an der Spitze, vollkommen in der Defensive (zur Rolle der Presse in dieser Geschichte → Heizungshammer).

32:50 — Göpel wirft den Inflation Reduction Act ein, klug gebaut, weil er die Investitionen in republikanische Staaten lenkte und darum schwer abzuräumen sei. Tooze lächelt. 33:35 Er rede gar nicht vom IRA, und dass alle sofort an den IRA denken, belege seinen Punkt. Er meint das Konjunkturpaket vom Frühjahr 2021, 1,9 Billionen Dollar, kaum grün, schlicht makroökonomisch: Schecks und Arbeitsplätze. Statistisch vielleicht die erfolgreichste Erholung von einer großen Krise in der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte. 34:21 Die Kinderarmut sei für eine Weile halbiert worden, der Arbeitsmarkt so angeheizt, dass sich die Lohnschere, die sich seit den Siebzigern geöffnet hatte, „zur Hälfte“ wieder schloss (Faktencheck: vereinfacht). Und die Progressiven erinnern sich nicht daran:

„… es ist sehr erstaunlich für mich, wie dieser Verdrängungseffekt operiert.“35:06

Hören — 35:06

Verdrängt, weil komplex, abstrakt und zweideutig: In den USA gab es tatsächlich Inflation, und ein Teil davon war eingepreist. Der Tausch hieß mehr Arbeitsplätze, und in Amerika ist das eine Frage der racial hierarchy, denn schwarze Männer bekommen die Jobs als Letzte und verlieren sie als Erste. 36:36 Dann wird Tooze hart, auf die Art, die er vorher angekündigt hat. Das sei Klientelpolitik gewesen, „knallhart“, die Ausgrenzung der oberen zwanzig Prozent, für die sonst die Steuerpolitik gemacht werde, auch im Bundestag, der nachweislich den Präferenzen der oberen zehn Prozent folge (→ Faktencheck: im Kern bestätigt):

„Die kriegen nichts, und die, die was bekommen, sind die, die zu unserem Publikum gehören. Wir bauen eine Mehrheit.“

Im Gespräch — 36:36

37:22 — Das sei die Politik des New Deal gewesen, ebenso der Erlass der Studienschulden: College-gebildete Frauen wählen demokratisch, denen tut man etwas Gutes. Auf die Nachfrage vom Podium, die Armen seien doch nicht einfach „progressiv“, präzisiert er. Die Armen in Amerika wählen großteils nicht; sie zur Wahl zu bringen, ist das Projekt. Und die weißen Männer ohne College, die für Trump stimmen, stehen im Schnitt nicht im unteren Drittel der Einkommen. Ihnen geht es nicht schlecht, sie fühlen sich vom Abstieg bedroht.

Hier ist Tooze am stärksten, weil er die These vom Anfang an einem Fall zeigt. Mehrheit heißt bei ihm, eine Koalition sichtbar zu beschenken und es offen zu sagen. Die Nachgeschichte gibt ihm auf bittere Weise recht. Der erweiterte Kinderfreibetrag lief Ende 2021 aus, und die Kinderarmut nach der ergänzenden Messung des Census Bureau sprang von 5,2 Prozent 2021 auf 12,4 Prozent 2022. Was niemand verteidigt, weil sich niemand daran erinnert, verschwindet still. Dass die Wähler den Aufschwung kaum honorierten, hat er selbst eingeräumt, und die Inflation, die er „eingepreist“ nennt, war 2024 eines der stärksten Motive gegen Harris (→ Fricke).

Weitergedacht

Tooze lobt das Paket von 2021 als Politik, die eine Mehrheit beschenkt und die oberen zwanzig Prozent leer ausgehen lässt. Warum hat diese Mehrheit es dann nicht gewählt — war die Gabe zu unsichtbar, die Inflation zu sichtbar, oder irrt die These, dass materielle Politik Loyalität stiftet?

Aussitzen als Macht, Sperrminorität als Plan

38:54 — Marinić holt ihn zurück zu der Behauptung, Nichthandeln sei Macht. Tooze zählt auf. 39:40 Die Schuldenbremse, die gesamte FDP-Politik als „einzige Blockade“ zugunsten einer Klientel von Unternehmern und Bessergestellten. Die Berliner Blockade auf europäischer Ebene, an der kreative Vorschläge aus Spanien regelmäßig abprallen. Die Verteidigung des Verbrennermotors und des Komplexes, der an ihm hängt. Der Kohlekompromiss, bei dem auch Gewerkschaftsinteressen den raschen Wandel verweigern.

41:59 — Dann räumt er einen Vorwurf gegen sich selbst ein, und zwar „aus gutem Grund“. Wer wie er den Wandel propagiert, spricht für Menschen, die realistisch annehmen können, davon zu profitieren, weil sie Ressourcen, Mobilität und unternehmerische Energie haben. Scholz' Respekt-Wahlkampf von 2021 habe zu Recht gesagt, dass ein gewöhnliches Leben ohne diese Ambition seinen Wert hat. Das Problem sei nur, dass man den „gewöhnlichen Leuten“ vorgaukle, sie könnten so bleiben, denn die Veränderung komme. 43:31 Wer den Verbrenner verteidigt, „wird dadurch zum Opfer der geschichtlichen Veränderung, zum Roadkill“ einer Veränderung, die andere anderswo bestimmen.

Marinić fragt nach dem Weg zu Mehrheiten, wenn progressive Ideen gerade Angst erzeugen. Tooze antwortet mit einem Rückzug auf die Defensive, und er meint ihn ernst: 45:01 Wenn nicht Mehrheiten, dann Sperrminoritäten. Der IRA schickte das Geld auch deshalb in republikanische Staaten, um sich gegen eine künftige republikanische Mehrheit zu schützen.

„Warum sollten die Progressiven nicht mindestens den Anspruch haben, genauso stur blockierend zu wirken wie die FDP und Lindner?“45:47

Hören — 45:47

Marinić hält ihm die Umfragen im Osten entgegen: Die Ampelparteien könnten dort unter fünf Prozent fallen, dann gibt es nichts mehr zu blockieren. 46:32 Tooze gibt Sachsen ab, ohne zu zögern. Dort gehe es um Verteidigung: der Grundrechte, der migrantischen Mitbürger, der liberaleren Städte, der roten Linien. Dieselbe Strategie erwartet er für die USA unter Trump: sich auf Ebene der Bundesstaaten einbunkern, in New York eine andere Politik machen, Abschiebungen der Bundesbehörden nicht mitvollziehen.

Am nächsten Tag kam es, wie Marinić fürchtete. In Thüringen wurde die AfD mit 32,8 Prozent stärkste Kraft, Grüne und FDP flogen aus dem Landtag, die SPD kam auf 6,1 Prozent; in Sachsen landete die AfD mit 30,6 Prozent knapp hinter der CDU, die FDP war draußen, die Grünen hielten sich mit 5,1 Prozent. Toozes erste These spielte sich danach in Berlin ab, allerdings von der anderen Seite. Die Ampel zerbrach im November 2024 an der Schuldenbremse, also genau an der Blockade, die er beschrieb. Gelöst hat sie im März 2025 Friedrich Merz, der im Wahlkampf an ihr festgehalten hatte. Mit Verweis auf die Sicherheitslage, „whatever it takes“, ließ er den alten Bundestag Verteidigungsausgaben ausnehmen und 500 Milliarden Euro Sondervermögen ins Grundgesetz schreiben. Wer die Krise definiert, hat die Macht. Es war nur nicht die Seite, die Tooze im Sinn hatte.

Angst prüfen statt bedienen

47:17 — Marinić bringt die Angst ins Spiel, und Tooze antwortet mit einer Gegenfrage, die im Saal ungewohnt klingt: ob Angst sich überhaupt mit Demokratie verträgt, oder ob sie ein im Grunde antidemokratischer Affekt ist. Er will sie nicht ausschließen und nicht bedienen, sondern prüfen. 48:02 Sind diese Ängste realistisch? Man solle sie ernst nehmen und niemandem respektlos begegnen, aber eine gewisse Vernunft einfordern. Wo in Teilen Deutschlands kaum Menschen mit Migrationshintergrund leben und trotzdem Angst vor ihnen geschürt wird, muss zuerst die Realitätsfrage gestellt werden.

48:47 — Die zweite Hälfte der Antwort ist praktischer. Wo es echte Engpässe gibt, oft verschärft durch unterfinanzierte öffentliche Dienste, muss progressive Politik „vorauseilend“ sein: das Feuer löschen, bevor ein political entrepreneur von der anderen Seite es legt. Ängste ernst nehmen heißt dann, sie umzudeuten und anders auf sie zu reagieren.

Marinić hört darin zum ersten Mal Platz für die Utopie49:35, weil Tooze die Vernunft ins Spiel bringe, und sie sagt offen, was ihr an seinem Programm der Blockaden missfällt:

„Es ist nice, aber in dieser Welt möchte ich utopisch gesehen auch nicht leben.“50:21

Im Gespräch — 50:21

Sie nennt es Dirty Politics, ein gegenseitiges Blockieren, das im Klein-Klein bleibt. Tooze bleibt bei sich. 51:06 „Ich habe euch ja gewarnt, dass ich vielleicht nicht der Mann für Utopien bin.“ Was er anbieten könne, sei Optimismus, vielleicht ein Zweckoptimismus: dass ein vernünftiger Diskurs und glaubwürdiger Einsatz Menschen aus der Defensive der Angst herauslocken können. 51:54 Politologische Untersuchungen zu Deutschland zeigten, dass über viele Themen weniger Spaltung herrscht als Einigkeit darüber, was ein gutes Leben ausmacht; das politische System werde dem nicht gerecht.

Das ist der überraschendste Moment des Morgens. Der Mann, der eben noch Freunde und Feinde sortierte, beruft sich auf eine stille Mehrheit, die sich über das Wesentliche einig ist. Marinić hat den Widerspruch gespürt, ohne ihn auszusprechen. Wenn die Einigkeit über das gute Leben so breit ist, warum braucht es dann eine Politik der Härte? Toozes Antwort liegt wohl in der Unterscheidung zwischen Zielen und Wegen, und die führt er erst im Streit mit Göpel aus. Münkler würde ihm entgegnen, dass Angst sich ihre Gegenstände selbst sucht und darum mit Realitätsprüfung allein nicht zu fassen ist (Münkler).

Therapie oder Politik — der Streit mit Göpel

53:24 — Am Schluss wird es ernst zwischen den beiden, die die Berliner Erklärung gemeinsam unterschrieben haben. Göpel erzählt, welche zwei Vorwürfe sie dagegen hörte: Man denke nicht mehr in Effizienz, und das Ganze sei eine linke Agenda. Gegen den zweiten ist sie „sehr stark eingestiegen“, und sie will mit Tooze darum ringen. 54:10 Es gebe doch einen, „lass es ein bisschen utopischen“, Konsens: das Grundgesetz und die Nachhaltigkeitsziele, auf die man sich geeinigt hat, mit Indikatoren, an denen sich ein gutes Leben ablesen lässt. Dass niemand Angst haben muss, an der nächsten Ecke zusammengeschlagen zu werden, weil seine Haut eine andere Farbe hat. Dass jeder Zugang zur Grundversorgung hat.

55:41 — Die herrschende Wirtschaftspolitik verfehle diese Ziele nachweislich, bei Ungleichheit, Klima, Bildung. Wer die Ziele will, muss andere Politik machen, und das sei weder links noch rechts, sondern wirkungsvolles Regieren. Daraus folgt ihr Programm der Übersetzung: Liebe Konservative, es ist in eurem Interesse, die Versorgungssicherheit nicht in Grund und Boden zu fahren. Liebe Liberale, lest noch einmal eure liberalen Denker. 56:26 „Bisschen anständig hingucken und dann ein bisschen anständiger miteinander umgehen.“ Dann die Frage an Tooze: Sei sie zu stark „in die Konsenssoße“ gelaufen?

Tooze antwortet mit einer Höflichkeit, die schneidet:

„… es fasziniert mich, dass du dich in diese therapeutische Position versetzt …“56:26

Im Gespräch — 56:26

57:11 Das sei nicht sein Bild. Man solle keine Scheu haben, Identität über Politik zu bestimmen; vielleicht komme das aus seiner Biografie zwischen Großbritannien und Amerika. Kompromisse ja, aber sie beruhen auf Verschiedenheit: „Wir wollen ja nicht auf eine Therapiesession raus … sondern wir wollen Politik machen.“ Dann trennt er Göpels Konsens in zwei Teile, und darin liegt der genaueste Gedanke des ganzen Gesprächs. 57:58 Dass People of Color in Teilen Deutschlands Angst haben, auf die Straße zu gehen, ist eine Frage der Rechtsordnung und der Zivilität. Darüber sind sich anständige Konservative, Liberale und Linke einig; das steht nicht zur Debatte. 58:43 Ungleichheit dagegen bejahen manche Liberale ausdrücklich. Und bei der Dekarbonisierung steckt gerade in ihrem Anschein eines Gemeinschaftsunternehmens die „verteufelte unpolitische Versuchung“, sich einig sein zu sollen. 59:28 Wer entscheidet, was zuerst kommt, wo man anfängt, ob man technologieoffen bleibt oder schon weiß, was zu tun ist? Das technokratische Problem entlarvt sich als zutiefst politisches. Die Vermutung, aus der Klimafrage öffne sich ein unpolitischer Raum der Zweckmäßigkeit, hält er „nicht für Utopie, sondern einfach nur Irreführung“60:14.

Göpel gibt ihm die Wege und behält das Ziel. Die Umsetzung werde immer umkämpft bleiben, weil sie Privilegien neu sortiert und Geschäftsmodelle umbaut. Ihr gehe es um die Ergebnisorientierung: 61:00 ob eine Regierung ihre übergeordneten Ziele erreicht hat oder nur gut aus der Sonntagsfrage und der Wahl in Thüringen herauskommt. Ihr Schlussappell an die Parteien, am Vorabend der Ostwahlen: Die Idee, mit Profil sei nichts zu gewinnen, sei „eine mediale Verkürzung eures Auftrags“.

Man sollte Göpels Position stärker machen, als Toozes Wort von der Therapie es zulässt. Sie fordert keine Harmonie. Sie sucht einen Maßstab, an dem sich alle Lager messen lassen müssen, und den haben Grundgesetz und Nachhaltigkeitsziele tatsächlich, beschlossen von Mehrheiten, die weit über links hinausreichen. Ein Klimaziel, das Konservative mitbeschlossen haben, bindet sie stärker als jede Hegemonie, die sie ausgrenzt. Das Klimaschutzgesetz, an dem Karlsruhe 2021 die Freiheit künftiger Generationen maß, stammte von einer Großen Koalition. Und Göpels Übersetzungsarbeit ist genau das, was eine Mehrheitsbildung braucht, die Tooze selbst will: Leute dort abholen, wo ihre Interessen schon liegen. Tooze wiederum hat recht, dass „keine linke Agenda“ eine Formel ist, die Gegner nicht entwaffnet. Die Erfahrung spricht eher für ihn: Gemessen wurde das Heizungsgesetz 2023 an einem Wort der BILD, an keinem Indikator. Beide haben eine Hälfte. Er weiß, dass jeder Weg politisch ist; sie weiß, dass ohne gemeinsames Ziel keiner der Wege irgendwohin führt.

Weitergedacht

Göpel nennt Grundgesetz und Nachhaltigkeitsziele einen Konsens, Tooze nennt die Hoffnung auf einen unpolitischen Klimaraum eine Irreführung. Kann ein Ziel überparteilich sein, wenn jeder Weg dorthin parteiisch ist — oder holt der Streit über die Wege das Ziel am Ende immer wieder ein?


Nachbesprechung

Zwei Fragen lässt dieser Morgen offen: ob eine Politik, die eine Mehrheit sichtbar beschenkt, an der Urne belohnt wird, und ob eine Demokratie Gegner braucht oder Konsens. Was die Forschung dazu weiß.

Lohnt sich materielle Politik an der Urne?

Toozes Wette ist schlicht gebaut. Wer einer Koalition sichtbar etwas gibt und offen sagt, wem, baut sich eine Mehrheit; das Paket von 2021 war für ihn genau das, Klientelpolitik nach dem Muster des New Deal36:36. Die Forschung zu Transfers und Wahlen gibt ihm im Grundsatz recht. In Uruguay waren Haushalte, die knapp unter der Schwelle des Armutsprogramms PANES lagen und darum Geld bekamen, um 11 bis 13 Prozentpunkte häufiger für die Regierung als knapp abgelehnte, und die Zustimmung hielt über das Ende der Zahlungen hinaus (Manacorda, Miguel & Vigorito 2011, doi:10.1257/app.3.3.1). In Mexiko wirkte das Programm Progresa vor allem über die Beteiligung: Der Anteil der Regierung stieg, die Opposition verlor nichts (De La O 2013, doi:10.1111/j.1540-5907.2012.00617.x, randomisiert). Das ist Toozes Nachsatz in Zahlen, die Armen wählen großteils nicht, und sie an die Urne zu bringen, ist das Projekt37:22. In Finnland gingen Arbeitslose, die per Los zwei Jahre lang ein bedingungsloses Grundeinkommen bekamen, häufiger wählen, die sonst Wahlmüden um sechs bis acht Punkte, auch nach dem Ende des Versuchs (Hirvonen, Schafer & Tukiainen 2024, doi:10.1111/ajps.12915). Und nach der Elbeflut 2002, als Berlin schnell und sichtbar half, gewann die SPD in den betroffenen Gebieten sieben Punkte (Bechtel & Hainmueller 2011, doi:10.1111/j.1540-5907.2011.00533.x).

Drei Einschränkungen erklären, warum die Wette 2024 trotzdem nicht aufging. Die erste ist die Zeit. Von den sieben Punkten der Flut war 2005 noch ein Viertel übrig, 2009 nichts mehr. Bolsa Família half in Brasilien dem Präsidentschaftskandidaten der Regierung, gleich welcher Partei, eine dauerhafte Bindung an eine Partei entstand nicht (Zucco 2013, doi:10.1111/ajps.12026). Dankbarkeit verbraucht sich, und der erweiterte Kinderfreibetrag war drei Jahre vor der Wahl ausgelaufen (→ Faktencheck). Die zweite ist die Sichtbarkeit. Wähler belohnen die Katastrophenhilfe, nicht die Vorsorge, die ein Vielfaches an Schaden verhindert hätte (Healy & Malhotra 2009, doi:10.1017/s0003055409990104). In den Landkreisen, in die Geld aus dem Inflation Reduction Act floss, fanden zwei Studien 2024 keinen messbaren Gewinn für die Demokraten (Møller 2025, doi:10.31219/osf.io/7qhns; Miao, Finnegan & Andersson 2026, doi:10.33774/apsa-2026-98gg9, beide noch nicht begutachtet). Eine dritte fand ihn doch, für die Amtsinhaber im Repräsentantenhaus, und zwar beider Parteien, auch für Republikaner, die gegen das Gesetz gestimmt und die Investitionen dann im Wahlkampf für sich reklamiert hatten (Morton et al. 2026, doi:10.1038/s44168-026-00402-1). Den Dank bekommt, wer die Gabe überreicht. Trumps Name stand 2020 auf den Corona-Schecks, Bidens Name 2021 bewusst nicht (Axios, 09.03.2021). Die dritte Einschränkung ist Toozes eigene Härte. Wer leer ausgeht, merkt es: In Lateinamerika stimmen Empfänger von Transfers häufiger für die Regierung, manche Nicht-Empfänger wandern zur Opposition, und der Saldo ist offen (Corrêa & Cheibub 2016, doi:10.1111/j.1548-2456.2016.00296.x).

Dagegen steht die Rechnung, die Tooze „eingepreist“ nennt. In einem vorregistrierten Experiment wenige Tage vor der Wahl 2024 senkte schon die Erinnerung an die Inflation die Zustimmung zu den Demokraten, am stärksten bei Unabhängigen (Aytaç, McDowell & Steinberg 2025, doi:10.1017/s0007123425100811). Auf Kreisebene sagt eher der Verlust an Reallohn den Zugewinn der Republikaner voraus als die Preissteigerung selbst (Riaño & Trebbi 2026, doi:10.3386/w35301, nicht begutachtet). Einig ist sich die Forschung nicht. Für die Zwischenwahl 2022 fanden Mutz und Mansfield keinen Inflationseffekt, wohl aber einen der Abtreibungsfrage (Mutz & Mansfield 2024, doi:10.1073/pnas.2319512121).

Wo materielle Politik verfing, hatte sie einen Boten. Spaniens Sozialisten handelten 2018 mit Gewerkschaften und Unternehmen ein Abkommen zum Kohleausstieg aus, mit Geld für Beschäftigte und Gemeinden; in den Bergbaugemeinden legte die PSOE 2019 zu, getragen von den Gewerkschaften, die das Abkommen vor Ort vertraten (Bolet, Green & González-Eguino 2023, doi:10.1017/s0003055423001235). Toozes Diagnose der Werbesprache gilt auch hier, nur umgekehrt. Ein Scheck ohne Absender ist ein Angebot ohne Erzählung, und die Inflation hatte eine.

→ Weiter im Panorama: Was holt Wähler zurück?, mit Tom Krebs, Robin Celikates und Aladin El-Mafaalani.

Braucht Demokratie Gegner — oder Konsens?

Tooze verlangt eine Mehrheit, die ihre Gegner in die Minderheit schiebt, und nennt eine Politik, die niemanden zurücklassen will, „gar keine Demokratie“12:59. Göpel hält mit Grundgesetz und Nachhaltigkeitszielen einen Konsens dagegen, Tooze nennt die Hoffnung auf einen unpolitischen Raum „Irreführung“60:14. Was Mouffe theoretisch dazu sagt, steht oben. Die empirische Forschung zerlegt den Streit in zwei Fragen, und bei jeder bekommt ein anderer recht.

Die erste: Schadet es, wenn die großen Parteien einander zu ähnlich werden? Hier spricht vieles für Tooze. In 16 europäischen Ländern wechselten Wähler umso häufiger von den großen zu kleineren und radikaleren Parteien, je näher die großen einander auf der Links-rechts-Achse rückten (Spoon & Klüver 2019, doi:10.1111/1475-6765.12331, knapp 15.000 Wahlentscheidungen 2001–2013). Das ist Mouffes These, dass Konsens Populismus erzeugt (Mouffe), mit Daten.

Die zweite: Was geschieht, wenn die Lager einander als Feinde sehen? Hier behält Toozes eigene Warnung recht, die Freund-Feind-Unterscheidung sei „nicht ganz ohne“13:44. In einem Kandidatenexperiment in den USA bestrafte nur ein kleiner Teil der Wähler Politiker, die demokratische Regeln brachen, und zwar umso seltener, je stärker die Parteibindung war und je weiter die Programme auseinanderlagen (Graham & Svolik 2020, doi:10.1017/s0003055420000052). Wer den Gegner für einen Feind hält, verzeiht dem eigenen Lager mehr. Ganz so geradlinig ist die Kette aber nicht. Senkt man in Experimenten die Abneigung gegen die andere Partei, ändert das an der Haltung zu demokratischen Normen kaum etwas (Broockman, Kalla & Westwood 2023, doi:10.1111/ajps.12719; Voelkel et al. 2023, doi:10.1038/s41562-022-01466-9). Gefährlich ist weniger der Ärger übereinander als die Bereitschaft, für den Sieg die Regeln zu opfern.

Dazu kommt eine Frage, die Tooze überspringt: Wie geht es den Verlierern? Mehrheitsdemokratien machen ihre Gewinner zufriedener mit der Demokratie und ihre Verlierer unzufriedener. In Konsensdemokratien ist der Abstand kleiner, weil die Verlierer mitregieren oder mitverhandeln (Anderson & Guillory 1997, doi:10.2307/2952259; Bernauer & Vatter 2012, doi:10.1111/j.1475-6765.2011.02007.x). Ob Konsensdemokratien auch besser regieren, wie Lijphart meint, ist umstritten. Nachrechnungen finden das Verhältnis zwischen Konsensinstitutionen und eingebundenen Verbänden uneindeutig, und welcher der beiden den Vorsprung trägt, bleibt offen (Giuliani 2016, doi:10.1111/1475-6765.12117).

Versöhnt sind die beiden damit nicht, aber der Streit verschiebt sich. Konsensdemokratie ist institutionalisierter Kompromiss zwischen Verschiedenen, fast wörtlich Toozes eigener Satz, Kompromisse beruhten auf Verschiedenheit57:11. Göpel hat recht, dass ein geteiltes Ziel die Verlierer im Spiel hält; Tooze hat recht, dass eine Mitte ohne erkennbare Alternativen die Wähler an die Ränder schickt. Unterschätzt haben beide dieselbe Gefahr: eine Mehrheit, die gewonnen hat und danach nicht mehr verlieren will.

→ Weiter im Panorama: Warum bleibt die Sachfrage stecken?, mit Wendy Brown, Möllers und Poschardt und Ardalan Ibrahim.


Faktencheck

Bestätigt — Scholz’ „Nö“ nach der Europawahl

2:20. Die SPD war am 9. Juni 2024 mit 13,9 % hinter die AfD gefallen, ihr bis dahin schlechtestes bundesweites Ergebnis; die Ein-Wort-Antwort ist dokumentiert und sorgte in der eigenen Partei für Unmut. Toozes Erklärung, dahinter stehe ein Kalkül aus Fokusgruppen 22:09, ist eine Deutung — er räumt selbst ein: „ich kann es nicht beweisen.“ Quelle: Tagesspiegel, 14.06.2024 — In der SPD wächst der Unmut über Scholz

Vereinfacht — „Preisschock statt Inflation“

4:35. Der Kern hat Rückhalt bis in den Mainstream: Für die USA zeigen Bernanke und Blanchard, dass der Schub 2021/22 überwiegend aus Preisschocks kam und nicht aus einer Lohn-Preis-Spirale (AEJ: Macro 2025, begutachtet, doi:10.1257/mac.20230195); für den Euroraum gehen rund 40 % des Anstiegs auf Importpreise und ein großer Teil auf Gewinne zurück (IMF Working Paper 2023, nicht begutachtet, doi:10.5089/9798400245473.001). „Keine allgemeine Preiswelle“ geht aber zu weit: Die Kerninflation ohne Energie und Lebensmittel lag in Deutschland noch im August 2023 bei 5,5 %, der Schock hatte sich verbreitert. Tooze schränkt sich später selbst ein 35:06: In den USA könne man „tatsächlich von einer Inflation“ reden. Die Begriffswahl dient seiner These von der Definitionsmacht über die Krise. Quelle: DATEV-Magazin zu Destatis, Inflation August 2023

Vereinfacht — Carl Schmitt, „der Göring-Jurist, im NS formuliert“

5:22. Die Etikette hat einen Kern: Göring berief Schmitt im Juli 1933 in den Preußischen Staatsrat. Die Datierung stimmt nicht — „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“ eröffnet die Politische Theologie von 1922, eine Weimarer Formel. Was Tooze nicht ausspricht: Wenige Minuten später übernimmt er Schmitts Kernkategorie, Freund und Feind 12:59; auch der Agonismus, auf den er sich später beruft, geht bei Chantal Mouffe ausdrücklich auf Schmitt zurück. Er räumt selbst ein, das sei „nicht ganz ohne“. Quelle: LeMO/DHM — Carl Schmitt

Bestätigt — „Polykrise“: verbreitet, nicht erfunden

6:08. Tooze sagt redlich, er habe den Begriff „propagiert“. Geprägt haben ihn Edgar Morin und Anne-Brigitte Kern 1993 in Terre-Patrie; Juncker brachte ihn 2016 in die Politik, Tooze machte ihn ab 2022 populär. Seine Klarstellung, Polykrise heiße Komplexität und nicht „Omnikrise“, liegt nah an Morins Ursprung. Quelle: Polycrisis (Begriffsgeschichte)

Bestätigt — Stimulus 2021 halbiert die Kinderarmut

34:21. Nach der ergänzenden Armutsmessung des Census fiel die Kinderarmut 2021 auf ein historisches Tief von 5,2 % (2019: 12,6 %). Die Dauer ist zu lang angegeben: Der erweiterte Child Tax Credit galt nur für 2021, die Monatszahlungen liefen von Juli bis Dezember. Was Tooze „Verdrängung“ nennt, hat einen konkreten Namen: Die Gutschrift wurde im Senat nicht verlängert, 2022 sprang die Kinderarmut auf 12,4 %, der größte Anstieg seit Beginn dieser Messung. Quelle: US Census, Poverty in the United States: 2022 · 2021

Vereinfacht — Lohnschere „zur Hälfte geschlossen“

34:21. Autor, Dube und McGrew finden, dass die Lohnkompression nach der Pandemie „rund ein Drittel“ des Anstiegs der 90/10-Lohnungleichheit seit 1980 rückgängig gemacht hat (NBER Working Paper, nicht begutachtet, doi:10.3386/w31010) — nicht die Hälfte. Als Mechanismus nennt das Paper den angespannten Arbeitsmarkt, nicht die Schecks; der Stimulus wirkt höchstens indirekt. Die Richtung hält: Mit Daten bis November 2025 hatte die Kompression weitgehend Bestand. Tooze rundet in die Richtung seines Arguments auf. Quelle: Dube: The Wage Compression that Persisted

Bestätigt — Der Bundestag folgt den Besserverdienenden

36:36. Elsässer, Hense und Schäfer werteten über 800 Sachfragen 1980–2013 aus: Entscheidungen hängen deutlich mit den Meinungen höherer Einkommensgruppen zusammen, für die Ärmsten gibt es keinen oder einen negativen Zusammenhang (Primärstudie, doi:10.1007/s41358-017-0097-9; vergleichend doi:10.1080/13501763.2020.1801804). Tooze engt ein (die Studie gilt allen Politikfeldern, nicht nur Steuern) und schärft zu (gemessen ist ein Zusammenhang, keine ursächliche „Mitbestimmung“). Nebenbefund: Der Befund stand im Entwurf des 5. Armuts- und Reichtumsberichts und wurde in der Ressortabstimmung gestrichen. Quelle: Paritätischer: gestrichene Passagen im Armuts- und Reichtumsbericht

Vereinfacht — Erlass der Studienschulden als gelungene Klientelpolitik

37:22. Der große Plan über rund 400 Mrd. Dollar wurde am 30.06.2023 vom Supreme Court gekippt (Biden v. Nebraska, 6:3); übrig blieben gezielte Erlasse über bestehende Programme. Als Beispiel für gelungenen Mehrheitsbau taugt das nur halb. Quelle: NCSL — Supreme Court Strikes Down Student Loan Forgiveness Program

Bestätigt — Das IRA-Geld fließt in republikanische Wahlkreise

32:50, 45:01. Laut E2 (August 2024) lagen knapp 60 % der angekündigten Projekte und rund 85 % der Investitionssumme in republikanischen Wahlkreisen — Ankündigungen, kein ausgegebenes Geld. Seither hat die These „schwer wieder abzuräumen“ nur teilweise gehalten: Der One Big Beautiful Bill Act (04.07.2025) strich die E-Auto-Gutschriften vorzeitig und befristete die für Wind und Solar scharf. Quelle: CleanTechnica zum E2-Bericht · Jones Day — OBBBA

Nicht verifizierbar — „Als Antisemit diffamiert“

19:53. Belegt ist nur, dass Tooze Ende 2023 die Gegenerklärung zur Habermas-Stellungnahme zu Gaza mitunterzeichnete und dafür scharf kritisiert wurde. Einen konkreten Antisemitismus-Vorwurf gegen ihn persönlich fand sich nicht — dabei trägt die Aussage in seinem Argument viel Gewicht, sie rechtfertigt das „Zurückschlagen“. Keine unabhängige Quelle gefunden (Kontext: Perlentaucher 9punkt, 24.11.2023)

Bestätigt — Mehr Einigkeit, als die Spaltungsdiagnose behauptet

51:54. Gemeint ist erkennbar Triggerpunkte von Mau, Lux und Westheuser (2023): breiter Konsens in Grundfragen, Zuspitzung an bestimmten Reizpunkten. Die Autoren warnen selbst davor, das als Entwarnung zu lesen. Quelle: Perlentaucher — Triggerpunkte


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

Im Gespräch erwähnt:

  • Berlin Summit 2024 „Winning back the people“ — Forum New Economy, 27.–29.05.2024 bei Berlin; Tooze hielt die Keynote, er und Göpel unterzeichneten die Abschlusserklärung, auf die sich beide beziehen
  • Reinhart Koselleck: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten (1979) — der Begriff hinter Toozes „Nostalgie für vergangene Zukünfte“
  • Carl Schmitt: Politische Theologie (1922) — „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“
  • Wolfgang Streeck: Gekaufte Zeit (2013) und How Will Capitalism End? (2016) — Toozes Beispiel für sozialdemokratische Nostalgie; seine Kritik: Adam Tooze, A General Logic of Crisis, London Review of Books, 2017
  • Adam Tooze: Welt im Lockdown (2021) — Next Generation EU und das US-Konjunkturpaket von 2021 aus der Nähe
  • Salvage — britisches Magazin und Kreis um eine „Salvage Marxism“, den Tooze als Versuch nennt, den Marxismus vor der Nostalgie zu retten

Zur Einordnung im Text:

Aus dem Faktencheck


Verbindungen

→ Chantal Mouffe — Das Politische und die Politik

Tooze spricht an diesem Morgen Mouffes Sprache: Konsenspolitik als Entpolitisierung, Hegemonie als Ziel, die Mitte als Mitschuldige am Populismus. Ein Wort aber übernimmt er nicht. Mouffe hat Schmitts Feind zum Gegner umgebaut, dessen Recht auf Widerspruch man anerkennt; Tooze sagt „Feinde“ und „ausgrenzen“. Wer beide nebeneinander liest, sieht, wie schmal der Grat ist, auf dem ein linkes Freund-Feind-Denken demokratisch bleibt, und dass Mouffe ihn genauer vermessen hat.

→ Adam Tooze und Maja Göpel — Die Polykrise

Dasselbe Paar, zwei Jahre später, beim Surplus-Abend 2026. Dort führt Göpel die Definitionsmacht für die Ökonomie aus, und Tooze zweifelt, ob die grüne Modernisierung als Antwort noch trägt. Lüneburg 2024 ist die politische Vorgeschichte: Schon hier warnt Tooze vor der „Sehnsucht nach Nachhaltigkeit“, und schon hier streiten die beiden, ob sich ein Ziel jenseits der Lager formulieren lässt. 2026 sind sie sich in der Diagnose näher, in der Frage nach dem Wir nicht.

→ Göpel, Bleisch, El-Mafaalani, Schmitt — Verhärten. Überall. Und nun?

Die Konferenz zwei Jahre später, mit Göpel wieder auf der Bühne. Wolfgang M. Schmitts Frage, ob „wir das aushalten, wenn die Gegenseite gewinnt“, ist die Antwort, die Toozes Hegemonie-These 2024 fehlte. Wer seine Ziele festschreiben will, solange er die Mehrheit hat, muss mit derselben Logik der anderen rechnen. Göpels Kriterium der Irreversibilität von 2026 liest sich wie ein Nachtrag zu ihrem Konsens-Argument von hier: ein Maßstab, der nicht davon abhängt, wer regiert.

→ Maja Göpel und Jagoda Marinić — Vertrauen, utopisch?

Die Schwester-Note derselben Konferenz 2024, die unter dem Thema Vertrauen stand. Dort sind Göpel und Marinić Gastgeberinnen ihres eigenen Gesprächs; hier stehen sie einem Gast gegenüber, für den Vertrauen das Ergebnis von Mehrheit und Glaubwürdigkeit ist, keine Ressource, auf die man zurückgreift. Marinićs Satz, in einer Welt der gegenseitigen Blockade wolle sie „utopisch gesehen“ nicht leben, ist die Brücke zwischen beiden Morgen.

→ Thomas Fricke — Wie die Wirtschaftskrise den Rechten nützt (Surplus)

Fricke beschreibt die Inflation als Ohnmachtserfahrung, die den Rechten nützt, und beruft sich auf Isabella Weber, deren Lesart der Preisschocks Tooze teilt. Er zeigt die Rechnung, die Tooze offenlässt: Das Konjunkturpaket von 2021, das Tooze als vergessenen Erfolg feiert, trug zu genau der Preiserfahrung bei, die Harris 2024 Stimmen kostete. Beide wollen eine Politik, die vorbeugend gegen Ohnmacht arbeitet; bei Fricke hat sie einen Preis, den Tooze „eingepreist“ nennt.

→ Herfried Münkler — Die Sehnsucht nach Ordnung

Tooze will Ängste prüfen und dort, wo es echte Engpässe gibt, vorauseilend löschen. Münkler hält dagegen, dass Angst eine Disposition ist, die sich ihre Gegenstände selbst sucht, und dass die Mitte ihr darum hilflos gegenübersteht. Beide berufen sich auf Koselleck: Tooze warnt vor der Nostalgie nach vergangenen Zukünften, Münkler beschreibt einen verdunkelten Erwartungshorizont. Zusammen gelesen fehlt beiden dasselbe, eine Zukunft, die man anbieten könnte, ohne in die alte zurückzuwollen.

→ Der Heizungshammer — wie ein erfundenes Wort ein Gesetz kippte

Tooze erklärt das Scheitern des Heizungsgesetzes mit der Unzulänglichkeit des ersten Entwurfs, die den Gegnern der Energiewende die Lücken bot. Die Oxford-Studie, die der Heizungshammer-Note zugrunde liegt, legt das Gewicht anders: auf ein erfundenes Wort der BILD und tausend Blätter, die es nachdruckten. Beides schließt sich nicht aus. Zusammen zeigen sie, was Tooze mit Kompetenz als Bedingung demokratischer Politik meint: Wer einen angreifbaren Entwurf vorlegt, liefert dem Kampfbegriff die Munition.

→ Wie handelt eine Demokratie?

Toozes Liste der Blockaden, von der Schuldenbremse bis zum Kohlekompromiss, ist ein Beitrag zur Frage des Panoramas, warum die Sachfrage stecken bleibt. Er fügt den Vetospielern der Politikwissenschaft einen Gedanken hinzu, der dort noch fehlt: Aufschieben ist Macht, und Progressive sollten sie als Sperrminorität ebenso nutzen. Die Forschung zur Konsensdemokratie, die dort steht, ist die stärkste empirische Antwort auf seine Kampfansage an den Konsens.

→ Isabella Weber — Antifaschistische Wirtschaftspolitik

Tooze verteidigt das Paket von 2021 und nennt die Inflation eingepreist; für Weber ist genau das der Preis, mit dem Trump zurückkam, weil niemand die Grundgüter schützte. Zwei Ökonomen, die dieselben Preisschocks gleich lesen und sich an einer Frage trennen: Nimmt man den Preis einer Mehrheitspolitik hin, oder deckelt man ihn?


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
  • Tooze sagt, eine Politik, die niemanden zurücklassen will, sei keine Demokratie. Wenn das stimmt — wen genau dürfte eine progressive Mehrheit zurücklassen, ohne das Versprechen zu brechen, für das sie gewählt wird?
  • Die Schuldenbremse fiel 2025, als ein Konservativer eine Sicherheitskrise ausrief. Hat sich Toozes These damit bestätigt oder gegen ihn gewendet — und gibt es eine Krisendefinition, die man nur der eigenen Seite wünschen kann?
  • Mouffe will Gegner, Tooze sagt Feinde. Ändert das Wort etwas daran, wie eine Mehrheit mit der Minderheit umgeht, oder ist der Unterschied nur eine Höflichkeit der Theorie?
  • Göpel will an Indikatoren messen, ob eine Regierung ihre Ziele erreicht hat. Wer hätte das Paket von 2021 nach ihren Maßstäben besser bewertet — die Statistik, die Kinderarmut halbiert sah, oder die Wähler, die es nicht honorierten?
  • Tooze traut seiner eigenen Begeisterung nicht und verlangt Gegenspieler, die ihm misstrauen. Wem gegenüber hast du zuletzt so viel Misstrauen in die eigene Überzeugung zugelassen — und hat es dich schwächer gemacht oder genauer?

Von hier einen Faden gehen7 Stationen, rückwärts durch den Bestand

Im Bestand

Isabella WeberAntifaschistische…Maja Göpel und Jagoda MarinićVertrauen, utopisch?Adam ToozeDenkerVitaMaja GöpelDenkerVitaJagoda MarinićDenkerVitaWann darf der Staat Preise…Ardalan IbrahimDie Partei für LosdemokratiePhilipp BlomDie strauchelnde WeltWie kann Demokratie…Veronika GrimmDer Preis als Signal (Jung &…Stephan Marks und Aladin…Unter der Wut die Scham?Henrike von Scheliha und…Aladin El-MafaalaniMisstrauensgemeinschaften und…Susanne BoshammerWas heißt verzeihen?Simone WeilAufmerksamkeit, die seltenste…Roberto SimanowskiSprachmaschinen und der…Dietmar Dath und Wolfgang M.…Verschwendung als Möglichkeit?Mithu Sanyal und Şeyda KurtEntgegenkommen, wenn es…Carsten BrosdaNächste Demokratie?Harald Welzer und Barbara…Großzügigkeit und Gegenwärtigkeit

fünf gedachte Verweise · 15 geteilte Quellen, die noch niemand verlinkt hat · 11 weitere nicht gezeigt

verlinktdieselbe Quelle, nie verlinkt
▶
bei 0:00schließen P